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Das Kollektiv Consent Calling will einen feministischen Sexshop eröffnen

Das Kollektiv Consent Calling will einen feministischen Sexshop eröffnen
Foto: Hanna Hocker

Schmuddeliges Image, dunkle Ecken und unästhetische Heftchen – daran denken wohl die meisten beim Begriff Sexshop. Das Kollektiv Consent Calling will das alles anders machen und einen Raum für progressive Sexualität schaffen. Wir haben mit der Ideengeberin Sandra Lüders gesprochen.


Mehr als 19.000 Euro haben Sandra Lüders und ihr Kollektiv Consent Calling bei ihrer Crowdfunding-Aktion gesammelt. Damit wollen sie einen feministischen Sexshop in München eröffnen. Aber was macht eigentlich einen feministischen Sexshop aus? „Wir wollen eine emanzipatorische Perspektive auf Sexualität bieten“, sagt Lüders. Neben dem Verkauf von Toys und Produkten will das Kollektiv auch zu Themenabenden und Workshops einladen und Literatur anbieten, so der Crowdfunding-Aufruf. Ihr Ansatz ist also weit entfernt von hochgeklappten Mantelkrägen, seelenlosen Ladenflächen neben Raststätten und anderen Sexshop-Assoziationen.

Das Kollektiv Consent Calling besteht aus sieben Mitgliedern. Eine Person fehlt auf dem Bild. Foto: Anna Schmidhuber

Auch die Warenauswahl und -präsentation soll anders sein. Alle Produkte müssen bodysafe sein, also ohne schädliche Weichmacher – das ist nicht bei allen Händlern gegeben. Die Produktion wünscht sich das Kollektiv möglichst fair und nachhaltig, die Preise trotzdem erschwinglich. Außerdem wollen Sandra und ihr Team auch Toys anbieten, die für Menschen mit Behinderung oder ältere Menschen besser geeignet sind – zum Beispiel mit einem Saugnapf oder mit großen Knöpfen. Neben klassischen Toys zur Luststeigerung soll es auch Verhütungsmittel und Periodenprodukte wie Menstruationscups geben sowie Produkte für trans Personen wie zum Beispiel sogenannte Binder, mit denen die Brust abgebunden werden kann.

Die Toys sollen nach Funktion sortiert sein

„Wir wollen die Toys im Laden nach Funktion sortieren und nicht nach Gender“, sagt Lüders. Außerdem wollen die Teammitglieder „keine sexistischen Verpackungen, auf denen nur Frauenkörper ohne Kopf zu sehen sind“. Deshalb soll je ein ausgepacktes Ausstellungsstück in den Regalen liegen.

Bis es soweit ist, muss das siebenköpfige Team aber noch eine Ladenfläche finden. Das ist gar nicht so einfach. „Mit dem Thema verschreckt man viele“, sagt die 31-jährige Pädagogin. Sie könnte sich aber vorstellen, erst mal mit einem Pop-up-Store zu starten. Zudem macht das Kollektiv bereits jetzt Workshops und Veranstaltungen zum Thema Konsens und feministische Perspektiven auf Sexualität. Dabei hat Lüders gemerkt, dass viele junge Menschen „mit Anfang 20 einen anderen Zugang zu Sexualität und Geschlecht bekommen wollen“.

Hier hat das Kollektiv Consent Calling einen Workshop zum Thema „feministisch denken – feministisch handeln“ gegeben. Foto: privat

Die Aufklärung in der Schule ist laut Lüders nämlich vor allem eins: schambehaftet. Sie arbeitet selbst in der feministischen Mädchen- und Bildungsarbeit und beobachtet, dass oft großes Unwissen herrscht. „Das Jungfernhäutchen ist ein Mythos. So wie es beschrieben wird, gibt es das einfach nicht“, sagt Lüders. Auch stimme es nicht, dass es beim „ersten Mal“ wehtun und bluten muss – meistens sei das ein Hinweis auf zu wenig Feuchtigkeit und kleine Verletzungen. „Der Aufbau der Klitoris ist super vielen Menschen nicht bekannt. Das ist keine kleine Perle, sondern ein großes Organ“, erklärt Lüders weiter. Diese Unwissenheit hätte Einfluss darauf, wie Menschen ihre Sexualität leben. „Wie sollen wir über Sex reden, wenn wir nicht mal zwischen Vulva und Vagina unterscheiden können?“

