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„Alles war plötzlich weg“: Wie ein Jungunternehmer mit dem Scheitern umgeht

„Alles war plötzlich weg“: Wie ein Jungunternehmer mit dem Scheitern umgeht
Foto: privat

Mit 21 Jahren übernimmt Janik von Lerchenfeld die Geschäftsleitung im WakeboardUnternehmen seiner Eltern. Drei Jahre später folgt die Insolvenz – und damit das Ende seines lang ersehnten Zukunftsplans. Ein Gespräch übers Scheitern.


Janik, du hast den Familienbetrieb deiner Eltern schon als Kind erlebt – wie kann man sich das vorstellen?

Sobald ich laufen konnte, war ich mal im Unternehmen, und für mich war immer klar: Irgendwann steige ich da ein. Ich wollte das machen, was Papa gemacht hat. Ich stand von klein auf schon auf dem Wakeboard und hätte später auch alles für die Firma, die Marke, den Sport und auch die Community gemacht. Meine Eltern haben nie gesagt: „Hey, du musst das machen und da einstiegen.“ Ich fand das einfach cool, das war mein Hauptantrieb.

Mit welchem Gefühl bist du in das Unternehmen eingestiegen?

Der erste Tag nach dem Abi war zugleich auch mein erster Tag im Unternehmen. Ich hab gleich eine Ausbildung zum Metallbauer angefangen und vom Zusammenbauen von Teilen über Montagen hin zum Vertrieb alle Bereiche mitgemacht und erlebt. Es war eine gute Basis da, wir hatten einige starke Jahre hinter uns. Ich fand Handwerk einfach cool, die Angst zu scheitern stand nicht im Raum.

Zur Person

Janik von Lerchenfeld (29) kommt aus dem Allgäu. Er ist ausgebildeter Metallbauer der Fachrichtung Konstruktionstechnik und ehemaliger Geschäftsleiter des 1992 gegründeten Familienunternehmens seines Vaters. Gemeinsam mit ihm führte er ein Unternehmen mit etwa 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, das Wakeboard-Anlagen produzierte und vertrieb. Als er 2011 als Azubi voller Tatendrang ins Unternehmen einsteigt, scheint alles planungs- und zukunftssicher. Mit nur 21 Jahren übernimmt er 2015 die Geschäftsleitung, 2018 folgt dann die Insolvenz. Heute arbeitet von Lerchenfeld bei einem Vergleichsportal.

Wie kam es zu der Insolvenz?

Hauptsächlich durch drei große Entscheidungen, die wir getroffen haben. Wir haben das Haus und die Firma neu gebaut, und hinzu kamen eine technische Fehlentwicklung und die Verzögerung eines Projekts im Ausland, wodurch wir sehr viel Geld verbrannt haben. Die Probleme wären einzeln tragbar gewesen, nicht aber in der Summe. Das war einfach zu viel. Es war nicht von Anfang an klar, dass wir Insolvenz anmelden müssen. Zu Anfang hin hatten wir Lösungen, um aus der Krise zu kommen. Das hat sich dann über zwei Jahre angebahnt.

Wie ging es dir, als dir klar wurde: Okay, das wird nichts, wir müssen Insolvenz anmelden?

Ich hab’s damals gar nicht richtig realisiert. Auch nicht, was das für mich persönlich bedeutet. Das kam erst über die Jahre. Für mich waren die Monate in der Insolvenz wie eine Blackbox, ich hab das verdrängt. Es war klar: Wir müssen die beste Lösung für alle Beteiligten finden. Aber unbestreitbar ist auch: Wir sind gescheitert, und es hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Alles war plötzlich weg.

Hattest du einen Plan B?

Ich bin kein Fan davon, einen Plan B zu haben. Wenn ich an etwas glaube und für etwas brenne, dann bin ich auch bereit, dafür alles zu geben.

Foto: Privat

Wie ging es danach weiter, und was machst du heute beruflich?

