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Long Covid bei jungen Menschen: Wie ist es, plötzlich krank zu sein?

Long Covid bei jungen Menschen: Wie ist es, plötzlich krank zu sein?
Foto: Unsplash/theyshane

„Man muss über sich hinauswachsen, obwohl man das gar nicht wollte“, sagt Chiara Köhler über ihre Long-Covid-Erkrankung. Sie gehört zu den schätzungsweise 2 Prozent der Genesenen, die auch viele Monate nach der Corona-Infektion noch Symptome haben. Wir haben mit fünf jungen Menschen über ihre Erfahrungen mit der Erkrankung gesprochen.


„Viele denken ‚Du siehst nicht krank aus’“

Emilie Marachi macht gerade ihren Realschulabschluss und wollte eigentlich Krankenschwester werden. Jetzt sucht sie eine Alternative. Foto: privat

Emilie Marachi, 17 Jahre alt, Schülerin, wohnt in der Nähe von Frankfurt am Main

„Letztes Jahr im März bin ich an Corona erkrankt. Die Akutphase war gar nicht so wild. Erst zwei Monate später habe ich gemerkt, da stimmt was nicht. Ich habe zu Hause dauernd Feuer gerochen. Ich hatte Geruchs- und Geschmacksverlust, starke Müdigkeit, Kopf-, Glieder- und Gelenkschmerzen. Die ersten sechs Monate habe ich 18 Stunden am Tag geschlafen und wenn ich wach war, konnte ich maximal eine Serie gucken. Das hat sich nicht wirklich verbessert, aber ich habe Techniken gefunden, um damit umzugehen.

Ich war für acht Wochen in einer Reha, dazu gibt es auch eine Dokumentation. Es war hilfreich, andere Patienten kennenzulernen, denen es ähnlich geht. Wir haben dort außerdem viel mit Pacing gearbeitet, also auf den Körper zu hören und seine Kräfte einzuteilen. Aber ich kann ja nicht frei einteilen, wann ich zur Schule oder zur Fahrschule muss.

Ich gehe dreimal die Woche von 8 bis 11 Uhr in die Schule zur Prüfungsvorbereitung. Wenn es mir in den drei Stunden gut geht, glauben mir einige Mitschüler und Lehrer nicht, dass es mir den Rest des Tages schlecht geht. Viele Leute denken ‚Du siehst nicht krank aus, darum bist du auch nicht krank‘. Von 12 bis 16 Uhr schlafe ich, manchmal auch bis zum Morgen durch.

Ich war außerdem Tänzerin, das konnte ich sieben Monate nicht unterbringen. Mittlerweile gehe ich hin. Mitmachen klappt meistens nicht, aber dabei sein reicht aus. Freunde treffen nach der Schule geht nicht, dadurch verliert man viele Freundschaften.

Die größte Schwierigkeit ist, damit klarzukommen, jetzt krank zu sein. Da hilft nur, sich Zeit zu lassen. Man muss darüber reden – mit einem Therapeuten oder Menschen aus dem Umfeld. Ich hatte geplant, eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen, aber nichts wird so angeboten, dass ich das machen könnte. So kurzfristig konnte ich dieses Jahr auch keine Alternative finden. Danach will ich jetzt suchen.“

„In der Gruppe muss man sich nicht erklären“

Mara Schmidt (Name von der Redaktion geändert), 29 Jahre alt, aus Hannover

„Im Dezember 2020 habe ich Corona bekommen mit mildem Verlauf. Vier Wochen nach der Infektion bin ich wieder zur Arbeit im Logistikbetrieb gegangen und habe gemerkt: Das klappt gar nicht mehr. Ich konnte nur ein Minimum erledigen und mit Problemen war ich überfordert. Dann war ich für neun Monate krankgeschrieben. Mit Home Office, kleinen Projekten und 30 Stunden pro Woche bin ich wieder eingestiegen.

