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Schullektüre: Diese Werke bleiben uns im Kopf

Schullektüre: Diese Werke bleiben uns im Kopf
Foto: Unsplash.com/Becca Tapert

Käfer-Menschen, psychisch kranke Wissenschaftler und lange griechische Stammbäume: MADS stellt Schullektüren vor, die man nicht vergisst.


Kafka und die Konjunktiv-Krise

Foto: reclam

Müsste ich meinen Beziehungsstatus zu Franz Kafka definieren, würde ich ihn als „Es ist kompliziert“ einstufen. Denn eine Freundschaft ist in meiner Schulzeit nicht wirklich zwischen uns entstanden. Vor allem, weil er mir drei Punkte in meinem Lieblingsfach bescherte. Gut, vielleicht bin ich daran selbst schuld. Immerhin habe ich mich im Wust von Kafkas Konjunktiv-Konstruktionen verheddert und ihn völlig fehlinterpretiert – so zumindest die schonungslose Aussage meiner damaligen Deutschlehrerin. Ich finde allerdings bis heute, dass „Die Verwandlung“ völlig überschätzt wird. Ich meine, da wacht ein Kerl plötzlich als Käfer auf und seine Familie findet ihn abscheulich – dann bewirft der Vater ihn mit einem Apfel, der in seinem Panzer steckenbleibt und ihn schließlich tötet. Verstörend! Heute weiß ich, dass der Kern des Buches doch seine Berechtigung hat. Schließlich geht es irgendwie um die Angst vor dem Andersartigen und um Depressionen – das sagen zumindest diese schlauen Interpretations-Seiten, die mir meine Schulzeit erleichtert haben. Bei Kafkas abstruser Mensch-Käfer-Metapher kam deren Hilfe nur leider zu spät. nh

Von Griechen und Römern

„Ich befürchte bösen Zwist, wenn du, o König, nicht der Billigkeit Gelinde Stimme hörest, du, mein Bruder, der raschen Jugend gebieten willst“ – so lauten die Verse 2028 bis 2031 von „Iphigenie auf Tauris“. Bleibt die Frage, was Goethe damit eigentlich sagen will. Und das ist gar nicht so einfach herauszufinden, denn auch die restlichen 2168 Verse sind in ähnlich verschwurbelter Grammatik gehalten, wie man sie sonst nur von Meister Yoda kennt. Nach stundenlager Suche nach Hintergrundinformationen, hat man zumindest eine Ahnung, worin die Handlung besteht: Die verstoßene Iphigenie wird auf Tauris von Göttin Diana vor der Hinrichtung bewahrt. Dann strandet ihr Bruder Orest dort und versucht, sie von dem Tantalidenfluch zu befreien. Zu verstehen ist das Werk nur, wenn man intensiv die Akteure der griechischen Mythologie studiert hat. Die Beziehung zwischen Pylades, Iphigenie, Agamemnon, Klytämnestra, Orest und dem Rest des Tantalidengeschlechts sollte klar sein. Damit es spannend bleibt, werden die Götternamen aus der griechischen und der römischen Mythologie lustig vermischt. fin

Keine Gutenacht-Geschichte

Foto: Schöningh

So schnell habe ich keine Schullektüre gelesen: „Der Sandmann“ von E. T. A. Hoffmann ist wie ein Unfall, bei dem man nicht wegschauen kann. In dem Psycho-Märchen ist der Sandmann kein Männchen, das Kindern Schlafsand in die Augen streut und süße Träume beschert. Nein, der Sandmann ist hier eine grausige Märchengestalt, die Kindern, die nicht schlafen wollen, händeweise Sand in die Augen schaufelt, „dass sie blutig zum Kopf herausspringen“. Der Protagonist Nathanael sieht dieses Monster im Anwalt Coppelius. Der ist für den Unfalltod von Nathanaels Vater mitverantwortlich und verschwand danach spurlos. Nun, Jahre später, glaubt Nathanael, ihn wiedergesehen zu haben. Das Kindheitstrauma bricht auf, Nathanael steigert sich in Wahnvorstellungen voll toter Augen und tosender Feuerkreise hinein. Er schreibt Gedichte, verliebt sich in eine mechanische Puppe und am Ende taucht Coppelius wieder auf. Nach zwei Stunden und 45 Seiten legte ich das Heft mit spitzen Fingern zur Seite – heilfroh, dass E. T. A. Hoffmann sich so kurzgefasst hat. gf

