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Ist das Abitur noch etwas wert?

Ist das Abitur noch etwas wert?
Foto:  Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

In diesen Wochen beginnen die Vorbereitungen für die Abiturprüfungen. Während Schüler auf gute Noten hoffen, schlagen Lehrer und Professoren Alarm: Der Abi-Schnitt wird seit Jahren immer besser. Sinken gleichzeitig die Anforderungen?

Hartmut Loos ist Lehrer, er steht seit drei Jahrzehnten in Klassenzimmern. Wenn er über Zensuren redet, wie er und seine Kollegen sie gerade in diesen Tagen wieder für die Halbjahreszeugnisse verteilt haben, fällt ihm gelegentlich die Börse ein. Dann denkt er an Kurse, die in überhitzten Zeiten immer weiter steigen – bis irgendwann der Crash kommt, weil der gehandelte Wert der Papiere nicht mehr in Einklang steht mit der tatsächlichen Leistung der Unternehmen. Loos sagt: „Es kann ja nicht ewig so weitergehen.“ Er meint: weiter nach oben.

Experten warnen vor zu guten Abiturnoten

Die Blase, die Loos gern mit den Vokabeln der Börsenwelt erklärt, besteht aus Abiturnoten. Der 60-Jährige ist Schulleiter im Gymnasium am Kaiserdom in Speyer und Vorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes. Er ist nicht der Einzige, dem zunehmend gute Zensuren Sorgen bereiten. Immer mehr Experten warnten zuletzt vor zu guten Abiturnoten, einige sehen eine regelrechte Inflation. Schon stellt sich jene Frage mit Wucht neu, die in bildungsbürgerlichen Kreisen schon seit den bildungspolitischen Reformen der 1970er-Jahre immer mal wieder diskutiert wird: Ist Deutschlands höchster Schulabschluss noch etwas wert?

Dieter Brückner vertritt mehr als 2200 Schuldirektoren quer durch das Bundesgebiet. Der Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz Gymnasien teilt die Sorge vieler seiner Kollegen – und schlägt nun Alarm. „Die Abiturnoten haben sich – wenn man den Bundesschnitt nimmt – in den vergangenen Jahren permanent verbessert. Das kann so auf Dauer nicht weitergehen“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Das Abitur dürfe „nicht einfach nur eine Lebensabschnittsbescheinigung sein, sondern muss ein Qualitätsmerkmal bleiben.“ Ähnlich hat sich vor Kurzem die Vorsitzende des Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, geäußert.

Thüringen Spitzenreiter, Niedersachsen letzter Platz

Tatsächlich zeigen die Zahlen für die vergangenen zehn Jahre keinen drastischen, aber eben doch einen beständigen Anstieg des Notendurchschnitts der Abiturienten: In Thüringen, wo die besten Zensuren verteilt werden, hat sich der Schnitt zwischen 2007 und 2017 von 2,33 auf 2,18 verbessert, in Sachsen im gleichen Zeitraum von 2,46 auf 2,28. In Brandenburg bestanden zuletzt allein 245 Schüler ihr Abitur mit der Traumnote 1,0 – vor zehn Jahren waren es noch nur 125 Schüler. In Niedersachsen, wo die Noten insgesamt am schlechtesten ausfallen, verbesserte sich der Schnitt innerhalb von zehn Jahren immerhin von 2,71 auf 2,57, in Schleswig-Holstein von 2,62 auf 2,56.

Die große Frage ist: Woran liegt das? Werden die Schüler immer besser? Oder sinken die Anforderungen?

Hört man sich unter Lehrern um, spürt man einige Unsicherheit in Bezug auf die Notengebung. „Die Schüler können und lernen sehr viel“, sagt etwa Kathrin Staniek, Englisch- und Französischlehrerin an einem Gymnasium im niedersächsischen Bad Harzburg. „Es verändert aber natürlich etwas, wenn fast die Hälfte eines Jahrgangs Abitur macht“, fügt die 40-Jährige hinzu. „Wenn man auch schwächere Schüler sehr weit mitzieht, gibt es natürlich eine Tendenz, sie nicht im letzten Moment durchfallen zu lassen.“

Schwindet das Niveau?

Tatsächlich haben sich nicht nur die Noten der Abiturienten in den vergangenen Jahren verbessert, sondern auch die Anzahl der Abiturienten ist gestiegen – ein erklärtes Ziel von Schulpolitikern und Wirtschaft. Ist der Preis dafür eine Senkung des Niveaus?

