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Die Jugend von damals: Drei Generationen berichten vom 16. Lebensjahr

Die Jugend von damals: Drei Generationen berichten vom 16. Lebensjahr
Foto: privat

Wer heutzutage 16 ist, kennt die Lyrics zu Taylor Swift und Billie Eilish, denkt bei Filmen zuerst an Netflix und checkt auf Instagram, wie man Parachute Pants am besten stylt. Aber wie war die Jugend in den Generationen davor – in 1963, 1995 und 2013? Wir haben nachgefragt.


Thomas erinnert sich an 1963: „Also ohne Parka ging man überhaupt nicht raus”

1963 war Deutschland noch in DDR und BRD geteilt. Letztere entwickelte sich wirtschaftlich stark, bis heute gilt die Zeit als sogenanntes Wirtschaftswunder. In der BRD war die Jugend erst mit 21 Jahren volljährig, Rauchen war aber schon ab 16 erlaubt. Der erste James Bond Film „007 jagt Dr. No” kam im Januar in die deutschen Kinos, der erste Film von Karl Mays Winnetou-Reihe verkaufte sich jedoch besser. Neben deutschen Filmen stand bei der breiten Masse der Bevölkerung auch deutsche Musik hoch im Kurs: „Junge, komm bald wieder” von Freddy Quinn war ein absoluter Hit. Aber auch eine britische Band, die zu einem internationalen Phänomen werden sollte, erlangte ihren Durchbruch: Die Beatles. Als kurz danach noch die Rolling Stones zu internationalem Erfolg kamen, bildeten sich zwei unversöhnliche Fan-Gruppen.

Thomas mit 17/18 Jahren

Thomas war 1963 16 Jahre alt. Für ihn war es eine unbeschwerte Zeit, die Clique nah, die Eltern fern: „Man wurde wirklich wenig kontrolliert. Es hieß immer, sei dann und dann zu Hause. Man hatte eine Junghans Armbanduhr zur Konfirmation bekommen und dann schaute man, dass man pünktlich war. Das war eigentlich das Wichtigste“.  Getroffen hat sich die Jugend in Kellerräumen, die die Teenager mit aussortierten Matratzen ausstaffierten, oder in den zahlreichen Rohbauten der Gegend. Dort wurden filterlose Reval und Gauloises geraucht, Dosenthunfisch geteilt und über Musik geredet: „Das war zweigeteilt, also die Blase, in der ich mich bewegt habe. Ein Mal waren es die Beatles-Fans, zu denen ich gehörte und dann gab’s die Rolling Stones, die etwas später kamen.“

Auch wichtig war Mobilität, besonders Autos. Jeder neue Pkw in der Nachbarschaft wurde bemerkt und besprochen. Als dann ein Vater der Jungs aus der Gruppe einen Mercedes Benz 180 anschaffte, konnten die Jugendlichen ohne Führerschein einer heimlichen, nächtlichen Spritztour nicht widerstehen: „Die Dieselmotoren waren irre laut, das nannte man früher Nageln. Wie ein Traktor. Wir haben das Auto aus dem Wendehammer rausgeschoben, weil wir nicht wollten, dass die ganze Siedlung aufwacht. Und am Ende der Straße hat sich einer reingesetzt, ihn gestartet und es war wirklich wie ein Panzer. Und dann sind wir davongefahren“. Tatsächlich schaffte es die Gruppe, den Wagen unbeschadet wieder nach Hause zu bringen, ohne sich erwischen zu lassen.

Das eigentliche Fortbewegungsmittel war jedoch das Fahrrad: „Ich habe mir ewig ein Fahrrad mit Torpedo-Dreigang gewünscht. Torpedo-Dreigang war damals der Hit. Es gab kein Rad mit mehr Gängen“. Zum Leidwesen des 16-Jährigen wurde es damals nur ein metallic-grünes Fahrrad der Marke Präsident, ohne die begehrte Schaltung. Zu allem Überfluss erfüllte sich einer der Jungen im Ort den absoluten Traum von allen – ein Moped. „Dieser Typ leistete sich zu unserem Entsetzen eine Kreidler Florette. Und der Höhepunkt war ein Fuchsschwanz, den er hinten an einem wippenden Metallstab hatte. Alle Frauen, oder Mädchen damals, waren natürlich tief beeindruckt. Wir standen da mit unseren blöden Fahrrädern und fanden das sehr, sehr demütigend“, erinnert sich Thomas.

Die Mädchen waren in seiner Gruppe immer mit dabei, „Abhängen war immer gemischt“ wie er sagt. Angenähert wurde sich eher vorsichtig: „Man schrieb sich kleine Zettel und da stand dann drauf: ‚Magst du mich? Ja, ein bisschen, nein‘. Das war wirklich sehr kindlich.“

Klamotten waren „längst nicht so wichtig“, wie heute. Es gab nur ein Muss: „Also ohne Parka ging man überhaupt nicht raus. Ganz und gar nicht“. Dazu trug man am besten eine Hose mit Schlag, oft selbst genäht von der Mutter: „Die wurden vorne aufgeschnitten, dann wurde ein Keil reingesetzt, sodass die sehr glockenförmig quasi – die mussten natürlich auch zu lang sein – über die Schuhe vielen.“

Die Jugend in 1995: Wie sah Danys Leben aus?

