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Sexismus im Alltag: „Catcalling sollte strafbar sein“

Sexismus im Alltag: „Catcalling sollte strafbar sein“
Foto: Jake Ingle

Catcalling soll in Deutschland strafbar werden, fordert Studentin Antonia Quell. Sie hat eine Petition gestartet, die schon mehr als 60.000 Unterzeichner hat. Verbale sexuelle Belästigung ist derzeit nicht explizit verboten. Das muss sich ändern, findet MADS-Autorin Nina (24). Ein Erfahrungsbericht:


Wo verläuft die Grenze zwischen flirten und übergriffig sein? Und wann gilt eine Handlung als sexuelle Belästigung? Das Strafgesetz hat auf diese Frage eine klare Antwort: Erst der ungewollte Körperkontakt gilt als sexuelle Belästigung. Obszöne, sexuelle Zurufe etwa auf der Straße, das sogenannte Catcalling, nicht. Eine Petition möchte das nun ändern und verlangt, dass Catcalling auch in Deutschland strafbar wird. Zu Recht, finde ich. Denn ich weiß aus Erfahrung, wie der Gang über die Straße für Frauen zum Spießrutenlauf werden kann.

Auch ich habe an der Petition teilgenommen und meinen Namen auf die Liste gesetzt – so wie viele meiner Freundinnen auch. Oft tauschen wir uns darüber aus, wie Männer uns auf der Straße mal wieder zum Sex auffordern, wie sie die Lippen zum Kuss formen und uns dabei tief in die Augen schauen oder uns hinterherpfeifen. „Nimm es doch als Kompliment“, hat man mir oft vorgeschlagen. Doch das kann ich nicht.

MADS-Autorin Nina (24)

Studie: Zwei Drittel der Frauen Opfer von Belästigung

In Frankreich gibt es bereits seit 2018 eine Regelung im Strafrecht zur verbalen sexuellen Belästigung. Wer dort catcalled, muss mit einer Geldstrafe von bis zu 750 Euro rechnen. Und auch in anderen Ländern ist das Catcalling bereits strafbar: So zum Beispiel in Portugal, Belgien und in den Niederlanden. Gleiches verlangt die Petition auch für Deutschland. Laut einer Studie geben mehr als zwei Drittel der befragten Frauen in Deutschland an, auf der Straße schon mal belästigt worden zu sein. 40 Prozent haben erlebt, dass sich ein Fremder an ihnen gerieben hat. 36 Prozent der Befragten sind auf der Straße schon einmal verfolgt worden. Die Studie der Foundation For European Progressive Studies zeigt auch, dass die Wahrscheinlichkeit belästigt zu werden höher ist, je jünger die Frau ist.

Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der Männer mir gegenüber nicht übergriffig waren. Angefangen beim ins Ohr gehauchte Kussgeräusch, bis zum obszönen Zuruf auf der Straße – jede dieser Handlungen nimmt mir einen Teil meiner Selbstbestimmung. Denn Catcalling ist eben kein Flirten. Es war kein Flirten, als ich auf meine Freundin wartete und mir eine Gruppe Männer immer wieder zubrüllte, ich solle doch mal zu ihnen rüber kommen, bis ich mich schließlich im Kiosk versteckte. Es war kein Flirten, als mir der Mann vorige Woche in der vollen Bahn mehrfach über die Köpfe aller zuschrie, dass er mich attraktiv finde. Und es war auch kein flirten, als mir der Mann letzten Sommer ins Ohr zischte „Bock, zu ficken“ und mir dabei an den Po fasste. 

Catcalling: unangenehm und belastend

Der Ton macht die Musik, wie die Floskel so schön heißt. Und der Ton, den mir viele Männer auf der Straße entgegenbringen, ist alles andere als respektvoll. Diese Männer begegnen mir von oben herab, als hätte jeder Fremde das Recht, mir sein sexuelles Interesse zu bekunden. Sie zwingen mich in Situationen, die für mich extrem unangenehm und belastend sind – ohne, dass ich dabei selbst viel tun kann.

Noch etwa einen Monat können Menschen für die Petition stimmen. Über 65.000 Catcalling-Gegner haben ihre Namen bereits auf die Liste der Petition gesetzt. Das bedeutet: Sobald eine Petition nach Eingang innerhalb von vier Wochen von mindestens 50.000 Personen unterstützt, wird über sie im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages öffentlich beraten. Mehr als 60 Mitglieder des Deutschen Bundestages haben bereits für die Petition gestimmt, nur eine Person stimmte dagegen und eine enthielt sich.

„Nicht jeder Mann macht es, aber jede Frau kennt es“, heißt es in der Begründung der Petition. Denn wichtig ist: Sie stellt Männer nicht unter Generalverdacht. Und vermutlich verbannt sie auch nicht die sexuelle Belästigung aus dem Leben der Frauen – denn ein potentielles Bußgeld, schreckt eben nicht jeden ab. Ein Zeichen würde der Erfolg der Petition dennoch setzen – nämlich dass niemand das Recht hat, jemandem den Alltag zum Spießrutenlauf zu machen.


Sexismus: Das macht Catcalling mit mir:

„,Siehst geil aus’“ von einem Fremden zu hören, ist kein Kompliment, sondern sexuelle Belästigung – wenn auch „nur“ verbale. Auch Worte können noch lange ein unangenehmes Gefühl hinterlassen. (Julia, 17)

Catcalling ist für mich die Überzeugung eines Mannes, selbstverständlichen Zugriff auf den weiblichen Körper zu haben. Wenn es verboten wird, dürfen die Grenzen nicht verschwimmen. Es muss klar sein, was die Grenze überschreitet und was nicht. (Lynn, 20)

Damit das Bewusstsein für verbale sexuelle Belästigung in der Gesellschaft steigt, sollte Catcalling unter Strafe gestellt werden. Wir sollten respektvoller miteinander umgehen und jeder sollte sich bewusster darüber werden, was er wie zu fremden Menschen sagt.  (Jette, 18)

Catcalling sollte strafbar sein, weil „Geiler Arsch“ kein Kompliment, sondern Belästigung ist und Frauen das Recht nimmt, sich im öffentlichen Raum ungestört zu bewegen. Laut der Studie der Foundation for European Progressive Studies ist Deutschland unter den Anführern der Catcalling-Opfer in Europa. Das muss sich ändern. (Marie, 17)

Ich bin kein Hund, dem man hinterher pfeift und kein Objekt, das man bestaunt. Ich bin ein Mensch mit Eigenschaften – und so will ich auch behandelt werden. (Monika, 24)

 Das schwierige am Catcallen ist für mich die Berechenbarkeit meines Gegenübers einzuschätzen: Bleibt es bei einem dummen Spruch oder fasst Derjenige mich im nächsten Schritt ungefragt an und wie wehre ich mich dann? Mit einem Verbot würden diese Gedanken hoffentlich überflüssig werden. (Leona, 25)

Sich durch irgendwelche dummen Kommentare von Typen in der Öffentlichkeit ständig unwohl zu fühlen ist einfach herabwürdigend. Wer bereit dazu ist verbal Leute zu belästigen sollte auch mit Konsequenzen umgehen können und müssen. (Laura, 23)

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1 Kommentar

  1. Avatar

    Catcalling gehört im soziologisch Sinn, zum Dirty Talking, ist eine Persönlichkeitsstörung! Dazu zählt auch die blaue Arschkarte mit dem Freund, Stalking im psychischen Dialog der Kommunikation! Physische Gewalt Männer, psychischen Gewalt halb und halb, muss geächtet und sanktioniert werden.

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