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Studieren nach Corona: Hörsaal oder Homeschooling?

Studieren nach Corona: Hörsaal oder Homeschooling?
Foto: Unsplash/Nathan Dumlaoew

Durch die Corona-Pandemie hat sich das Studieren für junge Menschen enorm verändert. Nach drei Onlinesemestern fällt ihr Fazit nicht einheitlich aus: Florentine möchte die Uni wieder von innen sehen, Jeffrey genießt die Flexibilität.


Pro Präsenz-Uni: Nie wieder Kachelgesichter

Volle Hörsäle, lebendige Diskussionen im Seminar und ein gemeinsames Mittagessen in der Mensa – für uns Studierende sind das Erinnerungen an Vergangenes. Doch die voranschreitenden Impfungen bringen Hoffnung. Hoffnung auf das erste Präsenzsemester seit eineinhalb Jahren. Und diese Hoffnung begrüße ich mit offenen Armen.

Natürlich wird es noch keine Vorlesungen mit 600 dicht gedrängten Menschen im Audimax geben. Doch Seminare, Übungen und die Arbeit im Labor: All das funktioniert online nicht annähernd so gut wie in Präsenz. Der persönliche Kontakt geht verloren und wichtige Inhalte ebenfalls. Diskussionen kommen online nur schwer zustande, doch gerade die sind es, die das Studium und Lernen so spannend machen. Nach drei Semestern Onlinelehre habe ich das Gefühl, nur noch einen Abklatsch meines einstigen Studiums zu bekommen.

So schnell wie möglich will ich mich von den kleinen Kachelgesichtern und den Seminaren zwischen Bett und Wäschekorb verabschieden. Ich möchte anregende Gespräche zwischen Tür und Angel führen, nach einem Seminar spontan vor dem Unigebäude versacken und mich ohne Bildschirmbarriere mit Kommilitonen über Fachliches austauschen. Die einprägsamste Eigenschaft eines Kommilitonen sollte seine Meinung in einer hitzigen Debatte sein und nicht der Wäscheständer, der in jeder Onlinesitzung hinter ihm steht.

Erstsemester sollten ihre Universität endlich von innen sehen. Und Kommilitonen, die kein eigenes ruhiges Zimmer mit einem großen Arbeitsplatz haben, brauchen wieder eine Möglichkeit, vernünftig zu studieren. Denn selbst wer auf die Bibliothek ausweicht, kann sich schlecht aktiv in Diskussionen einbringen. Zwar hat das Onlinestudium auch Vorteile, und natürlich muss die Infektionslage stets berücksichtigt werden. Doch statt feiernder Menschen im Club oder aufgedrehter Fans im Stadion möchte ich endlich wieder Studierende auf dem Weg zu ihren Präsenzseminaren sehen.

Von Florentine Pramann

Contra Präsenz-Uni: Neue Situation hat auch Vorteile

Der Wecker klingelt, ich öffne meine Augen und schaue auf die Uhr: schon 8 Uhr. Obwohl mein Uniseminar in einer Viertelstunde beginnt, drehe ich mich noch mal um. Schließlich findet die Veranstaltung online statt. Keine Lerngruppen, geschlossene Bibliothek und acht Stunden am Tag vorm PC sitzen – keine Frage: Eineinhalb Jahre Uni während der Corona-Krise waren anstrengend. Doch die Onlineseminare haben auch viele Vorteile.

Ein großer Pluspunkt: Der Weg zur Uni entfällt. Statt 30 Minuten im überfüllten Bus muss ich nur noch fünf Schritte vom Bett zum Laptop zurücklegen. Auch die Pausen zwischen den Kursen kann ich sinnvoll nutzen. Statt unangenehmen Smalltalk mit den Kommilitonen zu führen, kann ich schnell den Abwasch machen oder den Müll runterbringen. Auch auf ungemütliche Hörsaalbänke und den Sitznachbarn, der die ganze Zeit quasselt, verzichte ich gerne.

MADS-Autor Jeffrey (20) Foto: Philipp von Ditfurth

Die Onlineuni erlaubt mehr Flexibilität in der Zeitplanung. Da Vorlesungen nun aufgenommen und hochgeladen werden, kann ich sie mir theoretisch auch abends um elf anschauen. Vor allem für Studierende mit Nebenjob oder mit Kind kann das eine Erleichterung sein. Für mich ermöglicht die Situation eine spontanere Freizeitplanung. Ich kann mich vormittags mit Freunden zum Frühstück treffen oder eine ausgedehntere Joggingrunde drehen – und mir die Vorlesung einfach später ansehen.

Außerdem kann ich das Video auf eineinhalbfacher Geschwindigkeit schauen, um bei langsam sprechenden Dozierenden nicht einzuschlafen. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, spule ich zurück, wenn ich etwas aus einem anderen Seminar kenne, spule ich vor – das ist bei Präsenzlehre nicht möglich.

Natürlich können wir deshalb nicht alle Hochschulen zu Fernunis umwandeln. Medizinstudierende können nicht nur mit Büchern und Videos lernen, wie man Patienten untersucht. Biochemiestudierende müssen im Labor lernen, wie sie mit Pipetten und Co. arbeiten. Dennoch sollten wir auch nach Corona nicht auf alle digitalen Möglichkeiten fürs Studium verzichten.

Von Jeffrey Ji-Peng Li


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Über den Autor/die Autorin:

MADS-Team

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