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„Dramatische Lage“: Wohnungsmarkt für Studierende in Hannover überlastet

„Dramatische Lage“: Wohnungsmarkt für Studierende in Hannover überlastet
Foto:  Irving Villegas

Nach drei Onlinesemestern kommen die Studierenden zurück nach Hannover. Doch wo sollen sie hin? Zum Semesterstart suchen Tausende nach WG-Zimmern und Wohnheimplätzen, viele gehen bisher leer aus.


Phuong Vu sucht eine Wohnung. Oder ein WG-Zimmer, einen Platz in einem Studierendenwohnheim, irgendetwas Bezahlbares. „Ich habe mir das vorher viel einfacher vorgestellt“, sagt sie.  Vu kam Anfang September aus Vietnam nach Deutschland. Ab Oktober wird sie das Studienkolleg an der Leibniz Universität besuchen, danach möchte sie Innenarchitektur studieren. Seit sie hier ist, ist sie fast ständig mit der Wohnungssuche beschäftigt. Sie probiert es überall: Über das Studentenwerk, auf Internetportalen wie WG-Gesucht, in Gruppen auf Facebook. Mindestens 50 Anfragen habe sie bisher verschickt, schätzt sie. Meistens erhalte sie gar keine Antwort, einige sagten wenigstens ab. „Einmal wurde ich von einer WG zu einem Videocall eingeladen. Wegen eines Notfalls wurde der kurzfristig abgesagt, am nächsten Tag war die Anzeige gelöscht“, sagt Vu.

Mehr als 11.000 Gesuche für WG-Zimmer in Hannover

Wie Vu geht es aktuell wohl tausenden jungen Menschen, die im kommenden Wintersemester in Hannover studieren wollen. Auf WG-Gesucht stehen derzeit 11.710 Gesuche nach WG-Zimmern in der Landeshauptstadt. Ein großer Teil davon ist von Studierenden.  Zum Semesterstart sind WG-Zimmer und kleine Wohnungen immer umkämpft. „In diesem Jahr ist die Lage aber besonders dramatisch“, sagt Tobias Kiene, Sprecher des Asta der Leibniz-Uni. „Es suchen nicht nur die aktuellen Erstsemester, sondern auch alle, die während der Onlinesemester weggezogen sind oder im letzten Jahr ihr Studium begonnen haben.“

Auf den ersten Blick wirkt Vu gut gelaunt, sie lacht viel. Auf die Frage, wie es ihr geht, muss sie aber erst mal durchatmen. „Nicht so gut, ehrlich gesagt. Die Unsicherheit macht mir sehr zu schaffen.“ An einer Sprachbarriere kann es nicht liegen, dass die 20-Jährige aus Hanoi keine Wohnung findet. Obwohl sie vorher noch nie im Ausland war, spricht sie fast fließend deutsch. „Ich habe es im Lockdown über Youtube und einige Apps gelernt. Sonst konnte man ja nichts machen“, sagt sie.

Mehr als 50 Anfragen, fast keine Antworten: Die angehende Studentin Phuong Vu verzweifelt an der WG-Suche in Hannover. Foto: Irving Villegas

Dass Vu in Hannover aber noch fast niemanden kennt, macht die Suche noch schwerer. Weil sie hier keinen festen Schlafplatz hat, muss sie zeitweise bei ihrer Cousine in Leipzig übernachten und aus der Ferne suchen. Aktuell kommt sie bei einer Bekannten ihrer Cousine in Hannover unter. „Ich habe ihr gesagt, dass ich maximal eine Woche bleibe. Die ist jetzt eigentlich vorbei, und ich habe immer noch nichts in Aussicht.“ 

Den besonders hohen Andrang bekommt auch das Studentenwerk Hannover zu spüren. „Hier klingelt durchgehend das Telefon, das Mailpostfach quillt über“, sagt Mitarbeiterin Sabine Kiel. 

