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Undercover in digitalen Untergrundnetzwerken: Warum rechte Influencer so gefährlich sind

Undercover in digitalen Untergrundnetzwerken: Warum rechte Influencer so gefährlich sind
Foto: Collage: Drew Hays/Becca Tapert/ Rana Sawalha

Sie braten Schnitzel auf Youtube, geben Bartpflegetipps – und verbreiten dabei politische Botschaften: rechte Influencer. Autor Patrick Stegemann recherchiert im Geheimen und erklärt im MADS-Interview, wieso rechte Influencer so gefährlich sein können – und wie sie arbeiten.


Hallo Patrick, „Die Jugend aus dem Internet klopft an die Türen der deutschen Politik und lässt die Muskeln spielen“ – so beginnt dein und Sören Musyals aktuelles Buch über extrem rechte Influencer – wie ist das zu verstehen?

Wir wollen die Öffentlichkeit darüber aufklären, dass die extreme Rechte das Netz gut versteht und zu nutzen weiß. Im Jahr 2019 gab es die Terroranschläge in Christchurch, El Paso und Halle. Erst dann wurde vielen klar: Was im Netz passiert, hat Einfluss, ist Realität.

Foto: Jacobia Dahm
Patrick ist Autor von „Die rechte Mobilmachung“, das im Econ-Verlag erschienen ist.

Wer hat da was verschlafen?

Das hat sich dann auch am Positivbeispiel Rezo („Die Zerstörung der CDU“) gezeigt. Kurz danach titelte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ „Neben Pups- und Pannenthemen gibt es auf Youtube jetzt auch Politik“. In diesem Titel steckt die ganze Borniertheit, die ganze Arroganz großer Teile der Medienbranche. Sie haben einfach nicht verstanden, dass Plattformen wie Youtube und Instagram politische Plattformen sind.

„Rechtsextreme Influencer versuchen, Formen zu kopieren, die sonst auch erfolgreich sind, wie Musik oder Beautyfotos. Sie machen dann daraus eine politische Version.“

Patrick Stegemann (30), Journalist und Autor

Auf Youtube brät Martin Sellner, Chef der Identitären Bewegung Österreichs, Schnitzel, andere geben Bartpflegetipps. Wiederum andere kuscheln mit ihrem Partner auf Instagram-Fotos. Was hat das mit Rechtsextremismus zu tun?

Das ist ein Teil der Strategie. Martin Sellner bezeichnet es in seinen Worten mit dem Emo-Krieg. Sie wollen die Ebene der Fakten verlassen und an die Emotionen der Zuschauer appellieren. Das kennen wir aus dem Marketing und der Werbung. Er adaptiert dieses Prinzip für die extreme Rechte. Die Inhalte sollen harmlos aussehen und dann unter der Hand politische und menschen-feindliche Botschaften vermitteln, wie beispielsweise mit einem ursprünglich deutschen Kochen, einem traditionellen Familienbild oder einfach nur durch Sympathie.

Wie stößt man im Netz denn überhaupt auf diese Inhalte und rechte Influencer?

Man muss gar nicht nach Inhalten suchen, sondern stößt überall darauf. Das ist die Taktik – dort zu sein, wo die jüngere Zielgruppe ihre Zeit verbringt, also auf Youtube, Instagram, Tiktok, Facebook und Twitter. Rechtsextreme Influencer versuchen, Formen zu kopieren, die sonst auch erfolgreich sind wie beispielsweise Comedyformate, Musik oder Beautyfotos. Sie machen dann daraus eine politische Version, der man das aber nicht immer ansieht.

Welche Wirkung sollen die Videos letztlich auf junge Menschen haben?

Sie sollen ganz viele verschiedene Zugänge in eine Art rechtsextremen Dachsbau schaffen. Folgender Gedanke steht dahinter: „Du interessierst dich für Rap oder Comedy – wir haben ein Rap- oder ein Comedyformat.“ Das kommunikative Ziel ist eine schrittweise Normalisierung ihrer rassistischen und faschistischen Inhalte. Denn niemand schaut deren Videos und sagt „Stimmt, ist doch eine gute Idee, dass alle Menschen, die nicht bis in die vierte Generation deutsch sind, verschwinden.“

In welchen Kanälen sind diese Botschaften besonders präsent?