Die verlorene Generation

Eines Tages saß ich da: Ich hatte den hinteren Teil des Busses für mich, das Buch in meinen Händen und nach jedem sinnlosen Tod liefen mir Tränen die Wangen hinab. Keine andere typische Schullektüre hat mich so sehr berührt wie Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“. Eigentlich ist das kaum verwunderlich. Immerhin beschrieb Remarque die Schrecken des Krieges anhand meiner Altersgenossen. Während ich in Ruhe für meinen Abschluss lernen konnte, mussten die Schüler rund um Paul Bäumer lernen, zu Soldaten zu werden. Immer wieder gingen mir diese aufwühlenden Vergleiche durch den Kopf. Dabei hatte ich mich ursprünglich auf das Buch gefreut. Geschichte war mein Lieblingsfach und der Erste Weltkrieg auch eines der interessantesten Themen. Ich wusste viel, wusste um das Grauen, den Tod und die Zerstörung. Doch gegen die detaillierte Beschreibung dieser verlorenen Generation half kein trockenes Faktenwissen aus dem Geschichtsbuch. Und auch, wenn mich dieses Buch viele Nerven und Taschentücher gekostet hat, wird es immer eines meiner Lieblingsbücher sein. flo

Terminologisch und technisch

Ein Mensch, der mehr einer Maschine gleicht und eine Geliebte, die sich als Tochter eben dieser Maschine herausstellt. Das Buch „Homo Faber“ fand ich in vielen Hinsichten verstörend. Nicht nur, dass ich überhaupt keine Empathie für den Hauptcharakter Faber – einen völlig verkopften Techniker – empfand. Genauso grausig fand ich den Schreibstil der Lektüre, die ein Bericht von Faber selbst war: nüchtern, terminologisch, technisch. Dabei ging es um Fabers alte Liebe, seine neue Geliebte, seine großen Gefühle. Die Idee, über den Konflikt eines absolut rationalen Protagonisten mit seinen Emotionen zu schreiben, mag man lustig finden. Mein Humor war es definitiv nicht. Von der Liebesbeziehung zwischen Vater und Tochter ganz zu Schweigen. „Homo Faber“ ist voller Datumsangaben und technischen Termini. Und so weiß ich noch heute, wie ich mich im Deutschunterricht, den ich eigentlich liebte, durch ein zähes Buch quälte und das Ende nicht erwarten konnte. Ein weiteres dickes Minus der ganzen Sache: Ingenieur und Hauptcharakter Faber spricht durchgängig abwertend über Frauen. jh

Was darf Wissenschaft?

Foto: Diogenes

Wissen ist Macht. Die wahre Aussage dieses Satzes ist mir erst durch die Schullektüre „Die Physiker – eine Komödie in zwei Akten ‘‘ bewusst geworden. Das Schauspiel von Friedrich Dürrenmatt ist 1962 im Kontext des Kalten Krieges und der Bedrohung nuklearer Waffentechnologien uraufgeführt worden. Kurz und knackig, witzig und lehrreich stellt „Die Physiker“ ethische Fragen zum Umgang mit der Wissenschaft. Das Stück handelt von dem brillanten Physiker Möbius, der sich als psychisch krank ausgibt und in einem psychiatrischen Hospital lebt. Zwei Geheimagenten, die versuchen, an eine seiner Entdeckungen zu kommen, geben sich auch als kranke Physiker aus. „Die Physiker“ hat mir wie kein anderes Schulbuch gezeigt, dass manches Wissen Grenzen haben sollte. Auch 60 Jahre nach der Veröffentlichung verliert das Drama nicht an Bedeutung. Sollten Designerbabys erlaubt werden und wie weit darf die Perfektionierung des Menschen gehen? Das Drama hat mich sogar zu meinem Studiengang Philosophy, Politics and Economics motiviert. Nun empfinde ich es als wichtig, Wissen permanent zu hinterfragen. es


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