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Sehnsucht nach Unabhängigkeit: Vier Selbstständige erzählen von ihren Erfahrungen

Sehnsucht nach Unabhängigkeit: Vier Selbstständige erzählen von ihren Erfahrungen
Foto: Marvin Meyer/ Unsplash

Die eigene Chefin sein: Das klingt für viele attraktiv, bringt aber auch Risiken mit sich. Vier junge Menschen erzählen, weshalb sie sich für die Selbstständigkeit entschieden haben – und ob sie ihre Entscheidung bereuen.


Musik statt Psychologie

Umringt von Zetteln und Schnipseln sitzt Joules auf ihrem Boden und bastelt an neuen Konzepten. In ihrem kleinen Heimstudio in Hannover arbeitet sie an neuen Singles und großen Klangwelten, wie sie sagt. Joules heißt eigentlich Julia, doch ihr Künstlerinnenname ist Joules the Fox, und auch privat nennen sie alle nur noch Joules.

Joules (28)
Foto: Laura Schepers

Wirklich geregelt ist der Berufsalltag der Musikerin zwischen Schreiben, Auftreten und Management nicht. Zwar gibt es Routinen, die sich wiederholen, aber es kommt auch immer etwas Neues dazu. Um sich ihrer Leidenschaft zu widmen, hat die 28-Jährige nach ihrem Psychologiestudium noch mal von vorn angefangen und Musik studiert. Seit rund vier Jahren arbeitet Joules nun als selbstständige Musikerin. Songwriting, Komponieren, Auftritte – aber auch Booking, Social Media und viel Organisation gehören zu ihrem Job. Es ist eine Mischung aus künstlerischem Schaffen und einem guten Management.

„Musik kann so gut tun und so befreiend sein“, sagt Joules. Schon als Kind sei ihr Musik sehr wichtig gewesen, die habe in ihrer Familie einfach dazugehört. Auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit musste Joules vor allem lernen, Pausen zu machen. Besonders wenn so viel Leidenschaft hinter dem steckt, was man tut, sei es wichtig, auf sich selbst zu achten. „Ich habe keinen Feierabend, es sagt nie jemand: ,So jetzt hast du genug gemacht.‘ Das muss ich mir selbst sagen.“ Grenzen zu setzen ist für sie das Wichtigste in der Selbstständigkeit. Im Gegenzug genießt sie die Freiheit ihres Lebensstils. Die Unabhängigkeit gibt ihr ein Gefühl von innerer Kraft. „Ich würde jungen Menschen empfehlen, selbstbestimmt das zu machen, wo sie sich richtig fühlen, und ihre Zeit mit den Dingen zu füllen, die sie selbst erfüllen“, sagt Joules.

Unternehmer im WG-Zimmer

Gemeinsam mit zwei Bekannten aus der Uni hat Chris eine Software entwickelt, die geeignete Standorte für Windkraft- und Solaranlagen ermittelt. Nachdem die drei Gründer ein Gründerstipendium beim Bundeswirtschaftsministerium erhalten hatten, konnten sie 2018 die Nefino GmbH gründen. Chris ist für den Bereich der Softwareentwicklung zuständig. Von der Idee bis zur Umsetzung neuer Softwarelösungen koordiniert der 29-Jährige den Prozess. Täglich muss er Entscheidungen treffen, Projekte koordinieren und sich mit dem Entwicklerteam abstimmen. Am meisten Spaß hat er an der Recherche neuer Technologien.

Chris (29)
Foto: privat

Durch das Stipendium hatten die drei Gründer eine finanzielle Starthilfe. Seit die Förderung ausgelaufen ist, sind sie auf sich allein gestellt. Genügend Aufträge zu generieren, um alles finanzieren zu können, steht auf der Agenda. „Man sollte sich bewusst sein, dass Selbstständigkeit immer das Risiko mit sich bringt, dass man in finanziell schwierigen Zeiten als Erster zurückstecken muss“, sagt Chris. Auch mit einem wachsenden Team bleibt diese Herausforderung bestehen. Deshalb hat Chris versucht, seine Kosten so gering wie möglich zu halten. Um Mietkosten zu sparen, wohnt er zum Beispiel immer noch in einer WG. Zudem hat er sich angewöhnt, immer Geld für schwierige Zeiten zurückzulegen.