Heute arbeite ich für ein Vergleichsportal und bin da auch angekommen. Hier kann ich mit meinen Erfahrungen Wirkung zeigen, und zugleich wird mir auch das Vertrauen in meine Fähigkeiten entgegengebracht. Ich habe aber auch ein paar Jahre gebraucht, um mich auszuprobieren und zu finden. Für mich ist mit der Insolvenz auch ein Stück Identität verloren gegangen. Ich war dann plötzlich nicht mehr der junge Unternehmer.

Was hast du aus heutiger Sicht daraus gelernt?

Ich hab mir schon damals gedacht: materiell verloren, am Leben gewonnen. Das Haus war weg, die Firma war weg. Aber ich habe durch die Erfahrung einfach gewisse Dinge über mich selbst gelernt. Es hat die Familie wieder zusammengebracht, das kann mir keiner mehr nehmen. Und zugleich habe ich keine Angst mehr davor, irgendwo groß zu scheitern, weil ich weiß, ich kann wieder aufstehen. Das hat mir den Mut und den Glauben an mich selbst gegeben.

Wie gehst du heute neue Projekte und die Möglichkeit des Scheiterns an?

Viel leichter. Ich bin zum einen risikoaffiner und treffe schneller Entscheidung. Zum anderen kann ich Konsequenzen und ihre Reichweite heute viel besser einschätzen und bewerten. 


Hättest du aus heutiger Sicht etwas anders gemacht?

Nein, für mich war das auf jeden Fall richtig. Ich blicke gerne auf die Zeit zurück und kann sagen: Ich habe geliebt, was ich getan habe. Klar könnte man sagen, dass wir andere Entscheidungen hätten treffen müssen. Aber wir haben mit dem damaligen Wissensstand nach unserem besten Wissen und Gewissen gehandelt. Ich mache mir da keinen Vorwurf.

Foto: Privat

Wie haben sich die Prioritäten in deinem Leben gewandelt?

Das Materielle und auch ein gewisses Statussymbol, das hat gar keinen Stellenwert mehr für mich. Wirklich für mich wichtig geworden ist das Thema zwischenmenschliche Beziehungen, sei es mit der Familie, Freunden oder der Partnerin. Arbeit hat auch schon immer eine große Rolle für mich gespielt. Inzwischen kann ich aber sagen, dass ich das einfach gerne mache und da Zeit für investiere. Auch wenn mein Umfeld das nicht immer so nachvollziehen kann, ist das einfach ein schönes Gefühl.

Was kannst du jungen Menschen, die Leistungsdruck verspüren und Angst vorm Scheitern haben, mit auf den Weg geben?

Ich glaube, es ist wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich die Frage danach zu stellen, was man wirklich möchte. Die wichtigste Person im Leben ist man selbst. Eltern und das Umfeld meinen es nicht böse mit einem, wenn sie etwas über einen drüber stülpen. Das muss man sich aber bewusst machen und in sich reinhören. Man ist mit keinem Gefühl und keiner Angst jemals alleine, und man sollte offen und mutig über seine Gefühle sprechen können. Man muss in Krisen und bei schwierigen Entscheidungen aber auch durchhalten, den Schmerz aushalten. Und solange man etwas macht, was man wirklich liebt, kann man damit auch erfolgreich werden.

Von Sandra Kopa


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Über den Autor/die Autorin:

MADS-Team

Unter diesem Namen sammeln wir Beiträge von Gastautorinnen und -autoren, Autorenkollektiven oder freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei MADS. Die Namen des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin stehen unter dem einzelnen Beitrag.

3 Bemerkungen

  1. Dagobert

    Mit 21 die Firma der Eltern gegen die Wand gefahren, 40 Arbeitsplätze vernichtet, aber null Verantwortung „…ich mache mir da keinen Vorwurf.“ Ach isser nicht knuffig….

    Und natürlich auch einen herzlichen Glückwunsch an die Eltern, an deren Erziehung und an deren damaliges blindes Vertrauen darauf, dass ihr Ein- und Alles das schon schaffen wird.

    Und warum hat der Typ hier jetzt eine Plattform? Als schlechtes Beispiel?

    Antworten
  2. Dagobert

    Wo ist mein Kommentar? Zu kritisch für Euch?

    Antworten
  3. Christian

    @Dagobert, kann deinen Kommentar lesen (deine Meinung aber nicht teilen)

    Antworten

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