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Connor wurde nach dem Abi zum Alkoholiker: So schafft er es, trocken zu bleiben

Connor wurde nach dem Abi zum Alkoholiker: So schafft er es, trocken zu bleiben
Foto: Privat

Connor ist 29 und seit sieben Jahren trockener Alkoholiker. Obwohl er früh mit dem Trinken angefangen hat, ist das Problem lange niemandem aufgefallen. MADS hat er erzählt, wie er so weit abgerutscht ist, dass er irgendwann auf der Straße landete – und wie er es schließlich geschafft hat, sein Leben zu ändern.


Die Geschichte von Connor und dem Alkohol beginnt am Tag seiner Konfirmation mit einem Glas Wein, vermutlich wie bei vielen anderen auch. Sie endet sieben Jahre später mit einem Entzugsprogramm und einer stationären Langzeittherapie. Nicht alle Menschen, die früh anfangen zu trinken, werden wie Connor zum Alkoholiker. Auch bei ihm hätte es nicht so kommen müssen, sagt er heute. Er sei in einem „normalen“ Elternhaus aufgewachsen, sagt Connor, er habe Perspektiven gehabt doch letztlich komme es immer auf den einzelnen Menschen an.

Seit sieben Jahren hat der heute 29-Jährige keinen Tropfen Alkohol getrunken. Die Sucht verschwindet trotzdem nicht. „Eigentlich bleibt man Alkoholiker“, sagt er. „Und dann macht eben trocken oder nass den Unterschied.“ Connor hat es geschafft, trocken zu werden. Damit das so bleibt, muss er sich jeden Tag aufs Neue für das Leben entscheiden, das er sich in den vergangenen Jahren aufgebaut hat.

Der Weg zum Alkoholiker begann für Connor als Teenager

Seinen Weg zur Sucht beschreibt Connor als ein „Reinschlittern“. Auf das erste Glas Wein mit 14 folgt mit 15 ein langer Sommer, in dem das Trinken zum Exzess wird. Jedes Wochenende testet er mit seinen Schulfreunden seine Grenzen aus. „Freitagabend im Stadtpark, der Klassiker.“ Mit 16 entfernt sich Connor von dem Freundeskreis und trinkt auch allein. Der Alkohol wird für ihn ein Mittel zum Zweck: Um in das Klischee des Rotwein trinkenden Intellektuellen zu passen, aber auch gegen das Gefühl der Einsamkeit.

Als er volljährig ist, beendet Connor die Schule und geht für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) nach Mecklenburg. Mit seiner WG trinkt er dort fast jeden Abend. An die Geselligkeit ist der Alkoholkonsum jedoch nicht geknüpft. „Wenn die anderen mal früher ins Bett sind, habe ich mir alleine noch mein Pensum reingeholt.“

Connor weiß inzwischen, was ihn glücklich macht. Das hilft ihm, trocken zu bleiben.
Foto: Privat

Den zweiten Teil des FSJs absolviert Connor in Stuttgart. Dort passiert, was er „die erste Eskalation“ nennt. Nach der Arbeit führt sein Heimweg jeden Abend in eine Bar, zu Hause trinkt er weiter – und erscheint mit Restalkohol bei der Arbeit. „Da war mir unterbewusst schon klar, dass das nicht in Ordnung ist“, sagt Connor. Ändern kann er sein Verhalten da schon nicht mehr. Stattdessen entwickelt er Strategien, um seinen Alkoholismus zu verstecken. Wenn er sich nach Feierabend mit Kollegen trifft, trinkt er nie mehr als ein, zwei Bier. Wenn sich alle verabschiedet haben, zieht er alleine weiter.

Alkoholkonsum bei jungen Menschen

Rauschtrinken ist unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch immer weit verbreitet, wie ein Blick in den „Alkoholatlas 2022“ des Deutschen Krebsforschungszentrums zeigt. Fast ein Viertel der 16- und 17-Jährigen und mehr als 30 Prozent der 18- bis 25-Jährigen haben sich innerhalb der letzten 30 Tage einen Rausch angetrunken. Aber: Seit 2010 nimmt das Rauschtrinken bei Minderjährigen und jungen Erwachsenen tendenziell ab.

Ab dem Alter von 16 Jahren, ab dem Jugendliche Alkohol trinken dürfen, konsumieren mehr als 8 Prozent der Jugendlichen gesundheitlich riskante Mengen Alkohol. Bei den jungen Erwachsenen trinken fast 17 Prozent riskante Mengen. Von 2001 bis 2021 hat sich der riskante Alkoholkonsum bei den Jugendlichen etwa halbiert, bei den jungen Erwachsenen ist der Anteil der riskant Konsumierenden unter Männern gesunken, unter Frauen hingegen gestiegen.

Connor verlängert das FSJ und damit auch den Schwebezustand zwischen Schulabschluss und dem Start ins Erwachsenenleben. Warum trinkt dieser junge Mann, dem doch eigentlich die Welt offensteht? Vielleicht genau deshalb. Da sind die Langeweile und die Einsamkeit, die er immer wieder spürt, aber auch ein großer, grundsätzlicher Zweifel am eigenen Leben und dem, was er damit anstellen soll.

Im zweiten FSJ beginnt die körperliche Abhängigkeit. Er trinkt auch tagsüber so viel, dass sein Pegel nicht mehr sinkt, steigt von Bier und Wein auf Schnaps um. Er weiß, dass er alle Kriterien einer Alkoholsucht erfüllt, tut sie jedoch als Rock-’n‘-Roll-Lifestyle ab.

