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Black History Month: Sechs Schwarze Menschen erzählen, wie sie sich für mehr Sichtbarkeit einsetzen

Black History Month: Sechs Schwarze Menschen erzählen, wie sie sich für mehr Sichtbarkeit einsetzen
Foto: Unsplash/Avel Chuklanov

Schwarzsein in Deutschland – das verbinden seit Black Lives Matter viele mit Wut und Leid. Doch es ist so viel mehr als das. Zum Black History Month haben sechs Menschen MADS ihre Geschichte erzählt. Alle eint ein Wunsch: Sichtbarkeit.


Diversität in der Kosmetik

​Als 17-Jährige hat Adelaide Wolters angefangen, in der Küche ihrer Eltern Shea Butter und kaltgepresste Öle zusammenzumischen. Sie wollte endlich ein Produkt erhalten, das ihren Hautbedürfnissen entspricht. Wolters leidet an einer Sonnenallergie und hatte in ihrer Pubertät stark mit Hautunreinheiten und Melasma – einer Form von Hyperpigmentierung – zu kämpfen. Hautärzte konnten ihr nicht helfen und meinten, dass ihre Probleme gängig bei Schwarzen Menschen seien und sich dagegen nichts tun ließe. 

Adelaide Wolters
Foto: Unrefined Riches

Davon ließ sich Wolters aber nicht entmutigen und begann eigene Nachforschungen. „Ich habe vor allem amerikanische Studien zu meinem Hauttyp angeguckt und mich mit Inhaltsstoffen beschäftigt“, sagt sie. Die Küche wurde kurzerhand zum Labor der Jugendlichen. Dort experimentierte Wolters, bis sie eine Creme entwickelte, die wirkte. Das verbesserte Hautbild fiel auch Freunden und Familie auf, für die sie dann ebenfalls Cremes anmischte.  

Nach langem Überlegen hat die mittlerweile 25-jährige Hamburgerin 2018 schließlich das Haut- und Haarpflege Unternehmen Unrefined Riches gegründet. Mit ihren Produkten möchte Wolters die Bedürfnisse aller Hauttypen, aber vor allem die dunklerer Hauttöne, abdecken. „Dunkle Stellen und Hyperpigmentierung sind Themen, die vor allem die Black Community und People of Colour betrifft“, sagt sie. Dermatologische Forschungen richteten sich allerdings oftmals nach hellen Hauttönen, weshalb viele Produkte nicht für dunkle Hauttypen geeignet sind. „Ich wünsche mir, dass Diversität nicht nur gepredigt, sondern auch hinter den Kulissen und in der Produktentwicklung umgesetzt wird.“

Mehr Präsenz in den Medien

Ciani-Sophia Hoeder hat nach einem Lifestylemagazin für Schwarze FLINTA*s ​im deutschsprachigen Raum gesucht. Vergeblich. Also gründete sie ihr eigenes. Seit knapp drei Jahren gibt es nun das „Rosa Mag“, benannt nach der bekannten afroamerikanischen Bürgerrechtlerin Rosa Parks. „Rosa Mag“ ist kein herkömmliches deutsches Frauenmagazin. Mit Artikeln, Beiträgen und Erklärvideos will das Magazin Aufklärungsarbeit für Schwarze Menschen übernehmen – und auch für weiße. Sie hoffe, durch das Magazin Schwarzen Menschen die Erklärarbeit abnehmen zu können, sagt Hoeder. 

Das Onlinemagazin ist in vier Kategorien aufgeteilt. Die Rubrik „Menschen“ stellt Schwarze FLINTA*s ​vor, um die Heterogenität und Diversität in der Schwarzen Community zu zeigen. Im Kulturbereich werden überwiegend Bücher, Filme oder Serien rezensiert, während im Bereich „Leben“ allgemeine Fragen diskutiert werden, etwa „Ist es rassistisch einen Datingtyp zu haben?“. In der Rubrik „Pflege“ finden sich Tutorials und Tipps zum Schutz von Afrohaaren. 

Hoeder wünscht sich mehr Sichtbarkeit Schwarzer Menschen, besonders FLINTA*s​, in den Medien – auch über ihr eigenes Magazin hinaus. Der 32-Jährigen ist bewusst, dass es mittlerweile durchaus mehr Schwarze Frauen in den Medien gibt, jedoch handelt es sich dabei meist um mixed oder lightskinned Menschen, die also einen helleren Hauttypen haben (Colourism​). Diese selektive Repräsentation führe dazu, dass nur eine kleine Gruppe von Schwarzen Menschen sichtbar und der Rest noch unsichtbarer werde. Die Berlinerin möchte mit ihrem Magazin dagegen die Schwarze Community in all ihren Facetten darstellen.

