
#FridaysForFuture: „Wir streiken, bis ihr handelt“

Inspiriert von den Protesten der Schwedin Greta Thunberg demonstrieren nun auch in Deutschland Jugendliche unter dem Motto „FridaysForFuture“ für mehr Klimaschutz
Wenn die Alten nur reden, müssen eben die Jungen ran. Deswegen fasste die 15-jährige Schwedin Greta Thunberg im Sommer 2018 einen Entschluss: Sie will so lange die Schule schwänzen, bis ihr Heimatland die Klimaziele des Pariser Klimavertrags erfüllt. Sie war wütend. Auch drei Wochen vor den Parlamentswahlen sprach niemand über den Klimawandel – obwohl er durch den Lebensstil insbesondere der westlichen Länder verursacht wird. Die Treibhausgas-Emissionen steigen, wir verbrennen noch immer Unmengen an Kohle, Öl und Gas. Also handelte Greta.

Vom 20. August an stand sie drei Wochen lang jeden Tag vor dem Schwedischen Reichstag, mit einem Schild im Arm: „Skolstrejk för klimatet“ stand darauf, „Schulstreik für das Klima“. Und sie verteilte Flyer mit sehr klaren Worten: „Wir Kinder tun oft nicht das, was ihr uns sagt. Wir tun das, was ihr tut. Und weil ihr Erwachsenen auf meine Zukunft scheißt, tue ich das auch.“ Sie provoziert mit Fragen wie dieser: „Warum sollte ich für die Zukunft lernen, wenn niemand genug dafür tut, diese Zukunft zu sichern?“
Kein Fleisch, keine Flüge
Erst war Greta allein, doch schon bald folgten ihr andere. Die Proteste verlagerten sich auf den Freitag. Unter dem Hashtag #FridaysForFuture vernetzten sich Jugendliche bald auch in anderen Städten, anderen Ländern. Inzwischen sind es Zehntausende. Das Thema treibt Greta um – sie fliegt nicht, isst kein Fleisch und keine Milchprodukte und versucht, möglichst keine neuen Dinge zu kaufen. Mit acht Jahren begann sie, sich intensiv mit dem menschengemachten Klimawandel zu beschäftigen. Der mangelnde Aktivismus der Politiker nahm sie so sehr mit, dass sie eine Zeit lang sogar aufhörte, zu essen und zu reden.
#FridaysForFuture
Im Dezember kam der Stein so richtig ins Rollen: Zwei Wochen lang verhandelten Vertreter aus rund 200 Ländern bei der Weltklimakonferenz in der polnischen Stadt Kattowitz über die praktische Umsetzung des Klimavertrags von Paris. Das Kernziel: Die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 auf deutlich unter zwei Grad begrenzen. Auch Greta war dabei – ihr Vater brachte sie im Elektroauto nach Polen. Als Sprecherin der Initiative „Climate Justice Now!“, einem Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen, kritisierte sie Politiker für ihr Nichtstun – und sorgte damit weltweit für Schlagzeilen.
In ihrer Rede sagte sie unter anderem: „Ihr seid nicht erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen. Sogar diese Bürde überlasst ihr uns Kindern. Aber mir ist es egal, ob ich beliebt bin. Ich will Klimagerechtigkeit und einen Planeten, auf dem wir leben können.“ Viele Menschen müssten leiden, um den Luxus weniger zu finanzieren. „Ihr sagt, ihr liebt eure Kinder über alles. Und trotzdem stehlt ihr ihnen ihre Zukunft, direkt vor ihren Augen.“
Mit ihrer Radikalität trifft Greta einen Nerv: Rund 82 000 Follower hat sie bei Twitter, auf Instagram sind es bald 100 000. Das „Time Magazine“ führt sie in der Liste der einflussreichsten Teenager 2018 auf. Tatsächlich nehmen sich viele ein Beispiel an ihr – und protestieren.
Sophia Salzberger (17), Leipzig: „An einem Donnerstagabend malte ich spontan zwei Plakate und schrieb viele Menschen an, dass am nächsten Tag eine Demo sei – 30 Leute kamen vorbei, danach besprachen wir uns weiter. Die Klimapolitik ist ein Witz.“
Karl Klingeberg (15), Berlin: „Als ich von den Freitagsprotesten hörte, wollte ich unbedingt mitmachen. Weil ich die erste Berliner Demo verpasst hatte, organisierte ich eine weitere.
Es ist unsere Zukunft – das verdrängen viele, sie begreifen es nicht.“
Nina Swoboda (15), Bad Segeberg: „Meine Mutter hat von Greta Thunberg gehört und mich animiert, auch freitags zu protestieren. So bin ich mit meinem Bruder morgens auf den Marktplatz statt zur Schule gegangen. Später kamen Freundinnen dazu.“
Linus Steinmetz (15), Göttingen: „Ich hatte immer das Gefühl, dass ich machtlos bin. Als ich von den Protesten hörte, war ich begeistert. Wir sind zwar noch jung und unerfahren, doch wenn wir auf die Straße gehen, können auch wir etwas bewegen.“
Patrick Vexler (16), Stuttgart: „Hier hat sich die Idee über Freundeskreise, Instagram, Facebook und verschiedene Chats von Jugendorganisationen verbreitet. Mit dem Protest will ich den Politikern zeigen: Wir wollen das nicht, was ihr macht.“
Miriam Eichelbaum (17), Potsdam: „Die Info über den ersten Streik wurde via Whatsapp verbreitet, unser Kommunikationsmedium. Ich organisiere unseren zweiten Streik am 18. Januar mit. Es geht um unsere Zukunft – die wird von der Politik einfach ignoriert.“
Das sind die Fridays-For-Future-Proteste in Deutschland
Unter dem Motto „Gemeinsam gegen den Klimawandel“ treffen sich freitags junge Menschen in ganz Deutschland vor Parlamenten und Rathäusern. Sie protestieren damit gegen die aktuelle Klimapolitik Deutschlands und Europas.
Das wollen sie so lange tun, bis die Politiker sich stärker für einen schnellen Kohleausstieg und die Umsetzung des 1,5-Grad-Ziels einsetzen. Die Inspiration für den ersten Klimaschulstreik am 26. November vor dem Ministerium für Wirtschaft und Energie in Berlin lieferte die Klimaaktivistin Greta Thunberg. 300 Jugendliche kamen.

Foto: Sophie Gnest
Die Idee wird durch ganz Deutschland getragen. Aus der Bewegung wurde das Netzwerk Fridays For Future, das mittlerweile mehr als 30 lokale Ableger hat. In allen Städten, in denen die Streiks stattfinden, organiseren sich die Jugendlichen über Whatsapp-Gruppen. Wer Teil der Bewegung werden will, kann über die Seite fridaysforfuture.de beitreten – oder dort nachschauen, wo und wann Proteste stattfinden. Der nächste bundesweite Streik ist am 18. Januar in mehr als 40 Städten geplant.
Wer freitags an den Protesten teilnimmt, schwänzt die Schule. Rechtlich ist dies offiziell nicht mit einer Entschuldigung der Eltern aufzufangen. Unentschuldigtes Fehlen kann auch auf dem Zeugnis vermerkt werden. Wer bei Klausuren fehlt, kann sogar mit ungenügend bewertet werden. Für die protestierenden Schülerinnen und Schüler ist das jedoch oft zweitrangig. Die Grüne Jugend in München sagt plakativ: „Uns macht der Klimawandel mehr Angst als Nachsitzen.“