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In Mosambik, um andere zu impfen: So arbeitet Amina (23) als Entwicklungshelferin

In Mosambik, um andere zu impfen: So arbeitet Amina (23) als Entwicklungshelferin
Foto: Jugendbotschafterin Amina/ Source: privat

Amina Hikari Fall ist Jugendbotschafterin der Entwicklungsorganisation One. Bei Mads erzählt die 23-Jährige von ihrer Arbeit, wie sie es schafft mit großen Politikern wie Außenminister Heiko Maas zu sprechen und warum man in Mosambik noch zuversichtlich ist, Corona zu besiegen.


Was sind deine Aufgaben als Jugendbotschafterin?

Amina und Außenminister Heiko Maas bei der Auftaktveranstaltung von One in Berlin. Quelle: One.

Die Entwicklungsorganisation One hat deutschlandweit Jugendbotschafter und jeder versucht, vor Ort mit den Politikern zu sprechen. Die meiste Zeit beschäftigen wir uns also mit Lobbyarbeit. In den Gesprächen versuchen wir, Politiker von unseren Zielen – also extreme Armut und vermeidbare Krankheiten bis 2030 zu beenden – zu überzeugen. Manche davon sind ziemlich bekannt, zum Beispiel Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Entwicklungsminister Gerd Müller oder Außenminister Heiko Maas – den habe ich bei der Auftaktveranstaltung von One in Berlin getroffen. 

Wie schaffst du es, dass diese bekannten Politiker sich Zeit für dich nehmen?

One ist vor allem unter Entwicklungspolitikern bekannt, von ihnen bekommen wir auch die meiste Unterstützung. Meistens organisiert unser Büro die Treffen mit weiteren Politikern. Ansonsten schreiben wir ihnen als Jugendbotschafter persönlich eine E-Mail und finden dann einen gemeinsamen Termin, an dem wir uns zusammensetzen. Außerdem ist die Arbeit direkt aus Berlin für mich einfacher. Hier wird Bundespolitik gemacht, deshalb sind hier viele Politiker, die ich treffen kann. Nicht immer kann ich bei einem Gespräch wirklich etwas bewirken, weshalb ich möglichst viele Politiker treffen will. Natürlich gibt es auch andere Aufgaben, als Politiker zu treffen. Wir Jugendbotschafterinnen bemühen uns auch um die Aufklärung über unsere Arbeit. Das machen wir etwa auf Festivals oder mit Straßenständen.

Klingt nach einem ziemlich großen Aufwand. Wie schaffst du das neben deinem Studium?

Als Zahnmedizin-Studentin habe ich schon recht viel zu tun. Auch bei One fällt viel Arbeit an, aber da kann ich mich flexibel organisieren. Ich mache nur so viel, wie ich schaffe: Mal ist es mehr, mal etwas weniger. Das fühlt sich für mich aber nicht wie Arbeit an – eher wie eine Freizeitbeschäftigung oder ein Hobby. Wenn andere Menschen ins Kino gehen, setze ich mich oft lieber mit den drei anderen Jugendbotschaftern aus Berlin zusammen und spreche über Projekte, wie “Armut ist sexistisch“. Dabei überlegen wir, wie wir Frauen und Mädchen in afrikanischen Entwicklungsländern aus der Armut helfen.

Warum sind Frauen und Kinder in Entwicklungsländern eher von Armut betroffen?

Amina auf ihrer Reise mit One.
Quelle: One.

Das veraltete gesellschaftliche Bild, dass sich Frauen den Männern unterordnen müssen, ist weit verbreitet und beeinflusst diese Armut. In vielen Ländern können Frauen kein Konto eröffnen, um ihre Einnahmen sicher zu bewahren – laut dem diesjährigen Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums trifft das momentan auf 72 Staaten zu. Außerdem haben Frauen und Mädchen oft kein Erbrecht: Das Haus, in dem sie ihr ganzes Leben lang gelebt haben, kann ihnen nicht vererbt werden. Das gleiche gilt auch für das Land, auf dem sie oft täglich gearbeitet haben. Selbst wenn Frauen die einzigen Kinder der Eltern sind, dürfen sie es nicht erben. 

 Wegen der vorherrschenden Mentalität kann also selten etwas verändert werden. Für uns ist es effektiver zu zeigen, dass eine starke Wirtschaftskraft nicht genutzt wird, wenn Frauen nicht gefördert werden, als moralisch zu argumentieren: Nicht nur das Bruttoinlandsprodukt würde steigen, wenn Frauen arbeiten. Frauen Jobs ausüben zu lassen wäre auch eine Lösung für den oft vorherrschenden Fachkräftemangel. Außerdem könnten langfristig Arbeitsplätze gesichert werden, wenn Frauen die Möglichkeit hätten, ihre eigenen Geschäfte aufzubauen.

Du warst gemeinsam mit der Impfallianz Gavi in Mosambik. Ist die Armut das größte Problem in dem Entwicklungsland?

Gavi ist tatsächlich in vielen extrem armen Ländern tätig. Die Organisation ist ein Zusammenschluss von vielen Geberländern, die Impfungen für Kinder ermöglichen wollen. Ein Beispiel dafür, wie besonders Armut und fehlende Infrastruktur für Impfungen zum Problem werden können, ist Mosambik. Dort haben wir das nationale Zentrallager für Impfstoffe in der Hauptstadt Maputo besucht. Schon der Transport der Impfstoffe ist eine riesige Herausforderung. Normalerweise dauert es vier Tage, um von dort aus in die entfernteste Provinz in Mosambik zu kommen. Manchmal werden Transporter mit Steinen beschmissen oder Routen in das Zieldorf nicht gefunden. Dabei kann man die Impfstoffe neun Tage im Auto lagern. Verzögerungen auf dem Weg sorgen oft dafür, dass die Impfstoffe entsorgt werden müssen. 