Besonders leicht stößt man auf Youtube darauf. Das liegt an der Bauweise der Plattform. Sie hat zum Ziel, dass Menschen so lange wie möglich Videos schauen. Emotionale Videos sind deshalb sehr erfolgreich. Und Rechtsextreme können so etwas sehr leicht produzieren, weil ihre Ideologie auf Angst basiert.

Welche Rolle spielt Musik bei der Vermittlung dieser Inhalte?

Musik war immer schon die wichtigste Einstiegsdroge der extremen Rechten – in den Neunziger- und Nullerjahren mit einer Art von Schulhof-CDs. Heute läuft das aber viel zielgruppenspezifischer. Im Rap gibt es mit Chris Ares und Prototyp zwei Rapper, die auch einige Prominenz erlangt haben. Sie sind aber eigentlich keine Rapper, sondern Aktivisten, die versuchen, Rap für ihre feindseligen Inhalte zu benutzen. Komplott, ein anderer Rapper, ist beispielsweise offen antisemitisch, spricht von Gewalt gegen andere Meinungen und Journalisten.

Bartpflegetipps oder Kartoffelsalat-Videos: Die Bildsprache rechter Influencer ist simpel. Foto: Unsplash.com

An dieser Stelle fragt man sich unweigerlich, was die Plattformen gegen rechtsextreme Inhalte unternehmen.

Pauschal unternehmen sie zu wenig. Die Plattformen machen von alleine keine grundlegenden Schritte. Sie tun immer nur etwas, wenn sie politisch dazu gezwungen werden. Ihr Geschäftsinteresse ist, dass die Leute so viel Zeit wie möglich bei ihnen verbringen. Und dafür zeigen sie auch menschen-verachtende Inhalte.

Und wenn die Plattformen doch einmal rechtsextreme Kanäle löschen?

Dann gewinnen die Messenger-Apps weiter an Bedeutung. Sie strahlen für die Nutzer sogar eine stärkere Nähe und Emotionalität aus. Hier kommunizieren wir mit unserer Mutti, den Freunden und eben auch mit rechtsextremen Influencern. Es gibt keine Kontrolle dieser Kanäle. Auf Telegram kann man tun, was man möchte.

Wie erkennt man untergründig vermittelte Botschaften?

Erstens hilft es, nicht alles zu glauben, und zweitens, Informationen gegenzuchecken. Letzteres macht man im Alltag viel zu selten. Deswegen hilft es, die von Rechtsextremen bewusst gesetzten Themen zu kennen. Beispielswiese findet man „Wir gegen die“ oder „Die große Bedrohung von außen“ darin überall. So auch im Kanal „Neverforgetniki“ von Niklas Lotz. Er wurde von der extremen Rechten in gewisser Weise als eine Anti-Greta-Thunberg aufgebaut. In seinen Videos sitzt er vor Raufasertapete und alter Landkarte. Diese Unbeholfenheit und niedrige Qualität der Inhalte spiegeln etwas Authentisches wider.

Haben diese Videos nicht auch gewissermaßen etwas Humoristisches?

Das hat es schon oft, weil es so schlecht und so stumpf ist. Aber gerade in harten Zeiten wie nach dem Terror in Hanau kann ich nicht mehr darüber lachen.

Und wie weit reicht dabei der Einfluss der rechten Influencer tatsächlich?

Man darf das weder über- noch unterschätzen. Es gibt in jedem Fall einen Einfluss auf den politischen Diskurs. Am Ende sind viele Versuche der extremen Rechten aber auch sehr schlecht.

Kann man eigentlich persönlich etwas dagegen tun?

Wir müssen als Gesellschaft eine Haltung dazu entwickeln, wie eine wehrhafte digitale Demokratie aussieht. Insbesondere Journalisten müssen in diese Räume gehen und aufklären. Die extreme Rechte ist da schwach, wo die Zivilgesellschaft stark ist. Im Netz haben wir noch nicht den richtigen Weg gefunden, diese zu organisieren.

An einem bestimmten Punkt in der Corona-Krise standen Verschwörungstheoretiker häufig in der Öffentlichkeit. Haben solche und rechte Influencer während der Pandemie an Einfluss oder Zuspruch gewonnen?

Sie haben sich gemeinsam sehr stark auf dieses Thema konzentriert und deswegen auch teilweise neue Zielgruppen erreichen können. Die Rechte kann potenziell von der Unsicherheit in dieser Krise profitieren, weil sie eine Art Krisenideologie ist.