Früher habe ich viel Hockey und Badminton gespielt, das muss ich jetzt oft wegen Schwindel und Muskelschmerzen abbrechen. Durch die Fatigue – die chronische Erschöpfung – kann man selbst keine Energie mehr aufbauen – auch nicht durch Kaffee oder Bewegung. Man ist körperlich und kognitiv eingeschränkt und wenn man es übertreibt, bekommt man Rückfälle. Dann schafft man gar nichts mehr.

Jetzt gehe ich zu verschiedenen Ärzten, zur Ergotherapie und Physiotherapie. Wegen der Fatigue führe ich ein Energie- und Symptomtagebuch. Man muss sich ständig neu kennenlernen. Leichtigkeit gibt es kaum noch, da ich immer im Hinterkopf behalten muss, mit meiner Energie zu haushalten. Ich habe zwei Rehas gemacht. Aber die Krankheit ist noch neu und deshalb kann einem niemand so richtig helfen.
Ich dachte, es wäre schön, sich mit anderen auszutauschen, die das auch haben. Deshalb bin ich einer Selbsthilfegruppe beigetreten. Wir treffen uns alle zwei Wochen. In der Gruppe muss man sich nicht erklären. Alle wissen, was gemeint ist, wenn man erzählt, dass man nach dem Einkaufen erschöpft ist. Mir tut es gut und den anderen tut es gut. Man fühlt sich nicht mehr so alleine.

Freunden muss man erklären, warum man nicht mehr der energetische Mensch ist, der man vorher war. Bei meinen Freunden ist aber Verständnis da, doch viele andere verstehen nicht, warum man sich zurückzieht. Gerade auch Lehrer und Eltern sollten mehr darüber wissen, um Kindern mit Long Covid das richtige Verständnis geben zu können.“

Fakten zu Long Covid bei jungen Menschen

Von Long Covid spricht man, wenn Genesene auch vier Wochen nach der Corona-Infektion noch Beschwerden haben, und von Post Covid bei Beschwerden nach mehr als zwölf Wochen. Umgangssprachlich werden die Begriffe jedoch synonym verwendet.

Laut dem Robert-Koch-Institut ist die Datenlage zu Long Covid bei Kindern und Jugendlichen sehr eingeschränkt. Die Symptome unterscheiden sich jedoch nicht stark von denen bei Erwachsenen. Dazu gehören Müdigkeit, Erschöpfung und eingeschränkte Belastbarkeit (sogenannte Fatigue), Kurzatmigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Schlafstörungen, Muskelschwäche und -schmerzen, psychische Probleme, wie depressive Stimmung und Angstsymptome, sowie Riech- und Schmeckstörungen.

Eine Nachbeobachtung hat ergeben, dass ein Viertel der Kinder und Jugendlichen, die wegen Corona im Krankenhaus waren, auch noch mehrere Monate nach der Infektion noch Symptome hatte. Bei leichteren Verläufen waren es 2 bis 3,5 Prozent.

Betroffene erhalten Hilfe bei Sprechstunden und Ambulanzen, die auf rki.de zu finden sind. Zudem gibt es dort Selbsthilfegruppen und eine Patientenleitlinie. Patienten aller Altersgruppen haben die Möglichkeit, eine Reha zu beantragen. Für Kinder und Jugendliche ist diese zuzahlungsfrei und in bestimmten Fällen darf sogar eine Begleitperson mitkommen, erklärt Katharina Lorenz vom Sozialverband Deutschland (SoVD) in Niedersachsen. Laut ihr ist bei jungen Menschen die Reha besonders wichtig, um Lebensqualität und Leistungsfähigkeit wieder zu stärken. „Der Druck, in der Schule und in der Ausbildung bestehen zu können, ist ohnehin schon sehr groß“, sagt die Sozialrechtsexpertin. Die Landesverbände des SoVD beraten Betroffene bei der Antragsstellung.

„Manchmal vergesse ich, alle Symptome aufzuzählen“

Lisa Ising schreibt bei Instagram auf @longcovid.diary über ihre Erfahrungen mit der Krankheit. Foto: privat

Lisa Ising, 25 Jahre alt, Krankenschwester aus Hannover

„Ich bin das erste Mal im Oktober 2020 an Corona erkrankt. Danach war ich immer extrem erschöpft, hatte Glieder- und Halsschmerzen, Konzentrationsstörungen, hohen Puls. Drei Wochen nach der Infektion konnte ich aber wieder als Krankenschwester arbeiten. Ich arbeite 75 Prozent, das ging.

