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„Nummer gegen Kummer“: Paul (19) berät andere Jugendliche

„Nummer gegen Kummer“: Paul (19) berät andere Jugendliche
Foto: Unsplash/ @HANNAH WEI

Wegen des Coronavirus gibt es viel mehr Anrufe: Paul (19) arbeitet ehrenamtlich beim Sorgentelefon „Nummer gegen Kummer“ und hilft Kindern und Teenagern durch schwere Zeiten. Wie sehr ihn das belastet und wie er mit den krassen Geschichten umgeht, erzählt er im Interview.


Hallo Paul (Name von der Redaktion geändert), wie bist du dazu gekommen, Telefonberater zu werden?

Ich habe ein sogenanntes „International Baccalaureate“ gemacht, also einen internationalen Schulabschluss, der mit dem deutschen Abitur vergleichbar ist. Neben dem normalen Unterricht musste ich aber auch Aufgaben in den Gebieten „Creativity, Activity and Service“ erledigen. In einem dieser Felder sollte ich zeigen, dass ich auch in außerschulischen Aktivitäten meinen Horizont erweitern kann. So bin ich dann auf das Kinder- und Jugendtelefon gekommen.


„Manchmal habe ich Momente, in denen ich nach den Gesprächen erst mal eine Pause zum Nachdenken und Runterkommen brauche.“


Paul (19), arbeitet beim Sorgentelefon

Kann jeder zum Berater werden, wenn ja, wie?

Jeder kann Berater werden – vorausgesetzt man ist emotional belastbar. Bei einem Bewerbungsgespräch wird geprüft, ob man als Berater geeignet wäre. Wenn alles passt, absolviert man eine 80-stündige Ausbildung. Meistens trifft man sich über ein halbes Jahr regelmäßig und lernt die Grundkompetenzen eines Beraters. Abschließend muss man noch drei Mal in einer Schicht hospitieren.

Wie sieht ein typischer Alltag beim Kinder- und Jugendtelefon aus und wie bereitest du dich auf die Telefonate vor?

Vor jeder Schicht stelle ich mich emotional auf die Anrufer ein: Meistens koche ich mir einen Tee im Büro und mache mir den Kopf frei – eine richtige Vorbereitung gibt es nicht. Wir arbeiten durchschnittlich zwei Schichten im Monat – das sind insgesamt vier Stunden. Dabei können die Anrufe sehr unterschiedlich lang sein: Ich telefoniere meistens ein paar Minuten bis zu einer halben Stunde. Bei meinen Kollegen gehen Anrufe aber auch bis zu einer Stunde. Nach den Telefonaten gibt es eine ausführliche Nachbereitung, also eine Supervision. Dort werden wir professionell gecoacht und sprechen über auftretende Probleme, sowie schwierige Anrufe. Die Nachbereitung bietet uns auch die Möglichkeit, über Situationen der Anrufer zu reden, die uns belasten oder bewegen. Ansonsten gibt es Fortbildungen zu verschiedenen Bereichen, beispielsweise zu häufigen psychischen Problemen bei Jugendlichen. Durch diese Schulungen werden die Berater weitergebildet, um besser auf Situationen eingehen zu können. Wir können leider nicht von zu Hause aus arbeiten, daher fahren wir trotz Corona ins Büro. Vor und nach den Schichten desinfizieren wir unsere Arbeitsplätze.

Nehmen dich die Geschichten deiner Anrufer manchmal psychisch mit?

Auf jeden Fall. Manchmal habe ich Momente, in denen ich nach den Gesprächen erst mal eine Pause zum Nachdenken und Runterkommen brauche. Ich atme dann ein bisschen durch, gehe vielleicht auf den Balkon und esse einen Keks, um mich wieder zu beruhigen. Dann komme ich damit auch eigentlich wieder gut klar. Mit solchen Situationen emotional umzugehen, lernen wir aber auch in der Ausbildung. Dort werden wir geschult, die Geschichten der Anrufer nicht zu nah an uns heranzulassen – das wä
re langfristig schädlich für uns Berater. Falls man besonders schwierige Anrufe hatte und nach einem Dienst noch Redebedarf existiert, kann man immer den Hintergrunddienst kontaktieren und über die Situation sprechen.

Was sind denn besonders schwierige Anrufe für dich?

Da gibt es viele verschiedene Themen, die schwer zu handhaben sind. Es rufen Personen an, die suizidgefährdet sind oder sich selbst verletzen, aber auch Menschen, die obdachlos sind, woraus sich auch oft große Probleme ergeben. Diese Anrufer haben meistens auch mehrere Probleme kombiniert, da wird oft ein sehr kaputtes Leben beschrieben, was mich natürlich trifft, wenn ich das höre.


