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100 Jahre Waldorfschule: 27 Vorurteile über Waldorfschüler

100 Jahre Waldorfschule: 27 Vorurteile über Waldorfschüler
Foto: Clemens Heidrich

Am 7. September 1919 wurde in Stuttgart die erste Waldorfschule gegründet. Waldorfschüler? Das sind doch Hippies, die ihren Namen tanzen und nichts wichtiges lernen.

Wir haben 27 verbreitete Vorurteile gesammelt, und die beiden Ex-Waldorfschüler Tim Klein (Abi 2018) und Volker Wiedersheim (Abi 1985) sagen, ob sie zutreffen oder falsch sind.

1. Waldorfschüler können ihren Namen tanzen! ​Gut, klären wir das gleich am Anfang auf. Ja sie könn(t)en, denn es gibt in der Eurythmie Gesten für Buchstaben, mit denen ein Name Buchstabiert werden könnte. Übrigens auch für die Töne der Tonleitern. Aber Namen werden im Eurythmieunterricht nicht getanzt, eher Gedichte und Musik in Gesten dargestellt. „Euryth“ ist ein Pflicht- und für viele ein Hassfach, besonders für Pubertisten. Geschadet hat’s allerdings noch keinem. 

2. Alle Waldorfschüler stammen aus reichen Familien! ​Stimmt nicht ganz. Es gibt an Waldorfschulen Kinder reicher Eltern, und zwar gar nicht so wenige. Aber auch solche aus Hartz-IV-Familien. Und dann sind da noch die Kinder, deren Eltern Waldorflehrer sind – die sind definitiv nicht reich.

3. Waldorfschüler bekommen keine Noten! ​Stimmt nicht ganz. Das Waldorfzeugnis enthält eine schriftliche Beurteilung pro Fach, übrigens handschriftlich von den Lehrern verfasst. Später kommen Noten dazu, in einigen Waldorfschulen etwa ab der neunten Klasse. 

4. Waldorfschüler haben gar kein richtiges Abi! ​Doch. Es ist sogar anspruchsvoller. Weil Gartenbau, Handarbeiten, Kunst und Musik bis zur zwölften Klasse ordentlich Raum auf dem Lehrplan haben, muss in der 13. Klasse (G8 hat die Waldorfschule nicht mitgemacht) deutlich mehr Gas gegeben werden. Mehr Prüfungsfächer in kürzerer Zeit – ergo größere Leistung.

Berit und Johann sitzen draußen auf einer Bank und lernen gemeinsam.
Kein Abi? Von wegen! Berit und Johann büffeln für die Prüfungen. Foto: Clemens Heidrich

5. Waldorfschüler haben keine Hausaufgaben auf! ​Aber hallo, haben sie die. Und zwar nicht zu wenig. 

6. „Waldis“ haben in der Schule keine Computer! ​Stimmt (weitgehend). Von versprengten Computer-AGs abgesehen, kommen sie im Unterricht nicht vor (Ausnahme: Taschenrechner). Wird spannend, wie lange sich die Waldorfschule noch der unausweichlichen Digitalisierung aller Lebensbereiche entziehen kann.

7. Jeder Waldorfschüler spielt ein Instrument! ​Stimmt. Es gab Zeiten (am Maschsee), da mussten Nicht-Instrumentalisten im Chor singen. Aber: Keiner ist unmusikbar.

8. Die machen doch nur Unterricht im Baumhaus! ​Lustig … aber, nee. Es gibt Klassenräume, aber zum Beispiel auch Gartenbauunterricht im Freien, im Schulgarten. Aber nicht auf Bäumen. 

9. Waldorfschüler dürfen keine Kugelschreiber und keine Tintenkiller benutzen! ​Stimmt. Zumindest bis zur neunten, zehnten Klasse gilt: Kuli ist böse, Wachskreiden, Holzbuntstifte und der Füller sind deine Freunde. Später weicht das auf.

Lara darf alle Stifte benutzen, jüngere Schüler sollen nicht mit Tintenkiller oder Kulis schreiben. Foto: Clemens Heidrich

10. Waldorfschüler bleiben 13 Jahre in der gleichen Klasse! ​Ja. Und zwar bis zur zwölften Klasse. Nur die Klassenräume werden gewechselt, denn zu jedem Jahrgang gehört eine eigene Farbe. Im Prinzip ist es egal, ob das Ziel Haupt-, Realschulabschluss oder Abitur ist (Gruß an die IGS!). Die Klassengemeinschaft spielt eine sehr große Rolle.