Welche Rolle spielt da die AfD in Deutschland?

Sie ist der große Nutznießer. Wo sonst machen Rapper Werbung für die Inhalte einer Partei? Niemand anderes kann auf ein so großes Influencer-Netzwerk zurückgreifen. Denn selbst hat die Partei keine Onlinekompetenz – außer auf Facebook. Es ist also das Beste, was ihr passieren kann, wenn andere für sie werben und nicht mal AfD draufsteht – was letztlich ja auch die Idee von Influencern ist.

Ihr habt für eure Recherchen auch undercover viele rechtsextreme Influencer getroffen. Wie war es, mit ihnen im realen Leben zu sprechen?

Komischerweise war das meistens ganz normal. Am Ende des Abends begegnen sich auf menschlicher Ebene einfach zwei Leute. Was wir ganz oft gefragt werden, ist: „Warum treffen die sich eigentlich mit euch?“ Und die Antwort ist einfach: Jede Publicity ist gute Publicity. Die Contentmaschine läuft. Darin liegt auch die Gefahr für Journalisten. Wir müssen einerseits aufklären, aber wollen ihnen natürlich auch keine Reichweite verschaffen.

Wirst du für deine Recherchen angefeindet?

Ja, das passiert sehr oft. Und es fühlt sich manchmal auch bedrohlich an. Gerade nach der Veröffentlichung des Buches ging das bis hin zu Morddrohungen. Aber ich habe meinen Umgang damit gelernt und ziehe mir das nicht alles rein. Zudem sind wir digital und analog geschützt. Früher habe ich mich aber teilweise wochenlang in Beleidigungen und Kritik verfangen.

Interview: Sebastian Stein

Undercover in digitalen Untergrundnetzwerken: Das ist Patrick Stegemann

Patrick produzierte auch die Doku „Lösch Dich“

Wie funktioniert Gesellschaft? Wie entsteht Hass und was schafft Frieden? Mit Fragen wie diesen hat sich Patrick Stegemann während seines Studiums beschäftigt. Der 1989 geborene Journalist studierte Kommunikationswissenschaften, Soziologie und Peace and Conflict Studies sowie Hebräisch. Gesellschaftliche Themen brachten ihn schließlich zum Bewegtbildjournalismus: für Facebook, Instagram, Youtube und fürs Fernsehen. Vor Kurzem erschien sein Buch „Die rechte Mobilmachung: Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen“, in dem er und Sören Musyal sich mit rechten Influencern befassen. Dazu recherchiert Patrick schon länger: Gemeinsam mit einem Team aus Hackern, Youtubern und Journalisten produzierte er die Dokumentation „Lösch Dich – So organisiert ist der Hate im Netz“ für Funk, das Onlinemedienformat von ARD und ZDF. Mit Erfolg: Die Doku zählt seit 2018 insgesamt 972 955 Aufrufe. Patricks Einsatz gegen rechte Hetze polarisiert. „Lösch Dich“ hat genauso viele Likes wie Dislikes: nämlich jeweils 38 000.

Nicht nur Themen wie Hetze und Internettrolle interessieren den Journalisten. Patrick war an der Entwicklung des jungen feministischen Formats „Auf Klo“ beteiligt. Länger als ein Jahr lang leitete er außerdem die tägliche Radiokolumne „Zeitmaschine“ für DFLNova. Heute ist Patrick Digital-Journalism-Fellow an der Hamburg Media School (HMS) – das bedeutet, seine Recherchen werden von der HMS besonders gefördert. Er arbeitet als Redakteur und freier Journalist in Berlin.

Darum geht es im Buch:

Sie posieren freundlich auf Instagram-Fotos oder kochen auf ihrem Youtube-Kanal. Doch was auf den ersten Blick harmlos scheint, birgt Gefahren: Extreme Rechte und ihnen nahestehende Influencer nutzen das Netz als Radikalisierungsplattform. Die Folgen in der analogen Welt sind dramatisch: vom Mord an Walter Lübcke über den Christchurch-Terroranschlag in Neuseeland bis hin zum Attentat von Halle. Patrick Stegemann und Sören Musyal haben im rechten Netzmilieu recherchiert, sie bewegten sich undercover in digitalen Untergrundnetzwerken, wo rechtsextreme Inhalte verbreitet, Reichweiten organisiert und Rechtsterroristen bejubelt werden. Ihr Befund: Vereine und Stiftungen finanzieren in Deutschland und Österreich rechte Influencer, um Menschen in die rechte Szene zu locken. Plattformen wie Facebook und Youtube sind mitverantwortlich für die Propaganda und den Rechtsruck unserer Gesellschaft. Nur wenn wir verstehen, wie die neuen Rechten im Web agieren, werden wir ihren Einfluss stoppen können.

