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Rostock: Der Mann der sieben Dimensionen

Rostock: Der Mann der sieben Dimensionen
Foto: Klaus Amberger

Oft ist Physik für Schüler trockener, langweiliger Stoff. Der Physiker und Forscher Prof. Alexander Szameit aus Rostock vermittelt von seinem Fach ein anderes Bild: aufregend, cool, abgefahren.

Physik ist mega, Physik ist hammer, Physik ist überall und immerzu.

Spätestens wenn Prof. Alexander Szameit ansetzt zu erklären, zu erzählen, zu gestikulieren und zu lachen, vergisst jeder physikalische Laie, dass er in seiner Schulzeit eventuell einen knochentrockenen, unverständlichen Physikunterricht überstehen musste. Der 42-jährige Wissenschaftler vom Institut für Physik der Universität Rostock sagt: „Die Aufgabenstellungen sind in der Schule teilweise langweilig und jenseits des Alltags, so dass Schüler dann oft abschalten und den Unterricht über sich ergehen lassen.“ Dabei sei Physik so cool.

„Ich erfreue mich oft an Dingen, die für andere nicht so wichtig oder interessant sind“, sagt der 1,95 Meter große Mann, der aus Halle an der Saale (Sachsen-Anhalt) stammt. Zum Beispiel, wenn Szameit einen Baum an der Küste sieht, der im Wind steht, arbeitet sein Gehirn. „Wenn der Baum sich biegt, frage ich mich, welche Gegenkräfte wirken dann, welche Wellen werden erzeugt – ich sehe vieles durch die Brille der Physik.“ Durch sie sehe er häufig das Schöne, das Harmonische und das Ästhetische im Weltenlauf.

Sinkt ein Schiff, sinkt der Wasserspiegel

„Physik ist viel Alltagswissen und kein abgefahrenes Zeug.“ So spiele zum Beispiel der Drehimpuls eine entscheidende Rolle bei Eiskunstläufern, wenn sie eine Pirouette drehen und dabei immer schneller werden können. Die Physik kann auch erklären, warum der Wasserspiegel sinkt, wenn ein Schiff untergeht. „Wenn man etwas Gutes für die Umwelt in Zeiten steigender Wasserpegel tun will, muss man nur alle Schiffe versenken“, scherzt der Forscher. Aber: Gedankenspiele gehören zur Wissenschaft und bringen mitunter andere Sichtweisen ins Spiel, um vielleicht über geistige Salti und Vorwärtsrollen zu Lösungen zu gelangen. Gerade in der Grundlagenforschung, wie Prof. Szameit sie betreibt.

Forschung im Star-Trek-Büro

Seit gut fünf Jahren ist der Star-Trek-Fan in Rostock, kam über Stationen wie Jena und Israel an die Warnow. In seinem Büro stehen 153 Star-Trek-Modelle. Auch den Mundschutz ziert ein aufgedrucktes Raumschiff, die „USS Enterprise“. Im Rücken des Forschers hängt eine Tafel voller Formeln. Szameit ist Leiter der AG Experimentelle Festkörperoptik. Die Türschilder der Büros seiner Mitarbeiter zieren neben den Namen die Embleme der Sternenflotte. Die Computer tragen keine Nummern, sondern Namen eines bewohnten Planeten im Star-Trek-Universum. „Meiner heißt Terra.“

Büro des „Captain“ im Rostocker Institut für Physik mit Emblem der Star-Trek-Sternenflotte

„Abgefahrene Experimente“

Der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit liegt bei Prof. Szameit auf dem „fundamentalen theoretischen und experimentellen Verständnis wellenphysikalischer Phänomene . . . “ – und so weiter. Es geht um Licht, Quantenoptik, es geht „um unsere Mission, die Mysterien der Physik mittels Licht zu erforschen“, versucht er so einfach wie möglich zu erklären.

In der Tat denken die Physiker am Institut in anderen Sphären. Müssen sie auch. „Ohne die Relativitätstheorie von Albert Einstein würde es keine per GPS gesteuerten Navigationssysteme geben“, sagt der Professor. Ähnlich verwegen wie die alten Genies denkt auch das Team um Szameit. „Wir haben gerade abgefahrene Experimente mit sieben-dimensionalen Festkörpern durchgeführt.“ Er fügt sofort an: „Das ist wirklich schwer vorstellbar.“ Sieben Dimensionen!

Wissenschaft für die Praxis

„Die Physik wird anders, wir hantieren viel mit mathematischen Gleichungen, gehen in die Experimente und versuchen, daraus Anwendungen zu entwickeln.“ Zum Beispiel für beinahe unvorstellbar sensible Sensoren, mit denen etwa Verunreinigungen in Gewässern nachgewiesen werden könnten, wofür man üblicherweise noch Labore benötigt.

„Physiker haben meist ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen“, sagt der Hobby-Pianist mit Tauchschein, der bereits mit 31 Jahren Juniorprofessor wurde. Derzeit nehmen ihn neben der Arbeit vor allem seine beiden kleinen Söhne in Anspruch.

Als Student an der Supermarkt-Kasse

Warum eigentlich Grundlagenforschung? Als Physiker gibt es schließlich auch gute Jobs in der Wirtschaft? „Ich mag keine Akkord-Arbeit, die 7.30 Uhr beginnt und um 17 Uhr endet“, sagt Alexander Szameit. Allerdings sei die Uni-Arbeit anspruchsvoll. „Gut zu sein, ist hier nicht hinreichend.“ Berufliches und Privates könne er kaum trennen, irgendetwas Physikalisches dreht sich meist durch seinen Kopf. „Ich denke dauernd und lebe immer komplex“, formuliert er diesen Zustand. 

Gleichzeitig macht der Wissenschaftler einen geerdeten Eindruck, akademischer Distinktions-Habitus scheint ihm fremd. Seine Eltern waren gelernter Maschinenschlosser und Krankenschwester. Aufgewachsen ist er in einer Hausmeister-Wohnung einer Schule, wie es sie seinerzeit noch gab. Als Student hat er in einem Supermarkt an der Kasse gesessen. Der Professoren-Titel ist ihm beinahe egal, eher Mittel zum Zwecke der Forschung. „Meine Währung ist Wissen“, sagt er.

Physikunterricht muss Alltag einbeziehen

Noch einmal zu den Schülern: „In der Schule darf der Physikunterricht nicht abgehoben und abstrakt sein.“ Das heißt, dass spannende Fragen untersucht werden müssen. Etwa: Warum wird ein Baum nicht größer als 120 Meter? Stichwort Kapillarkräfte. Und warum bekomme ich beim Tauchen mit einem Schnorchel, der länger als 43 Zentimeter ist, keine Luft mehr? Eine Geschichte von Wasserdruck und Druck der Atemluft. Oder: Wie lange braucht das Licht von der Sonne zur Erde? Sieben Minuten. Und vom Mond zur Erde? Eine Sekunde. „Für Physiker ist das je nach Sichtweise eine sehr lange Zeit.“

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Von Klaus Amberger

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