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Was das Brexit-Chaos mit meinem Leben macht

Was das Brexit-Chaos mit meinem Leben macht
Foto: dpa

Mit oder ohne Deal – und wann überhaupt? Der EU-Austritt Großbritanniens wird immer wirrer. Der Brexit wirft auch bei jungen Menschen Fragen auf.


Angst vor Identitätsverlust

Sam Pennell (21) studiert Maschinenbau in Hannover.

Wir Briten fühlen uns nicht wie Europäer. Viele wissen nicht mal, wo das Europäische Parlament sitzt oder was es tut. Das ist kein fehlender Respekt – wir halten unsere eigene Identität nur für wichtiger. Deswegen haben viele für „Exit“ gestimmt: Sie fürchten, ihre nationale Identität zu verlieren. Wir Engländer sind sehr stolz auf unsere Kultur und Vergangenheit. Vor Hunderten von Jahren waren wir Weltherrscher. Dieses British-Empire-Denken und das Bedürfnis nach Wichtigkeit steckt vielleicht immer noch in uns. Ich komme aus London und habe für „Remain“, also bleiben, gestimmt. Wir haben in der EU viele Vorteile: Reisefreiheit, Wirtschaftsverbindungen und die sicherer gewordene Grenze zu Irland. Als Erasmusstudent wird sich nach dem Brexit für mich wohl nichts ändern. Doch später würde ich gern in Deutschland arbeiten. Der Brexit limitiert meine Optionen, wir isolieren uns, statt über den Tellerrand zu schauen. In der Debatte fehlt eine Richtung, sie schafft nur mehr Probleme. Dabei gibt es so viel Wichtigeres zu lösen: Armut, Obdachlosigkeit und dass oft der Lohn nicht für ein normales Leben reicht.

Von Sarah Seitz

Kredite und Tinder-Dates statt Brexit


Rebecca Weyers (25) lebt in Bath und arbeitet in einer IT-Firma.

Im Juni 2016 erreichte mich auf dem Hurricane-Festival die Nachricht „UK stimmt für den Brexit“. Ich war fassungslos. Damals war mein Koffer gepackt zum Umzug nach England für mein Masterstudium. Nach zwei Jahren hier bin ich ernüchtert darüber, dass der Brexit in meinem Alltag fast keine Rolle spielt. In den vergangenen Wochen wurde ich oft gefragt, wie die Stimmung im Land sei. Wenn ich „schlecht“ antworte, beziehe ich mich aber auf die Nachrichten und Podcasts. Klar, Firmen verlegen ihre Hauptsitze, und der Pfund verliert an Wert. Auch meine Freunde diskutieren grinsend im Pub, wer von ihnen irische Verwandte hat, um einen neuen Pass zu beantragen. Aber sie sorgen sich mehr um ihre Hauskredite und Tinder-Dates als um nicht absehbare Brexit-Folgen. Meine Gefühle sind gemischt. Wieder ist mein Koffer gepackt – ich ziehe in wenigen Wochen zurück nach Deutschland. Ich frage mich, wann ich wiederkehren werde und wie der Brexit dann den Alltag hier bestimmt.

Von Rebecca Weyers

„Ich kann die Zukunft nicht planen“

Julian Meier (25), studiert Mathematik in Cambridge.

Isaac Newton und Stephen Hawking haben in Cambridge studiert. In drei Monaten beginnen auch meine Prüfungen: im Master der Mathematik. Das Thema beim Abendessen in meinem College ist jedoch nicht die anstehende Lernphase, sondern der Brexit. Gefühlt jeden Tag gibt es eine Abstimmung im britischen Parlament, in den Medien kein anderes Thema und die Parteien streiten sich nur noch darüber, wer wen angeschwärzt hat. Wir Studenten sind genervt. Es gibt viele andere Probleme: Rassismus, das Gesundheitssystem – oder die Zukunft der europäischen Studenten. Denn die steht auf einem wackligen Fundament. Wir leben von Stipendien, die von der EU mitfinanziert werden. Nichteuropäische Studenten zahlen pro Jahr 10 000 Pfund mehr Studiengebühren. Ich wollte nach dem Master einen PhD, einen internationalen Doktor, in Cambridge machen. Doch nicht mal meine Dozenten wissen, ob es Stipendien für uns geben wird. Es bahnt sich Chaos an. Wenn es wirklich zu einem ungeordneten Brexit kommt, weiß ich nicht, was das für meinen Master bedeutet. Ich kann meine Zukunft nicht planen. Das einzige, was mir bleibt, sind Plan B oder C zu entwickeln: einen hohen Kredit aufnehmen oder hoffen, zum Erzrivalen Oxford zu kommen. Dort finanziert die freie Wirtschaft Stipendien für meinen Studienplatz.
Für mich steht Europa für Frieden, Wohlstand und Gemeinschaft. Es fühlt sich wie eine Familie an, in der verschiedene Sprachen gesprochen werden. Die Kämpfe um den Brexit werden eine Ebene höher ausgefochten.