Sichtbarkeit durch Mode schaffen

​Als 14-Jährige ist Assik Ebai Nyenty aus Kamerun nach Freiburg gezogen – und wurde in Sachen Mode direkt enttäuscht. Vergeblich suchte die heute 26-Jährige nach Kleidungsstücken und Stoffen, die sie an ihre Heimat erinnerten. Also beschloss sie, selbst Kleidungsstücke zu entwerfen. „Ich hatte schon immer Interesse an Mode und habe mir mit meinen Ersparnissen erst mal eine Nähmaschine von Penny für 100 Euro gekauft“, erzählt Nyenty. 

Assik Ebai Nyenty
Foto: Ena Styles

Am liebsten hätte sie direkt traditionelle afrikanische Abendkleider genäht, doch dafür fehlte ihr das Know-how. Stattdessen tastete sich Nyenty mithilfe von Youtube-Videos ans Nähen heran. Die ersten beiden Produkte waren ein Pullover und ein T-Shirt, auf denen die Silhouette Afrikas mithilfe eines afrikanischen Stoffprints zu sehen ist. Es folgten Haar-Bonnets und Kissenbezüge aus Satin, welche Afrohaare beim Schlafen vor dem Abbrechen und Austrocknen schützen. 

2019 hat Nyenty ihr Unternehmen Ena Styles gegründet. Das Sortiment reicht mittlerweile von Alltagsstücken bis hin zu eleganten maßgeschneiderten Abendkleidern. Nyenty möchte damit ihre Herkunft und Schwarze Identität in Deutschland zeigen. „Andere Kulturen erkennt man an ihren Klamotten, an dem, was sie tragen – das hat mir bei uns Afrikanern gefehlt. Ich hatte das Gefühl, dass die afrikanische Kultur in der Diaspora ​verloren geht. Ich will uns wieder sichtbar machen.“ 

Nyenty verkauft ihre Klamotten auf Instagram.
Foto: Instagram/ @ena_styles

Gerade legt sie eine Pause ein, um ihr Business umzustrukturieren. Sie möchte sich nämlich endlich auf ihren ursprünglichen Traum konzentrieren und auf maßgeschneiderte formelle Kleidung umsteigen.

Vernetzen und Vorbilder zeigen

​Isabel Laqua konnte sich in ihrer Kindheit nur schwer mit den Kindern an ihrer Schule identifizieren. „In meiner Generation war ich zusammen mit meiner kleinen Schwester immer eine der wenigen Schwarzen in der Schule“, sagt die 26-Jährige. Aber auch außerhalb des Unterrichts, im Fernsehen oder in der Politik, hat Isabel kaum deutsche Vorbilder gefunden, die so aussahen wie sie. Das ist einer der Gründe, weshalb Laquah vor zwei Jahren gemeinsam mit ihrem Kollegen Ted Schiewelbein den Verein Future Of Ghana Germany (FOGG) in Hannover gegründet hat. 

Isabel Laqua
Foto: FOGG

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Bildung von Schwarzen Menschen zu fördern. Willkommen sind nicht nur Schwarze mit ghanaischen Wurzeln, sondern alle afrikanischstämmigen Menschen in der Diaspora​. „Wir machen Schwarze Menschen dort sichtbar, wo sie nicht sichtbar sind“, sagt Laqua. Der gemeinnützige Verein will die Schwarze Community in Deutschland stärker miteinander vernetzen. 

Ursprünglich stammt die Idee aus England, wo Arnold Sarfo Kantakna 2010 den Verein Future Of Ghana gegründet hat. Mittlerweile ist FOGG in Hamburg und Hannover vertreten und arbeitet daran, sich in weiteren deutschen Städten zu etablieren. Besonders am Herzen liegt Laqua das Vorbilderprojekt, welches sie dieses Jahr mit diversen Kindereinrichtungen starten will. „Wir werden den Jugendlichen zeigen, dass es Schwarze Ärzte, Journalisten und Busfahrer gibt. Somit helfen wir, ein positives Selbstbild zu vermitteln.“ FOGG Hannover befindet sich zwar gerade noch in der Anfangsphase, doch Laqua ist sich sicher, schon jetzt einen positiven Einfluss auf das Leben Schwarzer Menschen in Deutschland zu haben. 