Doch Ende Januar diesen Jahres hatte ich eine neue Infektion. Die Long-Covid-Symptome haben sich verschlechtert, ich bin seit dem 25. Januar arbeitsunfähig. Anfang Mai hatte ich einen Wiedereingliederungsversuch. Den habe ich nach anderthalb Stunden abgebrochen. Ich habe Fatigue, Gelenk-, Hals- und Gliederschmerzen und kann maximal 15 Minuten lang spazieren gehen, sonst tut alles weh. Außerdem habe ich Konzentrations- und Wortfindungsstörungen, Schwindel, Übelkeit, Migräne, Kurzatmigkeit, erhöhten Puls und Lichtempfindlichkeit. Manchmal vergesse ich, alle Symptome aufzuzählen.

Mein Partner unterstützt mich im Haushalt. Ich mache Atemtraining über die Long-Covid-Ambulanz und gehe zur Ergotherapie zum Konzentrationstraining. Das ist anstrengend, aber ich gebe dem eine Chance. Und ich habe einen Antrag auf Reha abgeschickt.

Was mir auch hilft, ist der Rückhalt von Freunden und Familie. Außerdem habe ich einen Blog auf Instagram (@longcovid.diary) gegründet, kläre zu dem Thema auf, nehme die Leute mit, bekomme aber auch Tipps von anderen. Darüber reden hilft enorm. Besonders an Tagen, wo ich nicht aufstehen kann, ist es schön, so etwas zu haben.

Ich dachte, mit 25 wäre ich in der Blüte meines Lebens, im Urlaub, zumindest draußen oder würde irgendwas anderes machen. Wenn ich meine Mädels sehe, quatschen wir eher – kein Shoppen oder Spazieren gehen. Sie kommen auch aus der Pflege und haben viel Verständnis. Ich habe früher viel gebacken, das geht jetzt nur noch an guten Tagen. Städtetrips mit meinem Partner fallen komplett aus wegen der Lichtempfindlichkeit. Einige Ärzte schieben das auf die Psyche und sagen, man soll sich bewegen. Das ist aber kontraproduktiv. Ich würde anderen raten, die eigenen Symptome ernst zu nehmen und nicht dem Arzt zu glauben, der sagt, man bilde sich das alles nur ein.“

„Ich war bei so vielen Ärzten, aber es gibt keine Lösung“

Daniel Regemann hat früher gerne Tennis gespielt. Jetzt muss er aufpassen, sich nicht zu überlasten. Foto: privat

Daniel Regemann, 19 Jahre alt, Schüler aus der Nähe von München

„Ich mache gerade mein Fachabitur im technischen Bereich und möchte danach studieren, das ist der Plan. Dazwischen wollte ich ein Jahr lang Work and Travel in Neuseeland machen – oder nur Travel. Ich versuche jetzt, wenigstens für die Reise fit zu werden. Im August 2021 war ich mit Freunden in Kroatien. Am vorletzten Tag bin ich an Corona erkrankt. Nach vier Wochen ging es aber wieder, bis auf Sport. Ich konnte meine Ausbildung zum Mechatroniker fertig machen. Dann bin ich für eine Woche nach Italien gefahren. Am dritten Abend hatte ich das Gefühl, mein Herz geht nicht mehr, ich bin nach Hause gefahren. Danach hatte ich solche Downs, dass ich nicht mehr spazieren gehen konnte.

Im September ist dann die Schule gestartet und ich bin zum Unterricht gegangen, habe Mittagsschlaf gemacht, gelernt und bin wieder schlafen gegangen. So war es für sechs Monate. Der Verlauf ist seitdem in einer Wellenbewegung. Ich war bei einem Lungenarzt und bei einem Kardiologen. Beide haben gesagt, es ist in Ordnung. Dabei habe ich extreme Herzrhythmusstörungen nach Belastungen. Bei der TU München habe ich in der Weihnachtszeit einen Belastungstest gemacht. Das war das einzige Mal seit der Infektion, dass ich mich belastet habe und danach keinen Crash hatte. Die meinten auch, die Werte sind in Ordnung. Ich hatte aber im Februar einen extremen Crash, und seitdem geht es nicht mehr bergauf. Vorher habe ich drei- bis viermal die Woche Tennis gespielt, jetzt würde ich nicht mal zum Schwingen auf den Platz.