Auch Jugendliche sollen Zutritt zum Laden haben

Deshalb wollen die Mitglieder mit ihrem Laden einen Safe Space schaffen und auch weiterhin Workshops anbieten. Pornos sollen bei Consent Calling vermutlich nicht verkauft werden – oder wenn, dann nur in einem abgetrennten Bereich, damit auch Jugendliche, die noch nicht ganz volljährig sind, in den Laden kommen können. Das wäre nämlich sonst nicht erlaubt. „Wir werden ein Laden sein, der in erster Linie von Erwachsenen genutzt wird, aber ich möchte keine Ausweiskontrollen machen müssen“, sagt Lüders.

Nicht die ersten

Sexshops haben in Deutschland gewissermaßen Tradition – auch die unkonventionellen. Begonnen hat alles 1962 mit dem angeblich weltweit ersten Sexshop, eröffnet von Beate Uhse in Flensburg. Der hieß damals noch „Fachgeschäft für Ehehygiene“. Wegen strenger „Sittlichkeitsgesetze“ musste sich Uhse damals oft vor Gericht verantworten. Sie verkaufte Verhütungsmittel und Eheratgeber, in einem abgetrennten Raum gab es aber auch Reizwäsche und sogenannte Sexartikel wie den Dildo „Gummipeter“. Der Laden war klinisch eingerichtet und die Mitarbeiter trugen weiße Kittel, um jegliches Schmuddel-Image fernzuhalten. Bald eröffnete Uhse immer mehr Läden. 1975 wurden Pornos legalisiert, und ab da kam der Imagewandel.
Pornos standen jetzt im Fokus der Läden. Uhse wurde endgültig Geschäftsfrau statt Aufklärerin. Gegen ihre Läden regte sich feministischer Wiederstand.

Ab den 90er-Jahren eröffneten dann die ersten Sexshops in Deutschland, die sich bewusst davon abgrenzten. Der erste war „Sexclusivitäten“ – 1990 in Berlin gegründet. Fünf Jahre später folgte „Inside Her“ in Frankfurt am Main. Und 2003 eröffnete „Liebhabereien“ in Hannover. All diesen Läden ist gemein, dass sie in boutiqueartigen Geschäften mit entsprechender Ästhetik hochwertige Waren anbieten und sich auf Frauen oder Mitglieder der LGBTQ+-Community fokussieren – und bis heute geöffnet sind. In München gab es zwischenzeitlich den Shop „Ladies First“, in dem nur Frauen einkaufen durften. Seit 2011 gibt es in Berlin außerdem den queerfeministischen Sexshop „Other Nature“. Das „Fuck Yeah Sexshop Kollektiv“ in Hamburg verfolgt seit 2018 ein ähnliches Konzept. Mit diesem und dem Team von „Juicy“ aus Leipzig steht Consent Calling im Austausch.

Consent Calling: Ein Gegenbegriff zum Catcalling

Ein ganz wichtiger Grundsatz für Lüders und das Team ist Konsens, daher kommt auch der Name des Kollektivs. „Man sollte sich immer fragen ‚Findet der Sex, den ich habe, gleichberechtigt statt?’“, erklärt sie. Dazu gehöre, mit den eigenen Bedürfnissen und denen des Partners zärtlich umzugehen. Auch soll der Name ein Gegenbegriff zum Catcalling sein.

Das Kollektiv hat sich im vergangenen Jahr gegründet. Der feste Kreis besteht aus sechs Frauen und einer nicht-binären Person. Neben dem geplanten Sexshop und der Bildungsarbeit in Form von Workshops betreiben die Mitglieder auch Aktivismus. Zum Beispiel haben sie auf einer Demonstration für das Recht auf Abtreibung eine Rede gehalten.

Von Leonie Habisch



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