Auch wenn Chris und seine Kollegen viel Arbeit in das Projekt stecken, gibt es manchmal Rückschläge. Wenn Kunden kurz vor Vertragsabschluss doch noch absagen, ist die Enttäuschung groß – doch meistens ergibt sich dadurch etwas Neues. Was er unterschätzt hat, ist der enorme Aufwand für Personalthemen. Fehler sind unvermeidbar – wichtig ist für Chris aber, authentisch zu bleiben. Bereut hat er den Schritt nie. „Wer eine Passion hat, bereit ist, Risiko einzugehen, und Geduld mitbringt, wird am Ende dafür belohnt.“

Karrierestart in der Krise

Die Idee, ein Unternehmen zu gründen, fand Fabienne immer spannend. Auslöser war ausgerechnet die Corona-Krise. Denn die PRAgentur, in der Fabienne gearbeitet hatte, musste schließen. Für die 26-Jährige war klar, dass sie keine Festanstellung mehr möchte. Mithilfe eines Unternehmenscoaches haben sie und eine Partnerin das Unternehmen ROOO Studio PR in Berlin gegründet. Nebenbei arbeitet Fabienne unter dem Namen Bings als Künstlerin.

Fabienne (26)
Foto: privat

Ihr Arbeitstag startet meist um 8 Uhr. Als PRConsultant arbeitet sie mit Kunden aus den Bereichen Fashion, Beauty und Lifestyle, sie plant Kampagnen und organisiert Events. Persönliche Kontakte sind im PR-Business besonders wichtig. Da stehen E-Mails, Telefonate und Video-Calls auf der täglichen To-do-Liste. An den meisten Tagen arbeitet Fabienne bis 18 Uhr, danach entspannt sie sich zu Hause beim Malen – Kreativität ist für sie ein perfekter Ausgleich.

Neben einer Menge Mut seien auch Organisation und vor allem Durchhaltevermögen auf dem Weg in die Selbstständigkeit wichtig, sagt Fabienne. Besonders am Anfang habe sie oft Überstunden gemacht, denn irgendwie gibt es immer noch diese eine Mail zu beantworten oder irgendeine Rechnung zu bezahlen. Deshalb ist es für Fabienne wichtig, sich selbst Grenzen zu setzen – bei ihr hat das am besten mit dem Einführen von Kernarbeitszeiten funktioniert. Auch die Hilfe eines Steuerberaters empfiehlt sie. „Selbstständigkeit ist großartig, aber auch eine permanente Herausforderung“, sagt Fabienne. „Es ist für diejenigen das Richtige, die eine Passion zum Beruf machen wollen“, meint Fabienne. Wer Planungssicherheit und finanzielle Absicherung sucht, solle sich lieber nicht selbstständig machen. Sie selbst möchte das selbstbestimmte Arbeiten jedenfalls nicht missen.

Nadel ersetzt Zirkel und Stift

Bei einem Praktikum in einem Innenarchitekturbüro hat Bella schnell gemerkt, dass ein reiner Bürojob nichts für sie ist. Zwar studierte sie trotzdem Architektur, machte aber nebenbei ein Praktikum in einem Tattoostudio. So sei der Beruf der Tätowiererin als Alternative zur Architektur für sie infrage gekommen, sagt sie.

Bella (31, mit
Lukas) Foto: privat

Nach ihrem Master entschied sich die 31-Jährige, Vollzeit als Tätowiererin zu arbeiten. Zunächst war sie in einem Studio angestellt, dort war sie allerdings nicht zufrieden. Deshalb eröffnete sie mit ihrem Kollegen Lukas ein eigenes Tattoostudio. Während des zweiten Lockdowns haben die beiden jeden Tag an ihrem Konzept gearbeitet, viele schlaflose Nächte inklusive. Teilweise waren Bella und Lukas von den vielen Aufgaben überfordert. Besonders in bürokratischen Fragen wussten sie oft erst mal nicht weiter. Dank ihres Durchhaltevermögens konnten sie im März das TATS Studio in Hannover eröffnen. Anders als in anderen Tattoostudios gibt es bei Bella und Lukas keine Öffnungszeiten. Um mehr Zeit für jede einzelne Person zu haben, arbeiten die beiden nur nach Termin. Durch die Büroarbeit und das zeitintensive Marketing in den sozialen Medien können die beiden nicht so viel tätowieren, wie sie gerne würden. Trotzdem macht Bella der Job Spaß, so sehr, dass sie abends kaum nach Hause möchte.

„Der Faktor Urlaub ist für mich der größte Vorteil an der Selbstständigkeit“, sagt Bella. Für beide ist Reisen sehr wichtig, und der Job ermöglicht es ihnen, zu verreisen, wann sie wollen. Zwar haben sie während des Lockdowns keine finanzielle Unterstützung vom Staat erhalten und müssen daher in den Zeiten, in denen sie geöffnet haben, so viel wie möglich arbeiten. Dennoch ist sie über ihre Arbeit froh. „Ich fühle mich sehr frei, weil ich meine eigenen Chefin bin, ich muss es keinem Recht machen“, sagt Bella.


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