Alkohol als Schicksal: „Ich hab das einfach akzeptiert und weiter getrunken“

Nur ein Klinikaufenthalt kann Connor zu diesem Zeitpunkt noch helfen. Als das zweite FSJ vorbei ist, lässt sich Connor das erste Mal einweisen. Nach drei Wochen ist er nüchtern – aber die Gründe, aus denen er getrunken hat, sind immer noch da. Nach wenigen Wochen trinkt er wieder.

Connor kann nicht aufhören, seinen Konsum aber auch nicht mehr verheimlichen. Deswegen geht er nicht mehr zur Arbeit, zieht sich zurück, um zu trinken. Auf ihm habe ein großer Druck gelastet, erzählt er, die Situation habe sich ausweglos angefühlt. Sich Hilfe zu holen hätte bedeutet, den Rückfall vor seiner Familie zugeben zu müssen. Das scheint Connor unmöglich. Er trifft eine folgenschwere Entscheidung: Ohne Handy trampt er nach Spanien, sagt niemandem Bescheid. Was er dort machen will, weiß er nicht. „Hauptsache, mich der Verantwortung nicht stellen müssen.“

Foto: Thomas Picauly/Unsplash

In Spanien fehlt jede Form sozialer Kontrolle. Connor trinkt den billigsten Wein, den er im Supermarkt finden kann, lebt auf der Straße. „Ich hatte den niedrigsten Punkt erreicht, den ich hätte erreichen können.“ Dieses Leben schien sein Schicksal zu sein. „Ich hab das einfach akzeptiert und weitergetrunken.“

Wenn man an so etwas wie Schicksal glauben will, dann hatte es für Connor etwas anderes vorgesehen. Eine Touristin schenkt ihm ein Flugticket nach Deutschland – ungefragt. „Damit ich mein Leben in den Griff kriege.“ Warum er es annimmt, weiß er nicht mehr. Vielleicht hatte er noch einen Funken Hoffnung in sich, dass sein Leben ein anderes sein könnte. Vielleicht war es aber auch die Angst davor, den Winter ohne Dach über den Kopf zu verbringen.

Zurück in Deutschland beginnt Connor den zweiten Entzug, rund ein Jahr nach dem ersten. „Der zweite war noch beschissener als der erste“, sagt er. Heute weiß er, dass die Hälfte aller Menschen, die einen Alkoholentzug machen, wieder rückfällig wird. Deshalb meldet er sich für eine stationäre Langzeittherapie an. Vier Monate lang wird er in Gruppen- und Einzeltherapien auf das Leben danach vorbereitet. Und endlich geht es auch um Connors Innenleben, um das, was ihn hat immer weitertrinken lassen.

Alkoholismus: Über Probleme sprechen

Der wichtigste Schritt auf dem Weg aus der Sucht sei die Überwindung der Scham, meint Connor. „Du musst mit irgendjemandem darüber reden.“ Das könne ein Freund, die Familie, aber auch die Telefonseelsorge oder der Hausarzt sein. Wer glaubt, ein Problem mit Alkohol zu haben, dem rät Connor zunächst den Gang zur Suchtberatungsstelle. „Wie die Prophylaxe beim Zahnarzt, da gehst du auch einmal im Jahr hin.“

Wer es geschafft habe, das Problem anzugehen, brauche einen Grund, um trocken zu bleiben. Für ihn ist das seine Arbeit. Mit seinem Bruder führt Connor in Stuttgart ein Tattoostudio. Also ist er selbst dafür verantwortlich, dass er Arbeit hat. Diese Verantwortung tut ihm gut.

Schwierig wird es in Krisensituationen oder wenn Routinen fehlen. Deswegen muss sich Connor finanziell absichern, um nicht wieder in eine vermeintlich ausweglose Situation zu gelangen. Zudem sei er „extrem ordentlich“ geworden, „weil mir das Sicherheit gibt“, sagt er. Und eine weitere Regel gibt es in Connors Leben: Er kauft keinen Alkohol, hat keine alkoholischen Getränke zu Hause. Wer bei ihm zum Abendessen kommt und ein Bier trinken möchte, muss es sich selbst mitbringen. Dass um ihn herum getrunken wird, stört Connor aber nicht. „Es ist klar, dass Alkohol nicht aus der Welt ist, nur weil ich ein Problem habe.“

Das Problem sieht er aber nicht nur bei sich. „Wir haben ein fettes Problem mit Alkohol in Deutschland“, meint Connor. Er sei viel zu leicht und schon viel zu früh im Leben verfügbar. Erwachsene lebten Jugendlichen oft einen zu laxen Umgang mit Alkohol vor, ihr eigenes Trinkverhalten hinterfragten sie selten.

Connor wusste nicht, was er mit seinem Leben machen will. Diese Unsicherheit ließ ihn trinken. Sein Rat an alle, die sich genau so fühlen, ist simpel: „Man muss schauen, dass man selbst glücklich ist.“ Es komme nur auf die eigene Zufriedenheit an, dann sei man weniger gefährdet, in den Alkoholismus abzurutschen. Bei Connor hat das am Ende geklappt. Er möchte den Job ausüben, der ihn erfüllt deshalb bleibt er nüchtern.

Hier findest du Hilfe

Es könnte sein, dass dein Trinkverhalten nicht mehr gesund ist? Jemand in deinem Umfeld hat ein riskantes Verhältnis zu Alkohol? Bei „Kenn dein Limit“ findest du hilfreiche Informationen und Tipps zum richtigen Umgang mit Alkohol. Dort kannst du auch einen Selbsttest machen, der dir helfen kann, einen gefährlichen Umgang mit Alkohol zu erkennen. Bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen findest du ganz einfach eine Suchtberatungsstelle in deiner Nähe.

Von Franziska Wessel


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Über den Autor/die Autorin:

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