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Jugendforscher: „Die Jugend hat eine schlechtere Lobby“

Jugendforscher: „Die Jugend hat eine schlechtere Lobby“
Foto: Unsplash/Tim Gouw

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ gibt einen Überblick zur Stimmung junger Menschen in Deutschland. Im MADS-Interview erklärt Simon Schnetzer, Jugendforscher und Co-Autor der Studie, dass viele junge Menschen psychische Probleme haben – und was ihnen helfen könnte.


Herr Schnetzer, bei der Studie „Jugend in Deutschland“ ist herausgekommen, dass viele junge Menschen psychisch belastet sind. Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?

Nein, wir haben diese Belastung schon in den vergangenen Jahren festgestellt. Dieses Mal wollten wir das Thema im Detail verstehen und haben gefragt, was genau denn die psychischen Belastungen sind. Interessant war, wie viele von Stress belastet sind – nämlich 45 Prozent. 17 Prozent der Jugendlichen sind in psychischer Behandlung, 7 Prozent haben Suizidgedanken.

Gab es signifikante Unterschiede zwischen einzelnen Gruppen?

Schülerinnen, Schüler und Studierende haben psychisch am stärksten gelitten. Alle, die durch Ausbildung, duales Studium oder Vollerwerbstätigkeit in einer kontinuierlicheren Struktur waren, haben nicht so stark gelitten wie die, die noch im Bildungssystem stecken.

Was könnten junge Menschen tun, um ihre mentale Gesundheit zu verbessern?

Da müssen wir auf der höheren Ebene anfangen. Was gibt jungen Menschen Sinn im Leben? Wie ist ihr Rückhalt in Krisenzeiten? Vor allem Familie, aber auch Ziele im Leben, Erfolg, Freundschaften und Beziehungen. Das sind Dinge, die in der Pandemiezeit gelitten haben. Nehmen wir das Beispiel Ziele im Leben. Diese entstehen häufig auch aus der Struktur einer Klasse heraus, man will etwa die nächste Klausur bestehen. Doch plötzlich ist man auf sich allein gestellt. Zu Hause ist es für junge Menschen schwer geworden, sich zu organisieren und zu motivieren. Wir überlassen es dem Zufall, ob junge Menschen lernen, mit Stress umzugehen. Hier haben wir dringenden Nachholbedarf.

Jugendforscher Simon Schnetzer Foto: piomars

Seit 2010 führen Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ durch – anfangs alle zwei Jahre, seit Pandemiebeginn sogar zweimal im Jahr. Bei dieser repräsentativen Umfrage werden 14- bis 29-jährige Menschen in Deutschland befragt. Unter www.jugend-in.de können Interessierte weitere Informationen zur Studie einsehen und diese auch kaufen.

Warum werden Sorgen von jungen Menschen oft von älteren Generationen kleingeredet?

Zum einen sind junge Menschen beim Thema Wahlen ein leider zu vernachlässigendes Publikum. Dann sind sie noch nicht im Wirtschaftssystem drin, jedenfalls noch nicht aktiv. Und Geld regiert nun mal die Welt. Das ist auch eine krasse Benachteiligung in der Pandemiezeit gewesen. Freizeit und Bildung wurden schlechter gestellt als Wirtschaft und Arbeit. Die Jugend hat eine schlechtere Lobby. Es wäre schon hilfreich, wenn man junge Menschen fragt, wie es ihnen besser gehen würde – und dann einfach mal zuhört.

Sind junge Menschen heutzutage vielleicht auch sensibler als früher?

Sorgen, etwa vor Krieg, gab es früher und gibt es jetzt gerade wieder. Was sich verändert hat, ist die Art, wie man sich informiert. Auf dem Smartphone sehe ich in Echtzeit, wie 2000 Kilometer entfernt die Bomben einschlagen, die Menschen tot auf der Straße liegen. Das war früher anders. Ich poste etwas und bekomme sofort ein Feedback, das verändert etwas. Junge Menschen waren früher robuster, weil sie es sein mussten und viele Probleme mit sich ausmachten. Im digitalen Kontext erhalten Jugendliche sofort eine Art Sorgenverstärker, weil diese Themen ungefiltert auf sie einprasseln.

Die Studie hat ergeben, dass viele junge Menschen trotz aller Krisen für sich persönlich eine positive Zukunft erwarten. Woran liegt das?

Schon zu Beginn der Studie haben viele gesagt, dass sie die Zukunft Deutschlands als „Schlecht“ sehen. Auf die Frage nach der persönlichen Zukunft kam dagegen oft „Ganz okay“. Trotz der vielen Krisen bleibt es so, dass junge Menschen daran glauben, dass sie sich wahrscheinlich irgendwie behaupten können. Das ist etwas sehr Positives. Ein jugendlicher Optimismus bleibt, auch wenn viele nicht unbedingt glauben, dass sich dieser Optimismus auf die gesamte Gesellschaft überträgt.

„Es müsste vermittelt werden, wie sich junge Menschen mental stärken und mit Stress umgehen können“, meint der Jugendforscher.
Foto: Unsplash/ Anthony Tran

Wie könnte der Staat jungen Menschen helfen?

Ein Aspekt ist das Thema Geld. Viele junge Menschen merken: Sparbuch und gesetzliche Rentenversicherung reichen vielleicht nicht. Sie merken auch, es ist dem Zufall überlassen, ob sie am Ende der Schulzeit irgendetwas darüber wissen. Hier wünschen sich junge Menschen mehr Kompetenzvermittlung. Außerdem wären mehr psychische Betreuungsangebote wichtig, die schon vor der Belastung ansetzen. Es müsste vermittelt werden, wie sich junge Menschen mental stärken und mit Stress umgehen können. Es würde sicherlich helfen, wenn jungen Menschen die Kompetenz vermittelt wird, sich untereinander zu helfen und nicht nur von Experten zu Betroffenen. Da gibt es bereits mehrere Projekte, zum Beispiel Krisenchat, Rock Your Life und Stark ohne Muckis. Das sind Mentoringprogramme, bei denen Kinder und Jugendliche einander unterstützen können, unter anderem bei Thema Mobbing.

Steigt oder sinkt die psychische Belastung von jungen Menschen momentan?

Genau kann man das nicht sagen. Bei der jüngsten Studie konnte man eine Erholung sehen, mit dem Krieg hat sich das aber auch wieder verschlechtert. Also langzeitlich beobachtet: 2010 hatten wir die Nachwehen von der Finanzkrise, danach wurde es kontinuierlich besser. Seit 2015 gehen wir stetig wieder nach unten. Da bringt es nichts, das schönzureden. Doch ich hoffe, es hilft jungen Menschen, denen es nicht gut geht, sich gesehen zu fühlen.

Interview: Tim Klein



Über den Autor/die Autorin:

MADS-Team

Unter diesem Namen sammeln wir Beiträge von Gastautorinnen und -autoren, Autorenkollektiven oder freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei MADS. Die Namen des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin stehen unter dem einzelnen Beitrag.

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