Marktlücke im Schmuck-Business

​Während viele Geschäfte im ersten Lockdown Anfang 2020 schließen mussten, hat Frieda Ama Kyem ihr eigenes gegründet: Treasures by Kyem. „Ich wollte schon immer irgendwas Eigenes machen“, sagt sie. Die 27-Jährige liebt Schmuck, besonders die traditionellen ghanaischen Waist Beads. Waist beads sind farbenfrohe Perlenketten, die in vielen afrikanischen Ländern schon im Kindesalter um den Bauch getragen werden. 

Frieda Ama Kyem
Foto: Privat

In der ghanaischen Kultur haben die verschiedenen Perlenfarben eine tiefe Bedeutung. „Weiße Perlen stehen für Schutz, rote Perlen für Stärke und grüne Perlen für Wachstum“, erklärt Kyem. Die Farben spiegeln die Lebenswünsche der Mütter für ihre Töchter wider. Die Perlenketten sind außerdem ein Zeichen für Weiblichkeit und werden traditionell versteckt an der Hüfte entlang getragen, viele Frauen und Jugendliche tragen sie aus ästhetischen Gründen aber mittlerweile auch sichtbar um die Taille. 

Weil Freundinnen und Bekannte Kyem immer wieder auf ihre Ketten angesprochen hatten, entdeckte sie die Marktlücke in Deutschland für sich. Anfangs schickte ihre Schwester ihr die Ketten noch aus Ghana. Die Nachfrage war aber schnell so groß, dass die Schwester nicht mehr hinterherkam. 

Kyem liebt Schmuck, besonders die traditionellen ghanaischen Waist Beads.
Foto: Treasures by Kyem

Kyem beschloss daher, die Perlenketten selbst an ihrem Esstisch aufzufädeln. „Mein Wohnzimmer ist mittlerweile zu meiner Produktionsstelle geworden“, sagt sie. Auch Ohrringe, Ketten und Armbänder mit traditionellen ghanaischen Symbolen und Namen verkauft sie mittlerweile. „Je mehr Black Businesses ​es gibt, desto besser können wir uns als Gemeinschaft und Kultur in Deutschland repräsentieren“, sagt sie.

Ein Ventil für Fragen und Emotionen

Nach dem Mord des Afroamerikaners George Floyd hat Dominik Lucha im Sommer 2020 den Instagram-Kanal „Was ihr nicht seht“ gegründet. Für ihn und viele andere Schwarze weltweit war die „Black Lives Matter“-Bewegung eine Zeit der Reflexion. „Der Blog war ein Ventil, um mit all den Fragen und Impulsen umzugehen, die vor allem zu der Zeit aufgekommen sind“, sagt Lucha. Anfangs fragte der 30-Jährige seine Bekannten, wie sie Rassismus in Deutschland erlebten und teilte die Erfahrungsberichte anonym auf Instagram. Lucha hat damit einen Nerv getroffen – innerhalb von drei Monaten folgten dem Account mehr als 90.000 Menschen. Ihn erreichten immer mehr Erfahrungsberichte von seinen Followern, sodass Lucha auch diese anonymisiert auf seinem Blog teilte. 

Dominik Lucha
Foto: we are era GmbH

„Ich hoffe, dass der Kanal Schwarzen Menschen hilft, eine Plattform zu finden, um Alltagsrassismus sichtbar zu machen“, sagt Lucha. „Was ihr nicht seht“ soll Schwarze Menschen außerdem in dem Gefühl bestärken, nicht allein zu sein mit ihren Erfahrungen. Gleichzeitig klärt der Account auch weiße Menschen über Rassismus auf und regt zur Selbstreflexion an. „Es gibt so viele Schwarze Jungs und Mädels, die in einer Kleinstadt aufwachsen, wo nicht viele Schwarze leben. Durch den Account erlangen auch sie Sichtbarkeit. Es entsteht ein Wir-Gefühl oder ein Ich-bin-nicht-allein-Gefühl“, erklärt Lucha. 

Für die Zukunft wünscht er sich, dass sich jeder über seine Privilegien bewusst wird, eigene Sichtweisen überdenkt und dementsprechend rassistisches Gedankengut entlernt und stattdessen antirassistisches Verhalten erlernt. 