Keine Plätze im Wohnheim

Die Nachfrage könne nicht annähernd abgedeckt werden. 2774 Plätze gebe es in den 20 Wohnanlagen des Studentenwerks, sagt Kiel. „Frei sind davon so ungefähr null.“ Auf der Warteliste stünden aktuell mehr als 2000 Studierende, täglich kämen etliche dazu. „Wir können momentan nur sagen, dass wir ausgebucht sind, die Leute auf die Warteliste setzen und auf verschiedene Wohnraumbörsen verweisen“, sagt Kiel. Auch an Hostels und Jugendherbergen vermittle man Studierende. 

Weil es in der Vergangenheit immer wieder Anfragen gab, hat der Landesverband Hannover des Deutschen Jugendherbergwerkes (DJH) seit Frühjahr spezielle Angebote für Studierende, die länger dort unterkommen. Eine Woche im Einzelzimmer kostet 150 Euro, ein Monat 480, jeweils inklusive Frühstück. In Hannover sei dieses Angebot bis Ende Oktober ausgebucht, sagt eine Mitarbeiterin. Neben dem regulären Betrieb könne man derzeit etwa 15 Studierende unterbringen, als Übergangslösung.  

Für 480 Euro pro Monat: Als Übergangslösung bietet die Jugendherberge Hannover Einzelzimmer für Studierende an. Foto: Conrad von Meding (Archiv)

Übergangslösungen will auch der Asta der Leibniz-Uni schaffen. Deshalb biete man in diesem Jahr wieder eine Schlafplatzbörse an. „Wer eine Couch oder ein freies Bett für eine gewisse Zeit zur Verfügung stellen möchte, kann sich per Mail an presse@asta-hannover.de melden“, sagt Asta-Sprecher Kiene. Auch Suchende könnten sich dort melden. 

Auf die Frage, wie der Asta Suchenden sonst noch helfen könne, weiß Kiene keine Antwort. Er fordert, dass die Politik mehr gegen dieses Problem unternimmt. „Ich sehe es als großes Problem, dass Mietobjekte als Spekulationsobjekte dienen.“ Etwas neidisch blickt er nach Berlin, wo gerade die Initiative „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ mit einem Volksentscheid erfolgreich war, der Immobilien großer Wohnungsunternehmen zurück in kommunale Hand bringen soll. „Vielleicht braucht Hannover eine ähnliche Initiative“, sagt er.

Phuong Vu hat noch eine Option offen: Über eine Facebook-Gruppe für in Hannover lebende Menschen aus Vietnam hat sie einen Termin für eine Besichtigung bekommen. Eine Frau bietet ein günstiges Zimmer in ihrer Wohnung an. Der Haken: „Wenn ich dort einziehe, soll ich mich mit um die Hunde der Vermieterin kümmern“, sagt Vu. Eigentlich wolle sie sich voll auf das Studienkolleg konzentrieren und keine zusätzlichen Aufgaben übernehmen. Aber es sei besser als nichts, sagt sie. „Ich will endlich ankommen können.“

Von Yannick von Eisenhart Rothe


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1 Kommentar

  1. Avatar

    sicherlich eine wirklich schwierige Situation für jede/n Betroffene/n….
    Vielleicht aber auch eine „Nebenwirkung von AirBnB“?

    Ich habe gerade mal AirBnB aufgerufen dort für Hannover nach einem Zimmer gesucht: die Anzeige sagt: „mehr als 300 Privatzimmer“! Der Preis für die einzelne Nacht ist im Vergleich zu Hotelzimmern nicht hoch – für einen Monat im Vergleich zu einem WG-Zimmer oder einem kleinen Appartement für Studierende sicherlich aber wohl kaum bezahlbar.

    Sind es nicht eigentlich gerade „die jungen Leute (und Studierenden)“, die AirBnB z.B. bei Reisen nach Barcelona, Madrid oder vielleicht auch in Deutschland „so toll finden“ – und dann DORTIGEN Studierenden (oder anderen) „bezahlbaren Wohnraum“ wegnehmen?

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