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„Kargo“ von Kraftklub: Neuer, alter Klang

„Kargo“ von Kraftklub: Neuer, alter Klang
Foto: Philipp Gladsome

Nach Felix Kummers Solokarriere sind Kraftklub als Band zurück. Auf dem vierten Album „Kargo“ (erscheint am 23. September) erfinden sie sich zwar nicht komplett neu, doch weiterentwickelt haben sie sich trotzdem – und das lohnt sich.


Mit den Parkas, die die Jungs von Kraftklub derzeit tragen, erinnern sie an den ehemaligen Oasis-Frontmann Liam Gallagher – und ungefähr dessen Status haben die Chemnitzer inzwischen auch in der deutschen Indie-Szene erreicht. Sie sind die ungeschlagenen Könige der nahbaren Rockmusik. Mit der Mischung aus gesprochenen und gesungenen Texten und dem Sound, in dem immer etwas DIY mitschwingt, sind sie seit dem ersten Album „Mit K“ 2012 Chartkletterer, und Sänger Felix Kummer war bis zur Auflösung seines Projekts Kummer kürzlich auch solo erfolgreich. Was gibt es da also noch zu tun, nach gerade mal etwas mehr als zehn Jahren Band-Geschichte, aber bereits diesem Standing?

Erste Albumhälfte erinnert an früher

Fünf Jahre Pause waren es bis „Kargo“. Einiges am vierten Album der Gruppe schreit „back to the roots“: Der Opener „Teil dieser Band“ erinnert in seiner kritisch-selbstironischen Art an „Unsere Fans“ vom Zweitwerk „In Schwarz“ (2014). „Ein Song reicht“ und „Blaues Licht“ ähneln wiederum „Wieder Winter“ vom Debüt. Ein wenig kratzen die ersten Songs – spannenderweise die Vorab-Singles – am Aufgewärmtsein, aber etwas ist doch anders. „Kargo“ ist kein Remake, ihr Material zu recyclen kann man der Band nicht ganz vorwerfen. Kraftklub klingen, wie sie immer klingen – aber irgendwie sauberer, besser produziert. Sie machen dasselbe wie auf ihren ersten Alben, nur … größer.

Kleiner Stolperer in neuem Kraftklub-Sound

Erst in der zweiten Hälfte erschließen sich langsam die Neuerungen in der Musik der fünf Künstler. „Kein Gott, kein Staat, kein Du“ mit Mia Morgan als Feature ist der erste Kraftklub-Song mit weiblicher Unterstützung – und er bricht mit dem Bild, das sie bisher von sich zeichneten. Felix Kummer tritt hier weniger als liebenswerter Everyman auf, der Song wirkt überzogen. Wirklich Indie waren Kraftklub nie, doch dieser Song steht dem Standard-Pop in nichts nach.

„Kargo“: Starker Schluss

Den Ausschlag übersteht „Kargo“ glücklicherweise rasch und die Änderungen sind danach deutlich spürbarer als noch am Anfang der Platte. Die Kollaboration mit den Kummer-Schwestern Blond ist so naheliegend wie passend, „Vierter September“ beruft sich aufs Frühwerk, ohne wie eine Kopie zu klingen. Doch der Höhepunkt ist das düstere „Angst“ – so wenig nach Kraftklub klang die Band selten, doch der Ausflug in dunklere Gewässer steht ihnen gut zu Gesicht. Ähnlich wie Rammsteins gleichnamiger Song (2022) und Alligatoahs „Terrorangst“ (2019) behandelt der Song Xenophobie, musikalisch ähnelt das Ganze Blink-182s „I Miss You“ (2003). Die deutlichste Weiterentwicklung und mitverantwortlich dafür, dass „Kargo“ nach dem einseitigen Start doch noch trifft.

Kraftklub gehören eben genau da hin, wo sie sind – an die Spitze. Brüderzwist hoffentlich ausgeschlossen.


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Über den Autor/die Autorin:

Annika Eichstädt

Annika (24) macht ihren Master in Neuerer Deutscher Literaturwissenschaft. Das ist zwar brotlose Kunst, aber sie liest oder schreibt nun einmal den ganzen Tag. Bei MADS rezensiert sie am liebsten Musik oder Serien.

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