Die vielen Facetten Schwarzer Weiblichkeit

​Schwarze Frauen stärken und motivieren – das ist das Ziel des Instagram-Accounts @vibesofablackgirl​. Der Blog leistet Aufklärungsarbeit mit Nachrichten und Tipps und bietet außerdem einen Safe Space ​für Schwarze Frauen. Vibes of a Black Girl hat es sich zur Aufgabe gemacht, existierende Stereotypen zu widerlegen und zu zeigen, dass Schwarze Frauen vielfältig in ihrer Identität sind. Dabei macht der Blog immer wieder auf die Intersektionalität ​Schwarzer Frauen aufmerksam, da sie nicht nur von Rassismus, sondern auch Sexismus im Alltag betroffen sind. 

Vibes of a Black Girl ermutigt Schwarze Frauen, zu ihren Grenzen, Gefühlen und Meinungen zu stehen. Außerdem erinnert der Kanal mit Beiträgen über mentale Gesundheit daran, dass sich Schwarze Frauen entgegen dem populären Stereotyp der Angry Black Woman ​auch verletzlich zeigen können.

Mit farbvollen und kreativ gestalteten Posts macht Vibes of a Black Girl aber auch deutlich, dass das Schwarzsein nicht nur ausschließlich mit Schmerz, Trauma und Rassismus verbunden ist, sondern noch viel mehr Facetten hat. Der Kanal zelebriert Black Joy ​und Black Girl Magic ​– und das nicht nur im Black History Month

Glossar: Von Colourism bis Intersektionalität

Black History Month: ​Der Black History Month hieß ursprünglich Negro History Week und wurde in der zweiten Februarwoche in den USA gefeiert. Der Historiker Carter G. Woodsen hatte diese Tradition 1926 ins Leben gerufen, sie galt als Feierbewegung Schwarzer Geschichte und Kultur. In den 20er-Jahren war die Geschichte der Schwarzen nämlich kaum in Geschichtsbüchern zu finden. Den Aktionsmonat gibt es seither jeden Februar, hauptsächlich in Kanada und den USA. In den 90er-Jahren wurde er erstmals von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland gefeiert.

Safe Space: ​Räume und Plattformen, in die sich marginalisierte Menschen zurückziehen und offen über ihre Erfahrungen und Gefühle reden können – ohne Angst vor Diskriminierung

Angry Black Woman: ​Das Stereotyp charakterisiert Schwarze Frauen als aggressiv, reizbar, sensibel und feindselig. Die Wut wird nicht mehr als individuelles Phänomen verstanden, sondern als eine typische Charakteristik einer Schwarzen Frau. 

Diaspora: ​Eine nationale, religiöse, kulturelle oder ethnische Gemeinschaft, die ihre Heimat verlassen hat und teils über die gesamte Welt verstreut lebt. Die afrikanische Diaspora umfasst alle Menschen afrikanischer Herkunft, die außerhalb Afrikas leben.

Support Black Businesses: ​Der Slogan macht darauf aufmerksam, dass es nicht nur im Alltag eine Kluft zwischen Schwarz und Weiß gibt, sondern auch in der Businesswelt. Viele Großunternehmen schöpfen ihre Ideen aus den Schwarzen Kulturen, ohne dass Schwarze Menschen direkt davon profitieren. 

Intersektionalität: ​Besagt, dass soziale Kategorien wie Gender und Ethnizität nicht unabhängig voneinander verstanden werden können, sondern in ihrer Wechselwirkung zueinander

Colourism: ​Die Bevorzugung Schwarzer Menschen mit hellerer Haut (etwa lightskinned, biracial und mixed Menschen)

FLINTA*: ​Frauen, Lesben, Intersexuell, Nicht-binär, Transgender und Agender. Das Sternchen steht für alle, die sich in keinem der Buchstaben wiederfinden.

Warum heißt es Schwarze Menschen mit großem S? ​Schwarze Menschen ist eine Selbstbezeichnung von BIPoC und beschreibt eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position. Es handelt sich dabei um eine konstruierte Zuordnung, die nicht immer auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist. 


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Über den Autor/die Autorin:

Sarah Danquah

Sarah (19) studiert Journalism & Media & Communication in England. Obwohl sie ein großer Fan von Sonnenschein und blauen Himmel ist, macht ihr das britische Wetter nur wenig zu schaffen: An verregneten Tagen schreibt sie nämlich gerne Texte über Musik, Internet-Phänomene und afrozentrische Themen. Eine Tasse Tee und ein Stück Kuchen dürfen dabei natürlich nicht fehlen.

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