Einige kleine Einblicke in Aminas Reise in Mosambik. Source: One.

Außerdem werden viele Erwachsene, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, nicht mehr geimpft – denn Impfstoffe sind knapp und teuer. Wenn man auf dem Land lebt, sind Krankenhäuser kaum zu erreichen: Fünf bis sechs Stunden brauchen die Menschen dort etwa, um das nächste Krankenhaus zu Fuß zu erreichen. Ein anderes Transportmittel haben die wenigsten. Die Krankenhäuser haben dann meist keine Kapazität für neue Patienten oder nicht die passenden Medikamente auf Lager. Die Menschen werden also wieder nach Hause geschickt, um es zu einem späteren Zeitpunkt erneut zu versuchen. Mein Vater kommt aus dem Senegal und dort gibt es Leute, die beispielsweise mit Gips ins Krankenhaus gehen, wenn sie sich den Arm gebrochen haben – weil das Krankenhaus keinen Gips auf Lager hat.

Gavi finanziert Impfprogramme in Entwicklungsländern: Wie wurden die Impfungen von den Menschen in Mosambik aufgenommen?

Quelle: One.

Es gab keine wirkliche Abneigung gegenüber der Impfstoffe, sie wurden eher begrüßt. Viele Menschen haben es in Mosambik schon erlebt, dass Verwandte und Bekannte an vermeidbaren Krankheiten gestorben sind. Die Schwierigkeit war eher zu erklären, dass die Menschen mit ihren gesunden Kindern zum Arzt gehen sollen, um diese zur Prävention zu impfen. Denn normalerweise geht man in Entwicklungsländern nur zum Arzt, wenn man es sich leisten kann und man wirklich schlimm erkrankt ist

Es gibt aber immer noch “zero dose children”, also Kinder, die noch nie geimpft worden sind. Deshalb gehen wir mit unseren Impfstoffen oft direkt in die Dörfer.

Kann das Coronavirus in Mosambik eingedämmt werden?

Mittlerweile wächst meine Angst vor einer Ausbreitung der Krankheit in den Entwicklungsländern. Die Bekämpfung des Coronavirus funktioniert selbst in unserem Gesundheitssystem noch nicht schnell. Selbst wenn sich das Virus in Mosambik nicht so stark verbreitet, sind die Gesundheitszustände ziemlich problematisch. Die medizinische Behandlung der Menschen ist umso schwieriger: Entwicklungsländer verfügen nämlich kaum über Intensivbetten oder Beatmungsgeräte.

Quelle: One.

Wir haben mit einer mosambikanischen Beamtin der “Direktion für öffentliche Gesundheit” gesprochen. Sie ist noch zuversichtlich, da das Virus in Afrika noch nicht so weit verbreitet ist wie in den Industriestaaten.  Dort kann nämlich genug in Forschung und Vorkehrungsmaßnahmen investiert werden und afrikanische Entwicklungsländer können erstmal beobachten, wie andere Länder mit dem Virus umgehen. Bevor sich das Coronavirus in Mosambik verbreitet, hat man vielleicht schon etwas gefunden, womit man es eindämmen kann.

Wie können Industrieländer wie Deutschland den Missständen in Entwicklungsländern entgegenwirken?

Industrieländer haben meiner Meinung nach eine große Verantwortung gegenüber ärmeren Staaten. Denn wir bauen unseren Wohlstand auf den schlechten Lebens- und Arbeitsverhältnissen der Entwicklungsländer auf. Auch für Menschen, die wegen plötzlich auftretender Dürren oder unwirtschaftlichen Bedingungen flüchten, haben wir die Verantwortung.

Gavi / Quelle: Isaac Griberg

Die größte Schuld am Klimawandel tragen die Industriestaaten, am meisten leiden aber ärmere Länder. Deutschland ist eine globale Weltwirtschaft und muss auch globale Verantwortung übernehmen. Man kann sich somit nicht davor verschließen was in Ländern wie Niger, dem Senegal oder Mosambik passiert  – vor allem, wenn unser Wohlstand so aufrecht erhalten werden soll. Uns wird von Politikern häufig gesagt, dass man in Entwicklungsländern den Arbeitsmarkt stärken müsse: Aber nur ein gesundes Kind kann man zur Schule schicken und nur ein gebildetes Kind kann später auf dem Arbeitsmarkt überleben. Deshalb fordern wir bei Gavi, 100 Millionen Euro mehr von der Bundesregierung, damit wir weiterhin weltweit die Kindersterblichkeit an vermeidbaren Krankheiten durch Impfstoffe verringern können.

Sollte Nachhaltigkeit auch in Entwicklungsländern eine größere Rolle spielen?

Nachhaltigkeit ist nicht billig – wir dürfen nicht nur mit Geldmitteln unterstützen, sondern auch mit Technik und Wissen. In Entwicklungsländern herrschen andere Probleme, als über Mülltrennung nachzudenken. Erst wenn es den Menschen in einem Land finanziell, gesundheitlich und versorgungstechnisch gut geht – sein Überleben also gesichert ist – kann er sich mit Nachhaltigkeit und Recycling befassen.

Von Sarah Danquah und Jacqueline Hadasch

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Über den Autor/die Autorin:

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Unter diesem Namen sammeln wir Beiträge von Gastautoren, Autorenkollektiven oder freien Mitarbeiter bei MADS. Die Namen des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin stehen dann immer unter dem einzelnen Beitrag.

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