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Arbeitsplatz Kirche: Saskia Keitel erzählt, warum sie Pastorin werden will

Arbeitsplatz Kirche: Saskia Keitel erzählt, warum sie Pastorin werden will
Foto: Ilona Hottmann

Kirche ist nur etwas für alte Leute oder Strenggläubige? Das sieht Vikarin Saskia Keitel anders. Sie hat sich für das Pfarramt entschieden – obwohl sie früher selbst nicht regelmäßig zum Gottesdienst ging.


Wenn Saskia Keitel zur Arbeit geht, läuft sie über einen langen, roten Teppich, hindurch zwischen Reihen aus hölzernen Sitzbänken. Am Ende dieses Teppichs steht ein massiver Tisch, darauf zwei Blumensträuße. Es ist ein Altar. Davor steht Saskia Keitel, wenn sie sonntags eine Predigt in der Pauluskirche der Südstadtgemeinde in Hannover hält. Sie steht dort auch, wenn ein Paar heiratet, wenn ein Kind getauft wird, oder wenn jemand gestorben ist. Denn Saskia Keitel ist Vikarin, eine Pastorin in Ausbildung.

„Ich saß nicht regelmäßig Sonntag im Gottesdienst“

Mit ihrem Berufsziel folgt Keitel nicht gerade einem Trend. Die Kirchenmitgliedszahlen sind rückläufig, die evangelische Kirche hatte nach eigenen Angaben im Jahr 2020 rund 15 Prozent weniger Mitglieder als noch zehn Jahre zuvor. Auch Keitel konnte mit der Kirche lange wenig anfangen. „Ich bin schon kirchlich sozialisiert. Aber ich saß nicht regelmäßig Sonntag im Gottesdienst. Weil ich mit der Sprache nichts anfangen konnte“, erzählt Keitel. Kirche, so sagt sie, habe oft ein Darstellungsproblem; sie spreche nicht die Sprache der Menschen.

Lange bevor Keitel damit begann, über den roten Teppich der Südstadtgemeinde zu laufen, absolvierte sie bei der Continental AG ein Duales Studium, Business Administration. „Das hat eigentlich total Spaß gemacht“, sagt sie. Mit 21 Jahren hielt sie ihr Zeugnis in der Hand, danach arbeitete sie rund ein Jahr als Ausbildungsreferentin.

Saskia Keitel ist erst über Umwege zum Pfarramt gekommen. Foto: Ilona Hottmann

Schließlich entschied Keitel sich dazu, noch einmal neu anzufangen. Damals habe sie sich gesagt: „Ich bin 23, wenn ich etwas ausprobieren will, dann jetzt.“ So ging Keitel weg aus Hannover, nach Göttingen, wo sie ein Theologiestudium aufnahm. Denn manches ging ihr einfach nicht aus dem Kopf. „Mich haben die großen Fragen interessiert: Woran haben Menschen Freude, wovor haben sie Angst?“

Großer Spaß am Theologiestudium

Noch einmal zu studieren sei eine „super Entscheidung“ gewesen, sagt Keitel. „Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, ich hätte auch noch 20 Jahre weiterstudieren können.“ Das nimmt man Keitel sofort ab. Sie lacht, wenn sie von Details aus der Studienzeit schwärmt, wirkt auch jünger als die 30 Jahre, die sie alt ist. Am Studium habe ihr vor allem die Vielfalt gefallen, erzählt sie. Sie lernte die alten Fremdsprachen Latein, Griechisch und Hebräisch, las historische Texte, beschäftigte sich mit Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften. Die Wahl des Studienfachs war ein Glücksgriff. „Das hätte ich vorher gar nicht so erahnen können.“

In dieser Zeit begann Keitel, Gottesdienste zu besuchen. Uni-Gottesdienste etwa, und Andachten im Freien. „Ich habe mir Sachen gesucht, die ich interessant fand.“ Der Wunsch danach, ein Vikariat zu beginnen, ergab sich erst schleichend. „Ich habe tatsächlich studiert um des Studierens willen“, sagt Keitel.

Gemeindepraktikum gibt Einblick in das Pfarramt

Ein vierwöchiges Gemeindepraktikum gab Keitel einen Einblick in das Pfarramt. „Ich habe gemerkt, man kann auch ganz normal und gleichzeitig Pastorin sein“, erzählt sie. Ihr Mentor im Praktikum war Simon de Vries in Nordhorn. Jung, motiviert, modern – dieses Bild von sich zeigt der Pastor mit Beiträgen in den sozialen Netzwerken. Er ließ Keitel, so erzählt sie es, im Gottesdienst sprechen, nahm sie mit zu Familien, in denen gerade jemand gestorben war, zeigte ihr auf, dass man mit Jugendlichen oder mit Älteren arbeiten kann. „Ich habe gemerkt, wie viel Freiheit in diesem Beruf steckt“, sagt Keitel.

„Im Pfarrberuf hat man das volle Leben: von der Geburt bis zum Tod. Man begleitet die Menschen fast nie in Banalitäten, sondern man ist immer an extrem existenziellen und persönlichen Momenten dran“, erzählt Keitel. Deshalb müsse man wirklich gerne etwas mit Menschen machen wollen.

Auch Verwaltungsarbeit gehört dazu

Gleichzeitig gebe ihr der Beruf auch die Möglichkeit, ihre Freude am Schreiben auszuleben. Keitel schreibt, wenn sie eine Predigt vorbereitet oder wenn sie etwas für den Gemeindebrief verfasst. Zu ihrem Berufsalltag gehört es auch, E-Mails zu beantworten, an Ausschüssen teilzunehmen. Neuerdings betreut sie das ukrainische Wohnzimmer mit, ein Angebot für Geflüchtete. Regelmäßige Gespräche mit ihrer Mentorin über ihren Ausbildungsfortschritt gehören ebenfalls dazu. Und dann sind da noch Verwaltungstätigkeiten. Jahresabschlüsse, Rechnungen, Buchhaltung – „ich merke, dass meine BWL-Kenntnisse mir etwas bringen“, sagt Keitel.

Besonders herausfordernd sei es, Privates und Beruf voneinander abzugrenzen. Und auch die Tatsache, dass Pastorinnen und Pastoren offiziell eine Sieben-Tage-Woche haben. „Man muss da einen guten, resilienten Umgang finden“, sagt Keitel. In der Tat leiden im Pfarrberuf viele Menschen unter der Arbeitsbelastung. Die evangelische Kirche in Mitteldeutschland stellte 2020 fest, dass etwa jede achte Person im Beruf von Burnout betroffen ist.

Ihre Vorerfahrungen aus einem anderen Beruf helfen ihr auch jetzt im Vikariat, sagt Keitel. Ihr sei bewusst, dass die Kirche eben auch nur eines von vielen Angeboten sei. Und sie habe erkannt, dass Gottesdienste an die unterschiedlichen Zielgruppen angepasst werden müssen. Und so versucht sie, eben doch die Sprache der Menschen zu sprechen, die vor ihr auf den hölzernen Bänken in der Pauluskirche sitzen.

Von Thea Schmidt


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