In einer Klinik habe ich noch mal alles checken lassen. Ich war bei so vielen Ärzten, aber es gibt keine wirklichen Lösungsmöglichkeiten. Seit anderthalb Monaten mache ich eine Sauerstofftherapie. Danach bin ich immer platt, aber es tut der Lunge sehr gut. Dort wurde auch festgestellt, dass ich hohe Entzündungswerte rund um mein Herz habe.

Long Covid beeinträchtigt mich auch beim Lernen. Ich bin froh, wenn die Prüfungen rum sind. Dann gehe ich vielleicht auch in eine Reha. Die Tennissaison hat angefangen und ich habe der Mannschaft zugeschaut, was hart war, weil ich letztes Jahr dabei war.“

„Man muss über sich hinauswachsen, obwohl man nicht wollte“

Chiara Köhler ist gerne mit Freunden am Meer – das hilft ihr, mit der Krankheit umzugehen. Foto: privat

Chiara Köhler, 24 Jahre alt, Studentin aus Hannover

„Im März 2020 bin ich an Corona erkrankt. Nach ein, zwei Monaten habe ich gemerkt, dass ich extreme Lungenprobleme habe. Ich war deshalb für vier Wochen zur Reha. Ich habe außerdem auch Psychotherapie, Ergo- und Physiotherapie, Akupunktur, Hypnose und Sachen aus der chinesischen Medizin ausprobiert. Und durch mein Studium konnte ich mir viel Wissen selbst anlesen. Meiner Atmung geht’s besser, aber das Erschöpfungssyndrom habe ich noch und ich bin kognitiv beeinträchtigt. Vorher hatte ich ein typisches Studentenleben mit allem drum und dran. Ich habe Mathe und Sport auf Lehramt studiert. Über Sport und Long Covid habe ich auch in einer Dokumentation gesprochen. Dann bin ich krank geworden.

Mittlerweile studiere ich wieder – aber Sport und Bio. Im Sport habe ich viel Vorwissen und kann mir Sachen erschließen. Neues zu lernen ist schwieriger. Und ich muss mit dem Langzeitgedächtnis lernen – das Kurzzeitgedächtnis ist durch Long Covid beeinträchtigt. Einen Nachteilsausgleich zu bekommen für mehr Zeit bei den Klausuren ist sehr aufwendig. Außerdem wünsche ich mir von der Regierung finanzielle Unterstützung. Nicht für jeden ist es möglich, 600 Euro für Rezepte vorzustrecken.

Ich konnte zwischenzeitlich nicht mal staubsaugen. Und mittlerweile habe ich meine Ernährung umgestellt und schaffe es vier- bis fünfmal die Woche zum Kraftsport. Früher bin ich viel gelaufen, aber jetzt mache ich Kraftsport, weil das die Herzfrequenz nicht so sehr erhöht. Ich hatte auch gute Ärzte und habe mir in einer Selbsthilfegruppe Tipps geholt.

Seit Januar bin ich auch mal wieder auf einer Feier. Als junger Mensch hat man alles noch vor sich und möchte nicht den ganzen Abend auf der Couch liegen. Akzeptieren zu müssen, dass man nicht mehr das machen kann, was man nach der Schule wollte, verlangt einem viel ab. Man muss über sich hinauswachsen, obwohl man das gar nicht wollte. Sport hilft mir, damit umzugehen, außerdem mit Freunden treffen, die See, die Natur und das alles in Kombination. Man muss nicht immer bei allem dabei sein. Wir haben noch viel Zeit für alles, und das Leben ist lang genug.“

Aufgezeichnet von Leonie Habisch



Über den Autor/die Autorin:

MADS-Team

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