Das ist eine Furcht, die nicht nur viele Lehrer teilen, sondern auch Professoren. Volker Ladenthin, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, ist einer von ihnen. Auch er glaubt, dass die höheren Abiturientenquoten einen Einfluss auf die Qualität der Abiturienten haben.

Es gebe noch immer hervorragende Studenten, sagt er. Aber es starteten eben auch mehr Abiturienten an der Uni als früher, die nicht gut auf die Anforderungen vorbereitet seien. Es gebe „mehr Studierende, die Schwierigkeiten beim einfachen Verstehen theoretischer Texte haben, mehr, die von längeren Texten überfordert sind“. Unter ihnen seien Studenten, „die sehr langsam lesen – und daher die üblichen Textmengen nicht bewältigen können“.

Keine einfache Lösung zu finden

Zu einer ausgewogenen Sicht in der Diskussion über Abiturnoten rät bei aller Sorge auch Gymnasiumsdirektor Loos. Einerseits macht er keinen Hehl daraus, dass die Bewertung der Leistungen seiner Meinung nach eine andere als früher sei. „In meinem Lateinabitur im Jahr 1977 hatte ich 1,5 Fehler“, berichtet er. „Das war eine Zwei plus. Heute wären das 14 Punkte, also eine glatte Eins.“ Loos betont aber auch: Es gebe nun mal keine einfachen Lösungen, um dem Phänomen immer besserer Noten zu begegnen.

Wenn einzelne Schulen sich kategorisch dem Trend entzögen, schickten die Eltern ihre Kinder eben anderswo hin. Außerdem werde viel intensiver um Punkte gefeilscht als früher – im Zweifel hakten auch engagierte Eltern öfter nach. Härtere – man könnte auch sagen schlechtere – Noten hätten zudem zwei Nachteile, sagt Loos. „Erstens würden wir den einen oder anderen aussieben, der später vielleicht doch sehr gut für ein Ingenieurstudium geeignet wäre – weil er dafür eine tolle Begabung hat“, sagt er. „Und zweitens würde der Run auf die Nachhilfeinstitute zunehmen.“

Karl Marx hatte noch kein Google

Es ist denn auch fraglich, wie sinnvoll der Vergleich mit früheren Generationen überhaupt ist. Der Bildungsforscher Rainer Bölling erklärt: „Karl Marx hat sein Abitur noch zu Bedingungen gemacht, bei denen heute alle Eltern laut Kindesmisshandlung rufen würden. Er wurde – wie seine Altersgenossen – tagelang schriftlich und mündlich in allen Fächern geprüft. In Latein wurde nicht nur vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt, sondern auch umgekehrt. Mit Aufgaben, die heute der handelsübliche Lateinlehrer nicht mehr bewältigen würde.“ Eine Lösung für heute? Kaum.


„Die moderne Welt belohnt uns nicht mehr allein dafür, was wir wissen“: Pisa-Chef Andreas Schleicher. Quelle: dpa


Andreas Schleicher ist Chef der berühmten Pisa-Vergleichstudien. Er hält die Debatte um eine strengere Bewertung von Abiturleistungen insgesamt für wenig zielführend. Neben der Vergleichbarkeit, die eine gewisse Verlässlichkeit für Universitäten und Arbeitnehmer bedeute, müsse es vor allem darum gehen, das deutsche Abitur relevanter zu machen.

„Die moderne Welt belohnt uns nicht mehr allein dafür, was wir wissen – Google weiß ja fast alles –, sondern dafür, was wir mit Wissen tun können“, sagt der OECD-Bildungsdirektor. Könne ein Schüler sich nicht nur Formeln und Gleichungen merken, sondern wie ein Mathematiker denken? Könne er wie ein Historiker denken, verstehe er, wie das Narrativ einer Gesellschaft entstanden ist und sich weiterentwickelt habe?

Aus der Sicht Schleichers ist also weniger das durchschnittliche Niveau der Noten entscheidend, sondern das, was an erlernten Fähigkeiten hinter ihnen steckt. Hohe Börsenkurse sind ja auch kein Problem – wenn in den Unternehmen echte Substanz vorhanden ist.

Von Tobias Peter/RND

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