„Momentan häufen sich Anrufer mit Problemen, die aus dem familiären Zusammenleben resultieren.“


Inwiefern beeinflusst das Thema Corona deine Anrufer, haben sie ähnliche Sorgen und Probleme?

Die Coronakrise macht sich auch bei unserer Arbeit bemerkbar. Es rufen einige Leute an, die Fragen zum Thema Corona und zu den Verordnungen haben. Dass wir als Kinder- und Jugendtelefon nicht die richtige Anlaufstelle sind, wird häufig vergessen – denn wir sind ja keine Experten auf dem Gebiet. Momentan häufen sich Anrufer mit Problemen, die aus dem Zusammenleben resultieren. Familien müssen in dieser Zeit besonders aufeinander hocken, was zu Missverständnissen und Streitereien führen kann. Und vielen Kindern ist einfach langweilig. Ich habe auch schon ein Gespräch geführt, in dem wir überlegt haben, wie der Anrufer sich seinen Nachmittag vertreiben könnte. Neben solchen Anrufen gibt es auch wieder mehr Scherzanrufe – das ist verständlich, da den Kindern langweilig ist, blockiert die Leitung aber für wichtige Anrufe.

Was machst du, wenn du zu einer Thematik ratlos bist?

Man braucht nicht wirklich viel Fachwissen, um Menschen zu beraten. Wir geben generell eigentlich wenig direkte Ratschläge, davon wird uns in der Ausbildung abgeraten. Ich weiß ja nicht, ob meine Tipps vom Anrufer wirklich umgesetzt werden können. Ich versuche also eher, zusammen mit dem Anrufer eine Lösung für das bestehende Problem zu finden.

Hast du auch unter deinen Freunden mittlerweile die Rolle des Beraters eingenommen?

Nicht wirklich. Ich merke manchmal schon, dass ich in Arbeitsmuster zurück verfalle, wenn meine Freunde mir etwas erzählen. Aber das hat auch positive Seiten: Ich habe nämlich gelernt, was gute und hilfreiche Beratung ist – und kann das dann auf mein Umfeld übertragen. Es ist nicht hilfreich, in einer Situation zu sagen: „Ja das kenne ich, ich habe das ähnlich erlebt.“ Damit trägt man nur dazu bei, das Erlebnis des Gegenübers kleinzureden.

Das ist die „Nummer gegen Kummer“:

Nummer gegen Kummer ist die größte Dachorganisation der anonymen, kostenfreien und digitalen Hilfsorganisation für Kinder, Jugendliche und Eltern in Deutschland. Das bundesweite Beratungsangebot bietet Hilfe bei Problemen und schwierigen Lebenslagen per Telefon oder E-Mail an.

Der gemeinnützige Verein wurde 1980 gegründet und hat seinen Sitz in Wuppertal. Nummer gegen Kummer e. V. hat 79 Standorte in Deutschland mit knapp 4000 ehrenamtliche Mitarbeitern. Dabei ist das telefonische Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche in Deutschland eines der ersten europaweit – und gilt somit als Vorbild für einige Kinder-Sorgentelefone in Europa.

Das Sorgentelefon ist unter der Nummer 116 111 montags bis freitags von 14 bis 20 Uhr erreichbar und wird in dieser Zeit von erwachsenen Beratenden besetzt. In der Corona-Zeit stehen zusätzlich montags, mittwochs und donnerstags von 10 bis 12 Uhr Berater zur Verfügung. Sonnabends gehen ausschließlich jugendliche Beratende an die Hörer: Unter dem Motto „Jugendliche beraten Jugendliche“ helfen junge Menschen an den Telefonen ihren Altersgenossen. Von 14 bis 20 Uhr sind sie zu erreichen. Die Online-Beratung steht unter www.nummergegenkummer.de rund um die Uhr zur Verfügung.

Du möchtest anderen bei ihren Problemen helfen und selbst Berater werden? Auf der Website von der Nummer gegen Kummer kannst du dich für einen Standort in deiner Nähe bewerben. Dem Kinder- und Jugendtelefon kann man im Alter von 21 Jahren beitreten. Wenn du erst zwischen 16 und 20 Jahre alt bist, kannst du auch schon im Team von „Jugendliche beraten Jugendliche“, deinen Altersgenossen aus ihren Notsituationen helfen.

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Von Sarah Danquah


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