Von Sarah Seitz

Zu spät für Rückzieher


Rebecca Bunyan (19) studiert Jura an der University of Oxford.

Ohne Brexit wäre ich nicht Deutsche: Meine Familie lebt seit 15 Jahren in Deutschland, doch wir haben die Staatsbürgerschaft erst kurz nach dem Referendum beantragt. Wir sind Briten und EU-Bürger – das sollte auch so bleiben.
Ich bin in Hannover aufgewachsen, habe in Düsseldorf Abitur gemacht und bin vor zwei Jahren zum Studium nach Oxford gezogen. Den Brexit-Streit erleben wir Studenten hautnah: Letztens hat der Debattierclub Oxford Union Nigel Farage eingeladen. Der hatte 2016 als UKIP-Parteichef den Brexit vorangetrieben. Studenten konnten direkt mit ihm diskutieren – spannend! Auf mein Erasmus-Jahr in München dürfte der Brexit zwar keinen Einfluss haben. Aber ich überlege, mich nach dem britischen Abschluss auch in Deutschland zur Juristin ausbilden zu lassen. Ich denke, dass es zu spät ist, den Brexit rückgängig zu machen. Umso wichtiger ist es jedoch jetzt, dass die EU-Staaten anders und besser zusammenarbeiten.

Von Carlotta Hartmann

Nicht alle Studenten sind gegen den Brexit


Amy Hones (20) studiert Filmproduktion in Liverpool

Ich bin halb Engländerin, halb Deutsche. Für mein Filmproduktion-Studium bin ich von Springe bei Hannover nach Liverpool gezogen. Bei der Brexit-Diskussion merke ich vor allem die Existenzängste einiger Kommilitonen aus anderen EU-Ländern. Sie wollen nach dem Studium bleiben, aber das kann schwierig werden. Wegen einer zu langen Jobsuche könnten sie beispielsweise ausgewiesen werden. Für mich und meine zwei Pässe ist das kein Problem. Trotzdem sehe ich den Brexit kritisch: England ist dann vor allem wirtschaftlich im Nachteil.
Deshalb hätte ich „remain“ gewählt. Beim ersten Referendum durfte ich nicht wählen, ich habe noch nicht lange genug in England gelebt. In unserer WG-Küche gibt es ständig Diskussionen über den Brexit, die Meinungen gehen total auseinander – das hat mich überrascht. Ich dachte, dass die meisten Studenten gegen den Brexit seien. Hoffentlich verändert sich nach dem Brexit nicht alles. Vor allem, dass keine Visa zwischen England und der EU benötigt werden. Das war immer ein Zeichen von Zusammenhalt und ist es, was Europa besonders macht: Dass so viele Länder mit verschiedenen Kulturen es schaffen, zusammenzuarbeiten. Schade, dass es knapp 52 Prozent der Brexit-Wähler anders gesehen haben.

Von Jacqueline Haddasch


Wie kam es zum Brexit?
Anfang 2013 hielt der damalige Premierminister und Vater der Brexit-Abstimmung David Cameron eine Grundsatzrede zur EU. Darin verspricht er ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der Union sowie neue Aushandlungen der Beziehungen zum Festland – wenn er mit seinen konservativen Tories die Wahl im britischen Unterhaus gewinnt.
Dieser Wahlsieg tritt im knapp zweieinhalb Jahre später ein. Cameron kündigt für 2016 ein Referendum an – und stürzt sich in Verhandlungen mit der EU. Das Ergebnis: Eine Sonderstellung Großbritanniens sowie ein Reformpaket, das die Interessen des Landes unterstützt und in Kraft treten soll, wenn das Referendum positiv für die EU ausfällt.
Anschließend beginnt Cameron eine Werbetour für seinen ausgehandelten Pakt – vergeblich. Knapp 52 Prozent der Briten stimmen für den Brexit. Am nächsten Morgen kündigt Premierminister Cameron seinen Rücktritt an – laut Times soll er gesagt haben: „Why should I do all the hard shit?“


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