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Die Referendarin: Die große Inszenierung

Die Referendarin: Die große Inszenierung
Foto: Unsplash.com/Amelie Rook

Helena (25) ist eine von rund 30.000 Lehramtsanwärtern in Deutschland. Was passiert eigentlich hinter der sagenumwobenen Lehrerzimmertür? Wie ist es, Schülerinnen und Schüler zu unterrichten, die nur ein paar Jahre jünger sind als man selbst? Und wie kommt Helena mit dem Druck klar? Davon erzählt sie – unter Pseudonym – in ihrer MADS-Kolumne: die Referendarin.


Vor meinem ersten gemeinsamen Unterrichtsbesuch habe ich wirr geträumt. Ich war Dompteur in einer Manege, unterhielt das Publikum mit Witzen, dirigierte dabei das Orchester und hielt brennende Reifen hoch, durch die parallel meine Schüler sprangen. Was für ein Schauspiel. Und ganz schön nah dran an der Realität.

Helena (25) wird Lehrerin. Unter Pseudonym berichtet sie über ihr Referendariat.
Foto: Amelie Rook

Der gemeinsame Unterrichtsbesuch ist ein dickes Ding. Das ist ein Besuch, bei dem beide Fachleiter, der Pädagoge und die Schulleitung eingeladen werden. Der Zuschauerraum hinten in der Klasse ist also gut gefüllt. Deswegen geben sich Referendare hierfür immer besonders viel Mühe. Ich habe in der Vorbereitung knapp 40 Stunden an dem Entwurf gearbeitet.

Es lief auch alles gut, die Kritik in der Nachbesprechung konnte ich nachvollziehen – bis auf einen Satz: „Unterricht ist keine Inszenierung“, sagte mein Fachleiter. Ähm, doch? Also zumindest bei den Besuchen im Referendariat. Ich lasse meine Schüler zwar nicht durch brennende Reifen springen, doch ein methodisches Feuerwerk ist meistens inklusive.

Unterrichtsbesuche sind Inszenierungen, weil sie an der Realität vollkommen vorbeigehen. Wenn ich jede Stunde so wie diese vorbereiten würde, dann könnte ich bei einer 50-Stunden-Woche genau fünf Stunden pro Woche unterrichten. Authentischer Berufsalltag ist das nicht – muss es aber auch gar nicht.

Wir sind im Referendariat, um zu lernen, wie guter Unterricht funktioniert. Das kostet Zeit am Schreibtisch. Wir wollen unsere fancy Ideen und wozu wir in der Lage sind zeigen, und ihr wollt es sehen. Das ist in Ordnung – aber dann sagt bitte nicht, dass die Besuche keine Inszenierungen sind.

Von Helena Fischer


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Über den Autor/die Autorin:

MADS-Team

Unter diesem Namen sammeln wir Beiträge von Gastautorinnen und -autoren, Autorenkollektiven oder freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei MADS. Die Namen des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin stehen unter dem einzelnen Beitrag.

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