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Corona-Logbuch: Wenn die Uni ins Internet verlegt wird

Corona-Logbuch: Wenn die Uni ins Internet verlegt wird
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Emma (20) studiert eigentlich in den Niederlanden – wegen der Corona-Krise ist sie nun wieder bei ihren Eltern in Deutschland. Warum die neue Situation sie stresst und wie sie ihr Studium weiterführt, erzählt sie im Corona-Logbuch.


Ich sitze im IC von Amsterdam nach Hannover. Es ist leise, nur vier Menschen sind in meinem Waggon und ich habe einen Vierertisch für mich allein. Das WLAN funktioniert erstaunlicherweise. Klingt wie Luxus, ist aber nur das Resultat der Corona-Maßregelungen. Die Niederlande erteilten mit Übereinkunft der anderen europäischen Länder eine Reisewarnung fürs Ausland. Die paar Menschen in diesem Zug sind zusammengesetzt aus ein paar deutschen Heimkehrern und größtenteils Niederländern, die versuchen mithilfe des internationalen Zugverkehrs schneller nach Hause zu kommen. Kein Wunder, dass die Bahngleise an dem sonst von Touristen überschwemmten Amsterdamer Hauptbahnhof wie leer gefegt sind.

Auf ihrem Rückweg nach Deutschland fuhr Emma in leeren Zügen.

Normalerweise studiere ich PPE (Philosophie, Politik und Wirtschaft) an der Vrije Universiteit in Amsterdam. Doch meine physische Anwesenheit im Universitätsgebäude wird vermutliche nun erst mal die nächsten Monate unterbrochen sein. Mitte März verkündete die niederländische Regierung unter Vorsitz von dem Premierminister Mark Rutte, dass alle Veranstaltungen von über 100 Personen verboten werden. Vor Kurzem folgte die Schließung der Unis, zwei Tage später der Schulen, Sportclubs, sowie Restaurants, Cafés und ja auch Coffeeshops.








Strukturen brechen weg: „Das wirkt erstmal erschlagend“

Auch wenn mich die Maßnahmen schocken und mein Alltagsleben wegbricht, weiß ich, dass ich es noch ziemlich gut habe. Während ich mich auf zu Hause freuen kann und mein Studium weitestgehend fortgesetzt wird, können manche meiner Kommilitonen ihre Miete nicht mehr bezahlen, da ihr Job als Kellner nicht mehr möglich ist. Meine Freundin hat ihren Praktikumsplatz in den USA verloren, andere Freunde können nicht mehr nach Hause zurückkehren, oder schlimmer: bangen um ihre Familie. Trotzdem muss ich mich erstmal an die neue Situation gewöhnen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wenn dann plötzlich die Struktur wegbricht, wirkt das erstmal erschlagend, auch wenn man eigentlich nichts zu ertragen hat.

Für mich und meine Freunde begann damit ein zähes Warten. Eigentlich hätten wir nun eine zweiwöchige Klausurenphase gehabt, aber wenn die Uni nicht mehr betreten werden darf, können die Klausuren schlecht stattfinden. Der Stand der Dozenten lautete lange: Die Klausuren sollen online stattfinden, genau wie weitere Vorlesungen. Wie, das wüsste man noch nicht. Meine Motivation fürs Lernen war damit gleich null. Für was lernen, wenn man nicht weiß, ob die Klausuren stattfinden und es gerade wichtigere Dinge gibt? Schlussendlich kam dann die ersehnte Nachricht: Eine Klausur wird auf unbestimmte Zeit verschoben, eine wird in ein Take-Home-Assignment umgewandelt, die letzte wird online durchgeführt.

Corona-Krise: „Neue Situation stresst mich“

Doch so sehr es mich freut, endlich zu wissen, wo es lang geht, so sehr stresst mich die neue Situation. Die Klausuren sind alle Open-Book-Klausuren, das heißt, dass wir sämtliche Notizen und Bücher benutzen können. In zwei Stunden müssen wir drei Essays schreiben und dabei richtig Zitieren. Das ganze Examen wird nämlich anschließend von einem Plagiatsscanner geprüft. Sozusagen eine Hausarbeit unter Zeitdruck. Dafür werde ich meine ganze Lernstrategie ändern müssen. Auswendig lernen bringt nichts, jeden Text muss ich noch gründlicher lesen als zuvor. Denn wenn eines klar ist: Die Fragen werden nicht einfacher sein.

Zwischenzeitlich habe ich mich entschieden, nach Deutschland zu meinen Eltern zurückzukehren. Wenigstens, bis meine neuen Kurse wieder anfangen. Viele meiner Freunde sind sowieso nicht mehr in Amsterdam. Partys fallen auch flach und meinen Sport kann ich auch für mindestens drei Wochen nicht mehr durchführen – alle Schwimmbäder sind nämlich geschlossen. Die letzten Tage bestanden größtenteils aus Home-Workouts, Joggingrunden, Lernen und Netflix. Doch meine Konzentration bei allem wird immer wieder unterbrochen. Ständig checke ich alle möglichen Corona-Newsticker: Erst den niederländischen, dann den deutschen, schließlich den englischen. Es reizt mich, alles über jede kleinste Veränderung zu wissen – und nervt mich zugleich. Auch auf Facebook und Instagram entkomme ich Corona nicht. Schließlich schalte ich mein Handy für ein paar Stunden aus und genieße die Ruhe, um dann – wenn ich wieder online gehe – von einer Welle neuer News überrollt zu werden.

Von Emma Schell

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