Von Sebastian Stein und Nina Hoffmann

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Über den Autor/die Autorin:

5 Bemerkungen

  1. Avatar

    Man ist dieses ständige Geframe nervig. Hier werden alle samt als extrem betitelt, doch wird dafür nicht ein Anhaltspunkt genannt. Begründe es doch einfach, sag uns was die Leute so gefährlich macht, und wie du darauf kommst es wären Extremisten. Ich warte.

    Antworten
    • Avatar

      Ich finde es gut, dass ihr keine (in-)direkte Werbung für einzelne rechte Influencer macht. Jeder ist bereits über den ein oder anderen gestolpert, Thema hier ist wie ihre Strategien funktionieren. Danke für das wichtige Thema. Und sogar dass ihr rechten Trollen in eurer Kommentarspalte nicht die Bestätigung erteilt, ihre Statements zu löschen.

      Antworten
  2. Avatar

    Und an was soll man nun Extremisten erkennen können?
    Ach, stimmt: Das steht im beworbenen Buch!
    Für mich ist das hier Schleichwerbung!
    Es wird einem vorgetäuscht, Infos über rechte Influenzer zu bekommen, aber man bekommt nur
    gesagt, wie zwei rechte Rapper heissen und wie toll das Buch ist, das gerade neu erschien.
    Alles unter der Rubrik „Top-Storys“.

    Ganz miese Qualität ….

    Antworten
    • Tomma Petersen

      Hallo Holger,
      im Interview findest du folgende erklärende Textpassagen: „Sie wollen die Ebene der Fakten verlassen und an die Emotionen der Zuschauer appellieren. Das kennen wir aus dem Marketing und der Werbung. Er adaptiert dieses Prinzip für die extreme Rechte. Die Inhalte sollen harmlos aussehen und dann unter der Hand politische und menschen-feindliche Botschaften vermitteln, wie beispielsweise mit einem ursprünglich deutschen Kochen, einem traditionellen Familienbild oder einfach nur durch Sympathie.“

      „Das ist die Taktik – dort zu sein, wo die jüngere Zielgruppe ihre Zeit verbringt, also auf Youtube, Instagram, Tiktok, Facebook und Twitter. Rechtsextreme Influencer versuchen, Formen zu kopieren, die sonst auch erfolgreich sind wie beispielsweise Comedyformate, Musik oder Beautyfotos.“

      „Sie sollen ganz viele verschiedene Zugänge in eine Art rechtsextremen Dachsbau schaffen. Folgender Gedanke steht dahinter: „Du interessierst dich für Rap oder Comedy – wir haben ein Rap- oder ein Comedyformat.“ Das kommunikative Ziel ist eine schrittweise Normalisierung ihrer rassistischen und faschistischen Inhalte.“

      „Besonders leicht stößt man auf Youtube darauf.“

      „Erstens hilft es, nicht alles zu glauben, und zweitens, Informationen gegenzuchecken. Letzteres macht man im Alltag viel zu selten. Deswegen hilft es, die von Rechtsextremen bewusst gesetzten Themen zu kennen. Beispielswiese findet man „Wir gegen die“ oder „Die große Bedrohung von außen“ darin überall. So auch im Kanal „Neverforgetniki“ von Niklas Lotz. Er wurde von der extremen Rechten in gewisser Weise als eine Anti-Greta-Thunberg aufgebaut. In seinen Videos sitzt er vor Raufasertapete und alter Landkarte. Diese Unbeholfenheit und niedrige Qualität der Inhalte spiegeln etwas Authentisches wider.“

      Eine Liste von rechten Influencern werden wir dir hier nicht geben, damit ihnen keine Plattform geboten wird.

      Viele Grüße

      Antworten
  3. Avatar

    Würde mich freuen,wenn du mal über die Linken aufklärst und deren Gefährlichkeit aufzeichnest ,denn diese erscheinen mir um ein vielfaches gefährlicher .

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