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Die Referendarin: Schule ist nicht alles

Die Referendarin: Schule ist nicht alles
Foto: Unsplash.com/Amelie Rook

Helena (25) ist eine von rund 30.000 Lehramtsanwärtern in Deutschland. Was passiert eigentlich hinter der sagenumwobenen Lehrerzimmertür? Wie ist es, Schülerinnen und Schüler zu unterrichten, die nur ein paar Jahre jünger sind als man selbst? Und wie kommt Helena mit dem Druck klar? Davon erzählt sie – unter Pseudonym – in ihrer MADS-Kolumne: die Referendarin.


Letztens nach der Stunde wollte Tim mich noch etwas fragen. Er habe für unsere Koch-AG eine Homepage erstellt und wollte nun wissen, wie es weitergehen solle. Unsere Rezepte als Texte hochladen oder „lieber gleich ein Timelapse (Video im Zeitraffer) pro Gericht erstellen? Das ist kein Problem, habe ich schon oft gemacht“, erklärt er mir. Tim ist 13, gerade in die achte Klasse gekommen.

Helena (25) wird Lehrerin. Unter Pseudonym berichtet sie über ihr Referendariat. 
Bild: Amelie Rook

Das sind diese Momente, in denen ich einfach nur sprachlos bin. Denn Tim ist kein Ausnahmeschüler. Leandra aus der sechsten Klasse hat für die Schülerzeitung einen Kommentar über die Demonstrationen gegen die Corona-Auflagen geschrieben, während der 16-jährige Ron in einer Talkshow als Argument gegen das bedingungslose Grundeinkommen über Inflation redet und Sinan aus der 10b auf seinem Youtube-Kanal eigene Erfindungen erklärt. Weil es ihnen Spaß macht.

„Ich hab das Bedürfnis, ihnen zu sagen, dass Noten nicht alles sind“

Das ist einfach nur – krass. In der sechsten Klasse habe ich noch mit Barbies gespielt und ihre Haare mit Nagellack „gefärbt“. Währenddessen sind Tim, Leandra, Ron und Sinan schon dabei, die Welt zu erobern. Zugegeben, das klingt jetzt etwas dramatisch – aber es ist die Wahrheit und einfach nur erstaunlich, was sie schon alles können.

Es ist so toll, dass sie neben der Schule ihre Dinge haben, in denen sie Profis sind, für die sie sich begeistern, stundenlang darin versinken können und auf die sie stolz sind. Und wenn man sich in den kleinen Pausen mit seinen Schülern unterhält, erfährt man von ihren erstaunlichen Hobbies. Der Fünferkandidat in Mathe fotografiert besser als der Fotograf im Dorf meiner Eltern und eine Schülerin, die gerade so durchkommt, spielt Hockey im Schulteam bei Jugend trainiert für Olympia– auf Bundesebene.

Wenn ich dann sehe, was diese Kinder teilweise für Noten bekommen, habe ich das Bedürfnis, ihnen zu sagen, dass Noten nicht alles sind. Dass sie sie niemals zu persönlich nehmen sollen, weil sie alle bereits eine tolle Persönlichkeit sind und Fähigkeiten haben, um die sie andere beneiden. Und zu Tim, dass er der Wahnsinn ist.

Von Helena Fischer


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Über den Autor/die Autorin:

4 Bemerkungen

  1. Avatar

    Das ist ein toller und wichtiger Text! 🙂

    Antworten
  2. Avatar

    Tolle Kolumne der Referendarin. (Schule ist nicht alles!)
    Endlich hat jemand erkannt, dass das Geniale nicht von Noten abhängig ist, sondern von der Persönlichkeit,
    seinem Interesse und seiner Förderung.
    Überfüllte Klassen tragen sicherlich nicht dazu bei!
    Vielen Dank für den guten Beitrag

    Antworten
  3. Avatar

    Schule geht auch anders, den Beweis gibt es in Finnland! Ohne Noten keine Leistung,damit auch nichts Wert, nur mal so als Hypothese, man lernt nicht für ein System oder Staat, sondern nur für sich selbst, sagten ganz wenigecLehrer! Im Übrigen, ist Frontal Unterricht oldschool, wie aufstehen beim Gericht.

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  4. Avatar

    Hätte mir auch gern keine Noten gewünscht, dann wäre ich auch mehr eingegangen:

    Antworten

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