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Aromantik: Wie ist es, wenn man sich nicht verliebt?

Aromantik: Wie ist es, wenn man sich nicht verliebt?
Foto: Screenshot aromantik.de

Finn und Flemm sind aromantisch, sie verspüren also keine romantische Anziehung zu anderen. Gemeinsam wollen sie über Aromantik aufklären, denn ihnen begegnen viele Vorurteile.


Partnerschaftliche Liebe ist für viele Menschen sehr wichtig. Die meisten Menschen fühlen sich romantisch zu anderen Menschen hingezogen, verlieben sich, führen Beziehungen. Es gibt aber auch Menschen, die diese romantische Anziehung kaum oder gar nicht verspüren. Diese Menschen werden als aromantisch bezeichnet.

Wie merkt man, dass man aromantisch ist? Welchen Vorurteilen begegnen Menschen, die keine romantische Anziehung verspüren? Wir haben uns mit Finn, 25, und Flemm, 24, unterhalten, die sich beide als aromantisch definieren und gemeinsam mit anderen den Blog Aromantik.de ins Leben gerufen haben. 

Mit dem Blog wollen sie Aufklärung betreiben und dazu beitragen, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt. „Unser Ziel ist, dass Aromantik überhaupt einmal bewusst wahrgenommen und als gleichwertige romantische Orientierung angesehen wird“, sagt Finn.

Finn verspürt keine romantische Anziehung

Wie haben die beiden selber herausgefunden, dass sie aromantisch sind? Finn hat ab dem zwanzigsten Lebensjahr immer öfter festgestellt, dass romantische Anziehung etwas ist, dass Finn zwar bei anderen erkennen kann, jedoch nicht selbst verspürt. In Gesprächen ist Finn mehr und mehr klargeworden, dass die meisten Menschen anders empfinden. Mit 22 kam schließlich die Erkenntnis, aromantisch zu sein.

Finn hat mit 22 realisiert, aromantisch zu sein. Foto: privat

Bei Flemm hat der Selbstfindungsprozess durch das Outing einer Freundin als aromantisch begonnen. Er hat aus diesem Anlass sein eigenes Empfinden reflektiert, viele englischsprachige Artikel im Internet gelesen und sich dann mit dem aromantischen Spektrum identifizieren können.

Wenig Wissen über Aromantik

Nun erhoffen die beiden sich, durch ihre aktivistische Arbeit anderen die Informationssuche über das aromantische Spektrum zu erleichtern. Selbst innerhalb der LGBTQ+ Community wüssten viele wenig oder gar nichts über Aromantik, sagen die beiden. Das führe auch zu weniger Toleranz gegenüber aromantischen Menschen.

Aromantic Spectrum Awareness Week

Seit 2014 findet die Aktionswoche jährlich statt. Anfangs vom 10. bis zum 17. November, dann wurde sie 2015 auf Ende Februar verschoben. Jetzt findet sie immer in der vollen Wochen nach dem Valentinstag statt, „als Gegenpol zur allgemeingültig erklärten romantischen Liebe“, wie der Verein Aktivista auf seiner Website erklärt. Der 2012 gegründete, nicht eingetragene Verein ist eigentlich für die Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums zuständig, sieht sich aber als Ally und hat auch einen Informationsflyer zur der Aromantic Spectrum Awareness Week erstellt.

Immerhin etwas bekannter sei Asexualität. Asexuelle Menschen verspüren kein oder wenig Bedürfnis danach, Sex zu haben. Es ist also nicht das gleiche wie Aromantik. Aromantische Personen können gleichzeitig asexuell sein, sind es aber nicht zwangsläufig. Genauso gibt es auch asexuelle Menschen, die sich verlieben und romantische Beziehungen führen. 

Um zu verdeutlichen, dass auch das romantische Empfinden nicht immer streng in Kategorien eingeteilt werden kann und um der Bandbreite aromantischer Personen und ihrem Verständnis von Anziehung gerecht zu werden, spricht man vom aromantischen Spektrum. Das inkludiert außerdem verschiedene Mikrolabel **.

Vorurteil: „nie richtige Liebe erfahren“

In ihren Bekannten- und Freundeskreisen stoßen Finn und Flemm größtenteils auf Verständnis. Es gab aber auch schon verletzende, herabwürdigende Kommentare. Vor allem die Erwartungshaltung, dass schon noch die richtige Person kommen würde, sei anstrengend. „Nur weil eine Person sich jetzt als aromantisch identifiziert, heißt das nicht, dass sie nie eine romantische Beziehung haben kann. Es heißt aber auch nicht, dass sie dazu bereit sein muss“, erklärt Finn.

Ebenso habe Finn schon öfter die Vermutung zu hören bekommen, „ich hätte nie richtige Liebe erfahren“, und das sei die Ursache für die Aromantik. Flemm spricht darum nur mit Personen über dieses Thema, denen er zutraut, respektvoll damit umzugehen.

Aromantik kein Urteil zu unglücklichem Leben

Finn und Flemm  wünschen sich eine andere Sichtweise auf Aromantik. Personen auf dem aromantischen Spektrum sollten ihrer Meinung nach nicht als fehlerhaft angesehen werden. Aromantik sei kein Urteil zu einem unglücklichen Leben und solle auch nicht so behandelt werden.

Sie möchten während der Aromantic Spectrum Awareness Week mit solchen Vorurteilen aufräumen. Erreichen solle die Aktionswoche aber alle Menschen, sowohl Außenstehende als auch solche, die sich selbst auf dem Spektrum verorten oder gerade in einem Selbstfindungsprozess sind und vielleicht noch nicht von dem Spektrum gehört haben.

Finn hat einen Rat für alle, die gerade im Selbstfindungsprozess sind: Es sei gut, die Begriffe „aromantisch“ oder „aromantisches Spektrum“ zu nutzen, wenn sie einem helfen, sich zu beschreiben oder sich selbst besser zu verstehen. Die Label seien aber nicht da, um sich in seinem Leben einzuschränken.

Glossar

Label helfen Menschen, ihre romantische und sexuelle Orientierung und ihre Geschlechtsidentität zu beschreiben. Bekanntere Label sind beispielsweise die des Akronyms LGBTQ+, also lesbisch, schwul (gay), bisexuell, trans und queer.

Mikrolabel sind Bezeichnungen, die nur von vergleichsweise wenigen Menschen benutzt werden. Zum Beispiel, weil sie noch neu sind oder eine sehr spezifische Orientierung oder Identität beschreiben.

Ein Ally (engl. Verbündeter) ist eine Person, die eine marginalisierte Personengruppe unterstützt, ihr aber nicht selbst angehört.

Von Tom Schwichtenberg


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Über den Autor/die Autorin:

MADS-Team

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