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Rostocker Lehrer und Ex-Soldat schreibt Roman über einen Afghanistan-Veteranen

Rostocker Lehrer und Ex-Soldat schreibt Roman über einen Afghanistan-Veteranen
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Das Manuskript ist fertig. Christian Taszarek alias Wolf Gregis sitzt auf einem roten Sofa in einem Rostocker Café. Seine hellen grau-blauen Augen blicken kurz auf den schwarzen Kaffee und durchschneiden dann den sonnigen Raum. Der Körper ist schlank und gespannt, der dichte Vollbart akkurat gepflegt, der Schädel kahl. Jeans, dunkles Hemd, keine Armbanduhr.

Debütroman über Afghanistan-Heimkehrer

„Das Manuskript liegt beim Lektor“, sagt Wolf Gregis. Als Autor führt Christian Taszarek diesen Namen. Gleichsam als Abgrenzung von Taszarek, der als Lehrer an einem Gymnasium der Hansestadt und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni beschäftigt ist. Nun hat er im Rahmen des „RostockStipendiums“ die Arbeit an seinem Romandebüt, das den Arbeitstitel „Sandseele“ trägt, abgeschlossen. Es ist, verkürzt formuliert, ein Afghanistan-Heimkehrer-Roman. Das Besondere: Die fiktionalisierte Geschichte ist untermauert durch Erlebnisse des Autors, der vor gut zehn Jahren als Offizier im Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan war. Das Werk ist, so der Autor, der einzige Afghanistan-Roman in Deutschland, der von einem deutschen Soldaten geschrieben wurde, der selbst im Einsatz am Hindukusch war. Die Veröffentlichung ist für 2021 geplant.

Buch mit autobiografischen Bezügen

Gregis beleuchtet eine Nacht im Leben seiner Hauptfigur, der eine Dekade nach seinem Afghanistan-Einsatz einen afghanischen Freund, seinen einstigen Dolmetscher, in der Tagesschau sieht. Woraufhin die Gedanken des ehemaligen Soldaten ungestüm in Gegenwart und Vergangenheit wühlen und graben und den Ich-Erzähler malträtieren. Die Hiebe kommen aus dem Heute: „ . . . kleinbürgerliche Pflichten und Sorgen, zugeschüttet von Alltagserlebnissen und Jedermannserfahrungen . . . bedeutungslose Scheiße.“ Und die Erinnerungseinschläge aus der Zeit am „hässlichen Ende der Welt“ kratern derart heftig, dass es ein Wunder ist, dass der Veteran nicht den Verstand verliert.

Geschichte einer gescheiterten Freundschaft

„Es ist keine Wildwest-Geschichte“, sagt Wolf Gregis. Natürlich gibt es auch Action, die permanente Gefahr von Anschlägen, gewalttätige Sequenzen, die Beschreibungen von Frust, Leere, Ödnis, Müdigkeit und Erschöpfung. Zwischen allen Zeilen rieselt der feine afghanische Flugsand, dazu gesellt sich der Geruch von Kot, Dreck und das Bild einer komplett anderen Kultur mit einer ebenso ungewohnten Struktur von Gesellschaft. Es ist die Geschichte einer gescheiterten Freundschaft. Über allem steht die bohrende Frage des Erzählers: Hatten wir eine Chance? Dort, wo es nichts gibt außer „Braun und Grau und Beige und Ocker“. Klappt es dort vielleicht mit einem Kulturkontakt, obgleich die westeuropäischen Werte dort abgelehnt werden? „Die Deutschen wollen nicht verstehen, dass die Afghanen diese Art der Freiheit, die Demokratie, nicht haben möchten“, sagt Gregis.

Autor promoviert

Gregis steht jeden Tag um vier Uhr auf, um in Ruhe schreiben zu können (am Wochenende um 6 Uhr). Wenn seine Frau und die zehnjährige Tochter erwachen, hat er bereits das Frühstück vorbereitet. Dann geht’s zur Arbeit, zum Gymnasium, zur Uni, unterrichtet Schüler, Studenten, forscht im Rahmen seiner Promotion zur Theorie der Praxisbezüge im Lehramtsstudium, also ob mehr Praxis während des Studiums einen ausschlaggebenden Erfolg hat.

Mai 2017: Autobombenanschlag nahe der deutschen Botschaft in Kabul

Auslandseinsatz war eine Extremerfahrung

Was fühlte Wolf Gregis als er damals in Afghanistan landete? „Ich kam mir wie ein römischer Legionär vor, der in ein unbekanntes Land kommt“, berichtet er. „Es war eine Extremerfahrung, von der die meisten Kameraden nicht wegkommen, die mich aber nicht traumatisiert hat.“ Deshalb sei sein Roman keine persönliche Aufarbeitung, auch kein Sachbuch, keine Bekenntnisschrift noch Anklage, Autobiografie oder Therapie. Gregis möchte keine Schwarzweiß-Malerei, eher untersuchen, ausgehend von Einzelerfahrungen, was in Afghanistan passiert. „Einfache Antworten gibt es nicht“, macht der Autor klar.

Nichts ist sicher

Persönlich hat er aus seinem Einsatz am Hindukusch gelernt. Etwa dass unser Lebensentwurf nur einer von vielen ist. Dass nichts sicher ist. Dass es immer noch schlimmer geht und dass gut gemeinte Hilfsabsichten dominant-aggressiv wirken können. „Mich haben diese Erfahrungen krisenfester gemacht.“

Kein Platz für persische Romantik

Die Anmutung von Afghanistan im Roman ist roh. „Die Landschaft ist schön, aber der Winter sortiert gnadenlos aus, das Sterben ist dort Gegenwart“, sagt Gregis. In seinem Buch gibt es dafür einige knappe Sätze: „Hier war kein Platz für persische Romantik“ oder „Bloß weg aus diesem scheiß Land“. Gregis erzählt, er habe unzählige Anläufe genommen, um das Buch zu schreiben. „Manche Dinge brauchen Zeit und Distanz.“

Zwei Jahre benötigte er nun fürs Manuskript. Es hat einen düsteren Grundton, der einen gleichwohl von Seite zu Seite mehr anleint. Man hofft auf Licht. Gibt es Hoffnung? Wolf Gregis antwortet nicht, fast nicht. War das ein zaghaftes Kopfschütteln?

Lesung und Gespräch mit Wolf Gregis

Am 9. Juni (Dienstag) gibt es um 20 Uhr ein Online-Werkstattgespräch plus Lesung mit dem Autor Wolf Gregis im Literaturhaus Rostock.

Der Livestream ist bei www.literaturhaus-rostock.de zu finden.

Das „Rostock-Stipendium“ unterstützt seit 1995 Künstler der bildenden Künste, Filmschaffende und Literaten mit zweimonatigen Stipendien. In dieser Zeit können sie in den Atelierräumen des Schleswig-Holstein-Hauses der Hansestadt arbeiten. Am Ende werden die Arbeiten stets präsentiert oder es gibt Lesungen

Info: www.rostock-stipendium.de

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Von Klaus Amberger

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