1995 war das sechste Jahr nach Mauerfall. Offiziell erwachsen waren Jugendliche nun schon mit 18 Jahren. Mobiltelefone waren noch kein Thema, Filme schaute man auf VHS-Kassetten und das Internet war erst wenige Jahre alt und entsprechend wenig verbreitet. Trotzdem waren in Deutschland internationale Filme, Musik und Markenklamotten bekannt und beliebt. Für den US-amerikanischen Filmriesen Walt Disney waren die 90er goldene Jahre. Viele der Disney-Filme, die heute als Klassiker gelten, kommen aus dieser Zeit: „Der König der Löwen”, „Aladdin”, „Pocahontas”. Neben elektronischer Musik wie Eurodance und Techno war auch Pop angesagt – bei Jugendlichen allen voran die britische Boygroup Take That.

Dany beim Mountainbiken mit Freunden 1995

„Eigentlich war es gut 16 zu sein, wahrscheinlich unbeschwerter als heutzutage“, erinnert sich Dany an seine Jugend. Die Eltern ließen ihn machen, Politik und Schule interessierten ihn nicht. Nachmittags war er beim Mountainbiken, im Freibad oder in der Eisdisco: „Bei mir waren hauptsächlich Filme, Freunde und Musik wichtig. Man hat natürlich die ganze Zeit versucht, irgendwelche Mädchen kennenzulernen. Ein Kumpel und ich hatten sogar ein Inserat beim Indigo-Magazin reingesetzt“.

An den Wochenenden schaute er mit Freunden Horrorfilme. Seine Eltern stellten dafür nicht nur ihr Wochenendhäuschen zur Verfügung, sie gingen für Filme mit zu hoher Altersbeschränkung auch für Dany in die Videothek: „Ich glaube, das ist eine andere Generation gewesen. Ich weiß auch von anderen Freunden, dass ihnen die Eltern diese Filme ausgeliehen haben. Mama hat vielleicht mal ‚Oh, das hört sich aber schrecklich an!‘ gesagt, aber sie hat es trotzdem gemacht“. Im Kino mussten die Teenager sich für Filme ab 16 ausweisen – dafür reichte jedoch eine Fahrkarte: „Du konntest zur Busgesellschaft gehen und denen für deinen Busausweis ein Alter sagen. Das hat da keiner nachgeprüft“.

Neben Action- und Horrorfilmen wurden ab 16 auch andere Dinge legal, die Dany weniger begeisterten: „Ich habe weder geraucht noch Bier getrunken, das heißt, ich bin auf Klassenfahrt auch nicht mit in die Kneipen gegangen. Ein bisschen war das ein Handicap, aber auch nicht schlimm“. Trotzdem löste sich sein Widerstand im Laufe des Jahres auf: „Meine Freunde waren 17, ich 16 und die kamen mit Kiff-Zeug an. Ich habe am Anfang noch gesagt, dass ich das nicht mitmache, weil ich noch dachte, dass das Junkie-Zeug ist. Irgendwann habe ich dann doch mitgemacht“.

Große Konzerte in der eignen Stadt hörten Dany und seine Freunde vom Parkplatz aus mit. Selbst, wenn ihm die Musik gar nicht gefiel: „Eigentlich hatten alle Bands zumindest einen Song, wo man sagen konnte, das ist der Grund für den Erfolg. Ich habe bei Bon Jovi keinen gefunden“. Er mochte Britpop wie Oasis oder Blur und elektronische Musik von The Prodigy: „Ich habe mich nicht nur für die Musik interessiert, ich habe die Zeitschriften dazu gelesen. Und natürlich noch Musik-Fernsehen ohne Ende geguckt, MTV und Viva2“.

1995 erschütterte Robbie Williams Ausstieg bei Take That die internationale Musikwelt – und das Leben der Jugend. Was für Dany die Geburt eines neuen Lieblingsmusikers war, war für andere eine Katastrophe: „Eine Referendarin kam zu uns in die Klasse und meinte: ‚Liebe Mädchen, möchtet ihr darüber reden?‘ Es gab sogar eine extra Hotline“.

Anziehsachen waren bestenfalls Markenklamotten von O’Neill, Quiksilver und Levi‘s und „meistens eine Nummer zu groß“. Sneaker trug man von Nike oder British Knights. Manche trugen Baggy Pants mit „so einer Kette an der Seite, wo das Portemonnaie dran war“. Tattoos verloren – nicht nur bei der Jugend – ihren schlechten Ruf: „Es war normal, sich ein Tattoo stechen zu lassen, ohne dass es voll asozial war. Man hat angefangen das cool zu finden. Und was auch angesagt war, war ein Augenbrauen-Piercing“.

