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Trotz Beleidigungen und Blicken: Gordon (20) schminkt sich jeden Tag

Trotz Beleidigungen und Blicken: Gordon (20) schminkt sich jeden Tag
Foto: Samantha Franson

Mit 16 begann Gordon, sich zu schminken – und erntete damit jede Menge Argwohn. MADS hat mit dem 20-Jährigen über seine Leidenschaft gesprochen- und wie es ist, ein Mann zu sein, der auffälliges Make-up trägt.


Wenn Gordon durch die Stadt spaziert, zieht er viele Blicke auf sich. Freundliche, überraschte, skeptische – aber auch feindselige. Für viele Menschen ist das Aussehen des 20Jährigen ungewohnt: Lange, künstliche Wimpern schmücken die großen, blauen Augen, bunter Lidschatten verleiht seinem Blick etwas Katzenartiges und Rouge bedeckt die Wangen. Mit 16 hat Gordon beschlossen, sich zu schminken – und die vielen Blicke in Kauf zu nehmen.

„Ein laufendes Kunstwerk“

Das tut er auch heute, während wir einen seiner Lieblingsorte im Park besuchen. Kaum ein Augenpaar richtet sich nicht im Vorbeigehen auf ihn. Auszumachen scheint ihm das allerdings nichts. „Ich bin eben ein laufendes Kunstwerk“, sagt Gordon souverän, mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Doch bis zu diesem Mut, dieser Selbstüberzeugung war es ein langer Weg – und ein Kampf. Ein Kampf gegen Geschlechterstereotype, Verständnislosigkeit und Mobbing.

„Meine Schule hatte sich Toleranz als Motto gesetzt“, erzählt Gordon. „Von der habe ich aber nur wenig zu spüren zu bekommen.“ Nachdem er sich bereits mit 14 Jahren als homosexuell outete, starteten die fiesen Seitenhiebe, das Getuschel und die Lästereien in der Schule. Unterstützung von den Lehrern habe es keine gegeben. „Auch in meinem Dorf kennt man mich bis heute“, erzählt er. So wie Gordon das sagt, klingt das wenig positiv. Im Vergleich zum sonst eher konservativen Dorfleben, hebe er sich von der Norm ab – nicht nur mit seiner sexuellen Orientierung, sondern auch mit seiner Vorliebe für Make-up.

Ständige Beleidigungen

Männer mit Make-up Bei einer Freundin schminkte sich Gordon erstmals mit der bunten Farbe im Gesicht . Sein Vorbild: Marvyn Macnificent. Der Youtuber zeigt auf seinem Kanal, dass Make-up eben nicht nur etwas für Frauen ist. Und diese Ansicht vertreten immer mehr Menschen. Eine Million Abonnenten zählt Marvyns YoutubeKanal mittlerweile. Als Moderatorin Barbara Schöneberger medienwirksam verkündete, sie sei gegen Make-up bei Männern, reagierte Marvyn darauf mit einem Video. Sein wütendes Statement haben mehr als 700 000 Menschen gesehen. In Amerika haben sich mittlerweile Youtube-Größen wie James Charles, Jeffree Star oder Patrick Starr im Makeup-Business durchgesetzt.

Um Akzeptanz müssen Männer, die nicht dem gesellschaftlichen Ideal von Männlichkeit entsprechen, trotzdem noch häufig kämpfen. Gordon erlebt das alltäglich. „Erst letzte Woche bin ich auf der Straße wieder als Schwuchtel beleidigt worden“, erzählt er. Beleidigungen wie diese hört er immer wieder – vor allem von fremden Männern, die mit seinem Äußeren nicht zurechtkommen.

Und damit ist Gordon nicht alleine. Gerade die LGBTQ-Szene, also Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und queere Personen, ist immer wieder von Diskriminierung betroffen. 2018 wurden in Deutschland laut Polizeistatistik 351 Delikte gegen die sexuelle Orientierung polizeilich erfasst, darunter 97 Gewaltdelikte.

Doch Gordon lässt sich von seiner Liebe zum Schminken nicht abbringen. „In meinen Augen kennt Make-up kein Geschlecht“, sagt Gordon. „Make-up ist für mich einfach eine Art, Kreativität auszuleben. Wie andere Menschen Leinwände bemalen, bemale ich eben gerne Gesichter.“ Diese Leidenschaft hat der gelernte Kosmetiker zum Beruf gemacht. Er arbeitet für eine große Kosmetikkette – berät Kunden beim Kauf und schminkt sie.

Dadurch, dass Gordon für sein unübliches Hobby wenig Verständnis begegnet, zweifelte er sogar schon an seinem eigenen Geschlecht. „Ich habe mich gefragt, ob mit mir irgendetwas nicht stimmt“, sagt Gordon. „Kurz dachte ich so
gar, ich wäre vielleicht lieber eine Frau – dann wäre das mit dem Schminken eben leichter und normaler gewesen.“ Doch mit der Zeit verstand er, dass letztlich nur das konservative Verständnis der Geschlechter Grund für seine Unsicherheit war.

Auch wenn Gordon mittlerweile viel Selbstbewusstsein gesammelt hat – unsicher ist er manchmal trotzdem noch. „Viele Leute denken, ich wäre immer total überzeugt von mir selbst“, sagt Gordon. „Aber auch ich habe schwache Momente, in denen ich ins Grübeln komme, wenn Menschen mich wieder komisch von der Seite anschauen.“ Dabei helfen ihm dann vor allem Gespräche mit seinen Freunden – viele von ihnen sind selbst homosexuell oder präsentieren sich als Dragqueen. Sie kennen die verletzenden Reaktionen auf ihr Äußeres nur zu gut.

„Mit Aufklärung steigt Toleranz“ „Happy who I am“, steht in der Profilbeschreibung von Gordons Instagram-Acconut @itsgordyy – also „Glücklich, wer ich bin“. Damit mehr Menschen, die eben nicht den gängigen Geschlechterklischees entsprechen, mit sich selbst glücklich sein können, wünscht sich Gordon mehr Aufklärung. Darüber, wieso sich nun auch Männer schminken und weshalb das eben auch völlig okay ist. „Ich bin überzeugt, dass mit der Aufklärung auch die Toleranz steigt“, sagt Gordon. Und mit der Toleranz schwinden dann vielleicht auch die argwöhnischen Blicke.


Über den Autor/die Autorin:

Nina Hoffmann

Nina (23) studiert Soziologie und kennt somit alle Sprüche über eine Karriere als Taxifahrerin. Statt an ihren Fahrkünsten zu feilen, liest sie lieber Texte über Gender-Fragen und Emanzipation - oder noch besser: Die dazugehörigen Kommentare der Facebook-Nutzer/innen.

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