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Die Referendarin: Panik vor dem Kreuzverhör

Die Referendarin: Panik vor dem Kreuzverhör
Foto:  Amelie Rook/Unsplash.com

Helena (25) ist eine von rund 30.000 Lehramtsanwärtern in Deutschland. Was passiert eigentlich hinter der sagenumwobenen Lehrerzimmertür? Wie ist es, Schülerinnen und Schüler zu unterrichten, die nur ein paar Jahre jünger sind als man selbst? Und wie kommt Helena mit dem Druck klar? Davon erzählt sie – unter Pseudonym – in ihrer MADS-Kolumne: die Referendarin.


Mein Schreibtisch sieht aus, als wollte ich Bafög für ein ganzes Studentenheim beantragen. Aus der Bibliothek ausgeliehene Bücher liegen zwischen halb ausgefüllten Formularen, am Rand stapeln sich Deutschbücher verschiedener Verlage, und darüber sind noch einmal unzählige lose Blätter verteilt, auf denen ich wahllos Gedanken notiert habe. So sieht die Vorbereitung auf meinen Prüfungstag Mitte Dezember aus. 

Als Referendarin zeige ich in meinen beiden Fächern jeweils eine Unterrichtsstunde à 45 Minuten. Im Anschluss erkläre ich der Schulleitung und den drei Fachleitern, was gut lief und was ich hätte besser machen können, und stelle mich der Kritik und den Fragen. Das ist das gefürchtete Kreuzverhör. Abschließend geht es in eine einstündige mündliche Prüfung. Dieser eine Tag macht 50 Prozent der Abschlussnote aus. Deshalb schrauben Referendarinnen und Referendare wochenlang an mickrigen 90 Minuten Unterricht.

Ich lese und lese und lese. Texte, die ich vielleicht behandeln will, und jede Menge Literatur über diese Texte. Ich doktere stunden-, manchmal tagelang an einem Arbeitsauftrag herum. Ist der für Syna zu schwer? Welche Zusatzaufgabe kann ich Till geben, wenn er wieder zehn Minuten früher fertig ist? Welche sprachliche Hilfe braucht Zeinab, die erst seit zwei Monaten in Deutschland ist? Ich teste die Aufgabe an Freunden und Verwandten, lese ihre Ergebnisse – und schmeiße dann noch mal alles um, weil sie die Aufgabe anscheinend nicht verstanden haben. Ich hadere mit diesem komplizierten Text von Kafka. Ich bin kurz davor, auch ihn in die Tonne zu treten, weil Kafka vielleicht doch etwas anderes sagen will. Meint er wieder nur seinen Vater?

Die Prüfenden wollen drei Dinge sehen. Wie gut kenne ich die Klasse? Habe ich die Aufgaben an ihren Bedürfnissen ausgerichtet? Und vor allem: Wie flexibel kann ich reagieren, wenn etwas schiefläuft? Gerade der letzte Aspekt macht uns Referendarinnen und Referendaren wirklich Angst. Doch auch wenn wir den Unterricht komplett versemmeln, haben wir noch einen Joker: das Kreuzverhör. Wer schlechten Unterricht zeige, anschließend aber alles richtig reflektiere, könne auch noch „sehr gut“ bekommen, sagen unsere Fachleiter. Ich hoffe, dass das stimmt – aber auch, dass ich nicht in diese Lage kommen werde.

Von Helena Fischer


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Über den Autor/die Autorin:

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