Lara im Jahr 2013: „Stell‘ dir Mal vor, jemand wäre in Mom-Jeans zur Schule gekommen!“

Anfang der 2010er war die Jugend in Deutschland zwar schon online – aber noch nicht unbedingt mit dem Handy. Social-Media gewann jedoch schnell an Bedeutung und Einfluss. 2013 wurde es auf Instagram erstmalig möglich, Videos hochzuladen. Das Unternehmen stand damals in Konkurrenz mit der Kurzvideo-App Vine – Tiktok gab es noch nicht. Minderjährige durften nicht mehr Rauchen und junge Männer wurden nach der Schule nicht mehr zum Wehrdienst eingezogen. Musikalisch war EDM wichtig. DJs und Produzenten wie Robin Schulz, Avicii und David Guetta waren internationale Superstars. Der Song „Harlem Shake” von Filthy Frank und das dazugehörige Video inspirierten Flashmobs auf der ganzen Welt.

Die Kamera immer dabei, Handyfotos hatten schlechte Qualität: Lara und Luna mit 16 bei H&M

Wenn ich meine Freundin Lara auf 2013 anspreche, wird sich erst mal eine Runde geschämt. Passend eigentlich zu unserem damaligen Lebensgefühl, denn mit 16 haben wir „angefangen, das innere Kind zu verstecken“, wie Lara sagt. Sie nennt als Beispiel ihre Vorliebe für die Filme und Serien von Disney, die sie mit sechszehn nur noch heimlich schaute: „Nicht, weil ich’s nicht cool fand, sondern weil ich Angst hatte, dass andere es nicht cool finden.“ Pubertät und Jugend halt.

Wir wollten endlich erwachsen und unabhängig sein. Bezeichnend für diese Phase war Laras erster selbst bezahlter Konzertbesuch bei Macklemore & Ryan Lewis, von denen sie großer Fan war. Sie durfte zwar mit einer Freundin in der Bahn von Hannover nach Hamburg zum Konzert fahren, danach jedoch nicht wieder zurück – das war ihrem Vater zu spät für ihr Alter. Also fuhr dieser prompt selbst für einen Abend nach Hamburg, um seine Tochter nachts abzuholen. „Das war der Deal. Für mich war es voll die Selbstfindungsexperience. Ich bin jetzt alleine hier, ich bin groß, ich bin erwachsen“. Das Konzert fand an einer anderen Location statt, weshalb sie später als geplant ankam: „Ich war total verzweifelt, weil ich im zweiten Drittel der Halle stand und nicht im Ersten, wo ich eigentlich stehen wollte. Ich war ja obsessed mit Macklemore, ich war richtiger Fan“.

Musik und die dazugehörigen Videos war für die Jugend ohnehin wichtig: „Du hattest kein Spotify. Du hast gar nicht verstanden, wann die Musik rauskam. Jetzt weiß ich, Donnerstag um null Uhr wird mein Spotify Release Radar geupdated und dann ist mein Leben gut. Damals war es für mich Sonntag, Viva Top 100. Das war das gleiche Prinzip, nur gab es noch das Musikvideo dazu und wenn du dann ausgeschlafen hast, hast du immer so die letzten dreißig noch mitgekriegt.“ Auch online musste man sich auskennen. Ob sechssekündige Videos der App Vine, oder lustige Bilder von 9Gag – wir wollten alles sehen und verstehen, was online viral war. Unser englischer Wortschatz wuchs dadurch enorm. Wir hatten beide noch kein Smartphone und auch personalisierende Algorithmen gab es noch nicht. Dennoch kannten wir – dank Reposts auf Facebook und YouTube-Compilations – jedes populäre Kurzvideo und Bild. Man verbrachte zahlreiche Stunden am Laptop, um aktiv nach Content zu suchen, der einem gefiel.

An den Style von 2013 erinnert sich Lara gut, besonders an den Sitz der Hosen. „Knüppeleng, so eng wie’s ging“ berichtet sie und fügt fast entsetzt hinzu: „Stell‘ dir Mal vor, jemand wäre in Mom-Jeans zur Schule gekommen!“. Auch knallige Farben und Tube-Schals waren fester Bestandteil der Outfits der Jugend. Aber einen Trend konnten wir beide schon damals nicht verstehen: Leggings als Hosenersatz. Lara sagt: „Das lag vor allem an der Qualität. Man hatte so billige Leggings aus Baumwollstoff und sobald du dich gebückt hast, hat man alles gesehen. Das war wie nackt rumlaufen“. Das wäre uns beiden wohl heute noch peinlich.

@laura.simon8

Markiere eine Person die auch immer diese Jacke hatte 💅🏻🥹 | Insta: laurasimon8 💓 #fy #2000s #2000sthrowback #2000saesthetic #2000smusic #2000sfashion #bench #benchjacket

♬ Harlem Shake – Baauer
Ein typisches Teenie-Outfit 2013: gemusterte Leggings und Print-Shirt

Von Luna Gebauer


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