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Kommentar: Sexismus bei Goethe? Darum ist die Protestaktion der Frankfurter Kunststudenten Quatsch

Kommentar: Sexismus bei Goethe? Darum ist die Protestaktion der Frankfurter Kunststudenten Quatsch
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War Goethe ein Vergewaltiger? Mit einer seltsamen Klopapieraktion in Weimar protestiert ein Künstlerkollektiv gegen Sexismus in seinem Gedichtklassiker „Sah ein Knab ein Röslein steh‘n“. Geht‘s noch?


Man kann Johann Wolfgang von Goethe allerhand vorwerfen. Seinen leichten Hang zu Altmännersäftelei im Spätwerk. Seine Bereitschaft, sich selbst in größter Verständlichkeit für den Mittelpunkt des Universums zu halten. Seinen doch irgendwie auch ekligen Umgang mit Christiane Vulpius, die er erst zur Gattin nahm, als es wirklich nicht mehr anders ging. Was man Goethe freilich nicht vorwerfen kann: dass sein Werk an ausgewählten Stellen nicht den moralischen Standards des Jahres 2019 entspricht. Warum? Weil er 187 Jahre vorher gestorben ist.

„Humoristische Vergewaltigungslyrik“

In Weimar hat ein Kunstaktionskollektiv mit dem deprimierend anstrengenden Kalauernamen „Frankfurter Hauptschule“ das Gartenhäuschen des Dichters mit Klopapier beworfen. Sie werfen dem toten Mann Sexismus vor. Goethes Werk sei voll von „erotischen Hierarchien zu Ungunsten seiner Frauenfiguren“. Und speziell sein Gedicht „Heidenröslein“ sei „humoristische Vergewaltigungslyrik für den Schulunterricht“. Heißt es darin doch: „Und der wilde Knabe brach / ’s Röslein auf der Heiden; / Röslein wehrte sich und stach, / Half ihm doch kein Weh und Ach, / Mußt’ es eben leiden.“ Und überhaupt: Goethe sei ein „behäbiger, bürgerlicher Typ“ gewesen.

Es ist natürlich falsch, die alberne Performance der Frankfurter Kunststudenten überhaupt mit flächendenkender Aufmerksamkeit zu adeln. Das Youtubevideo, dass die Damen und Herren in weißen T-Shirts bei einer erratischen Tanzperformance am Gartenhäuschen zeigt, hat 16.000 Klicks. Aber „humoristische Vergewaltigungslyrik für den Schulunterricht“? Geht’s noch?

Erstmal: Die halbe Menschheit besteht aus behäbigen, bürgerlichen Typen. Es wäre vertane Zeit, alle behäbigen, bürgerlichen Menschen – Verstorbene inklusive -, die sich der Revolution verweigern, den schmalen Denkwelten eines hessischen Weltverbesserungskollektivs anpassen zu wollen. Zumal das bei Toten selten Früchte trägt. Und zweitens: Jedes moralische Empfinden ist eine Momentaufnahme der Zeitläufte. Das verteidigt keinen Sexismus. Aber die Dichtkunst der Welt ist voll von Deflorationsmetaphorik und sexuellen Anspielungen, die nicht alle dem neuesten Stand der #MeToo-Debatte entsprechen.

Klopapierperformance für den Arsch

Die zeitgeistige Neigung, Klassiker der Weltliteratur im Nachhinein den gesellschaftlichen Standards der politisch korrekten Gegenwart anzupassen, zeigt seltsame Folgen. Und mehr noch: Immer ordentlich Toleranz und Respekt einfordern, sich dann aber „Frankfurter Hauptschule“ nennen, um sich vom nichtgymnasialen Bildungsniveau abzugrenzen. Man darf das mal ganz deutlich sagen: Die Weimarer Klopapierperformance ist für den Arsch. Oder wie Goethe – etwas feiner – schrieb: „Gewissen Geistern muß man ihre Idiotismen lassen.“

„Vergewaltigungslyrik“: Johann Wolfgang von Goethe empört Frankfurter Kunststudenten. Es wird ihn kaltlassen.Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild

Von Imre Grimm/RND


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