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„Möchte nicht blind durchs Leben gehen“: Seraphine Jörn (19) aus Rostock von der Tierschutzpartei

„Möchte nicht blind durchs Leben gehen“: Seraphine Jörn (19) aus Rostock von der Tierschutzpartei
Foto: Klaus Amberger

Seraphine Jörn aus Rostock ist Mitglied der Tierschutzpartei. Das Interesse für Politik wurde durch eine spielerische Aktion an ihrer Schule geweckt. Die 19-Jährige ist Teil einer OZ-Serie über junge Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern.

Es ist kalt am Mühlenteich in Rostock-Evershagen. Minus fünf Grad Celsius. Als Grundschülerin musste Seraphine Antonia Jörn im Sportunterricht hier ihre Runden drehen. „Es ist eigentlich ganz cool hier“, sagt die 19-Jährige, die in der Nähe wohnt.

Die junge Frau ist seit nahezu zwei Jahren Mitglied der Tierschutzpartei. Eine kleine Partei mit etwa 2000 Mitgliedern deutschlandweit. Im Nordosten gibt es zwei Ortsgruppen, eine in Greifswald, eine in Rostock. Seraphine Jörn ist, wie es korrekt heißt, zweite Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes MV sowie Vegetarierin mit Ausrichtung zur veganen Ernährung. Außerdem, „und darauf konzentriere ich mich total“, besucht sie seit eineinhalb Jahren das Abendgymnasium. „Mit einem Realschulabschluss bleiben für mich zu viele Türen geschlossen“, sagt sie. Mit einem Abitur in der Tasche könne sie Politikwissenschaft studieren.

Mehr als nur Tierschutz

Das erste Mal als sie spürte, dass Politik interessant sein kann, erlebte sie in der 10. Klasse. „Wir haben spielerisch Parteien gegründet, Programme geschrieben und mussten analysieren, wofür wir stehen wollen und warum“, erzählt sie. „Seitdem denke ich, dass ich nicht blind durchs Leben gehen kann, dass ich etwas verändern und Entwicklungen, die mich stören, entgegenwirken möchte.“ Sie finde es zum Beispiel furchtbar, was Tieren angetan wird.

Seraphine Jörn möchte allerdings nicht auf den Tierschutz reduziert werden. „Wir sind keine Ein-Themen-Partei“, unterstreicht sie. Die Partei setze sich etwa ebenso für bessere Bildung, den Kampf gegen Armut, den Schutz der Frau und für Feminismus ein.

Einsatz für mehr Schulpsychologen

Neben der Digitalisierung an Schulen wünsche sie sich auch mehr Schulpsychologen. „Mit psychisch kranken Schülern können Lehrer oft nicht richtig umgehen“, hat die Rostockerin beobachtet. Sie kritisiert, dass die individuelle Förderung von Schülern häufig nur gut gemeinte Absicht bleibe. Die Realität sehe jedoch anders aus: „Jeder der nicht mitkommt, wird zurückgelassen.“

Kleine Partei groß machen

Ihre größte derzeitige Sorge ist, dass die Schere zwischen Arm und Reich, insbesondere durch die Corona-Beschränkungen, größer werde. „Armut ist nicht schön – ich bin selbst eine Zeit lang so aufgewachsen.“ Für Seraphine Jörn fiel die Wahl auf die Tierschutzpartei aus einem einfachen Grund: „Warum nicht eine kleine Partei unterstützen und sie groß machen!?“ Sie hätte eventuell zu den Grünen gehen können? „Die waren nicht so mein Ding“, sagt sie. Sie weiß aber auch, dass nur zehn Prozent aller Wahlberechtigten die Tierschutzpartei kennen.

Drei Geschwister hat die Gymnasiastin. „Ich bin froh, dass meine Familie nur ein paar Hausnummern weiter wohnt.“ Zurzeit sind ihre Tage gefüllt mit Hausaufgaben (Lieblingsfächer: Geschichte und Englisch), Video-Schalten mit dem Abendgymnasium („Die machen das unfassbar gut.“) und mit ihren Hobbys – Videospiele, Sport, Handarbeiten (sticken und nähen) und Bücher lesen. Die Treffen mit den Freunden der Partei finden seit einem Jahr digital statt.

Vorstellbar: Eine Grüne als Kanzlerin

Sie könne sich gut die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock (40) nach der Bundestagswahl im September als Kanzlerin vorstellen „Auch wenn ich den Grünen nicht nahe bin, so ist diese Frau jung, unverbraucht, realitäts- und lebensnah.“ Sie tippe im Herbst auf eine schwarz-grüne Koalition. „Ich höre allen Politikern zu“, sagt Seraphine Jörn. Bei persönlichen Diskussionen breche sie die Kommunikation ab, wenn es beleidigend und unsachlich wird. „Ebenso haben Rassismus und Frauenfeindlichkeit nichts in einer Diskussion zu suchen.“ Sowohl unterschiedliche Parteien als auch einzelne Leute sollten bei Debatten und Streit offen für andere Meinungen bleiben. Klingt schwer. Sei es auch. „Aber das kann man lernen.“

Beeindruckt von Martin Luther King

Ihren Leitsatz in der politischen Arbeit hat sie schnell parat: „Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Inspiriert wird sie dabei von dem amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King (1929-1968). „Seine Reden sind großartig – er ist eine extrem beeindruckende Person.“ Seraphine Jörn lächelt. Am Mühlenteich ist es menschenleer und kühl. Sie steckt die Hände in ihren roten Mantel. Zu Hause warten Schulaufgaben.

INFO:

Rund 61 Jahre alt sind durchschnittlich die Mitglieder der CDU in Deutschland, in der SPD sind es 60 Jahre, in der AfD 51, in der Linken 55, in der FDP 51, bei den Grünen 48 Jahre.

In MV gibt es rund 5000 Christdemokraten, im Schnitt sind sie 58 Jahre alt. Die Grünen zählen hierzulande gut 1050 Mitglieder, durchschnittlich 46 Jahre alt. SPD: knapp 3000 Mitglieder, Durchschnittsalter 55. FDP: fast 700 Mitglieder, Durchschnittsalter 52. Die Linke: mehr als 3200 Mitglieder bei einem durchschnittlichen Alter von etwas mehr als 67 Jahren. Die AfD: rund 800 Mitglieder, im Schnitt haben sie ein Alter von Ende 40. Die Tierschutzpartei hat deutschlandweit rund 2000 Mitglieder – Durchschnittsalter 40.

An dieser Stelle stellt MADS junge Mitglieder der Parteien vor. In einer Woche folgt der 4. Teil der Porträt-Reihe.

Bereits erschienen sind:

Niklas Ziemann (20) vom Darß bei der CDU: „Extreme sind nichts für mich“

„Ich bin links-grün versifft“: Was Sebastian Hüller (20) aus Teterow zu den Grünen treibt 

Anna Kassautzki (27) aus Greifswald von der SPD: „Meckern reicht nicht“

„Sahra Wagenknecht ist interessant“: Nico Jahnke (23) von der AfD aus Strasburg

Niclas Lenhardt (21) aus Greifswald von den Linken: „Ich bin Realist“

„Ich mag andere Ansichten“: Luise Vogler (19) aus Nordwestmecklenburg von der FDP

Von Klaus Amberger

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