11. Waldorfschüler nähen im Handarbeitsunterricht Puppen oder Gesichter! ​Ja, das war zumindest früher so. Warum? Keiner fragte, es blieb offen.

12. In der Waldorfschule ist Fußball verboten! ​Stimmt halb. Früher war das grundsätzlich so. Heimliches Kicken hatte beinahe den Rang einer Todsünde. Wer erwischt wurde, musste die Schulordnung abschreiben (handschriftlich, zwei Seiten). Inzwischen wird die Regel für Oberstufenschüler gelockert. Die Begründung kommt teils aus den esoterischen Tiefen des Weltbildes von Schulgründer Rudolf Steiner, der Anthroposophie. Kurzfassung: Fuß ist i-bäh, Hand ist toll. Der Ball symbolisiert den Kopf oder Mutter Erde oder so, und dagegen tritt man nicht. Handball, Volleyball, Basketball findet die Schule toll.

13. Waldorfschüler dürfen nicht fernsehen! ​Stimmt. Früher war das zwar keine festgeschriebene Regel, aber eine leidenschaftliche Empfehlung mit Verbotscharakter. Und der maßvolle Verstoß dagegen Alltagspraxis. 

Handyverbot? In der Schule am Maschsee dürfen Luis und Romeo ihre Handys im Handykreis benutzen. Foto: Clemens Heidrich

14. Waldorfschüler feiern den Geburtstag von Rudolf Steiner! ​Nein.

15. Eltern von Waldorfschülern müssen Anthroposophen (sprich: Steiner-Jünger) sein! ​Nein. 

16. Waldorfschüler lernen Anthroposophie, die Steiner-Lehren! ​Falsch. Die Schule lehrt nicht Steiner, sondern nach Steiner. Der Unterschied ist gewaltig (und Steiners Werk mächtig schwer verständlich).

17. Alle Waldorfschüler lernen Landvermessung („Feldmessepoche“)! ​Ja. Warum gerade das? Keine Ahnung. Hat aber Spaß gemacht.

18. Alle Waldorfschüler sind Hippies! ​Nein, nicht alle. Aber es gibt sicher mehr als anderswo.

19. Alle Waldorfschüler essen bio! ​Ja, schon. In den Schulküchen gab’s Demeter Jahrezehnte vor den Supermärkten. 

20. Alle Waldorfschüler gehen zu „Fridays for Future“-Demos und wählen grün! ​Ja und ja. Jedenfalls fast alle.

21. Waldorfschüler sind verwöhnt und aufmüpfig, können sich nicht an Regeln halten und haben ein Problem mit Autoritäten! ​So ist das etwas weit gegriffen. Aber es stimmt ein Stück weit. Die Schule zieht Menschen aus alternativen Milieus an, und da haben sie es nicht so mit Autoritäten. Sie erzieht nicht zum Ungehorsam, aber zur Kritik und Kritikfähigkeit. 

22. Waldorfschüler leben in ihrer eigenen Welt, sind naiv oder Esoteriker! ​Ja, das trifft sicher auf einige zu. Es gibt zu Hause bei den Waldorffamilien schon mehr Himalaja-Salzlampen als anderswo.

23. Die lernen viel Abseitiges, werden aber aufs Leben nur mangelhaft vorbereitet! ​Handarbeiten, Gartenbau, Feldmessen … An dem Vorurteil ist schon was dran. Andererseits: Den Vorwurf erheben Eltern aller Schulformen. Waldorfschüler üben intensiv, frei vor anderen zu sprechen (Referate, Zeugnissprüche). Das hilft später mindestens bei Referaten an der Uni.

24. Waldorfschüler landen alle in sozialen oder künstlerischen Berufen! ​Natürlich nicht. Aber wer entsprechende Talente hat, wird auf der Waldorfschule eher als auf anderen  Schulen zu deren Entwicklung ermuntert und gefördert.

25. Waldorfschüler schicken ihre Kinder später immer auf die Waldorfschule! ​Ja, viele, aber nicht alle.

26. Waldorfschüler verheimlichen vor Freunden, dass sie Waldorfschüler sind! ​Ja, es gibt Situationen, in denen das peinlich ist. Aber das gibt sich.

27. An der Waldorfschule kiffen alle! ​An welcher Schule kiffen Schüler nicht?

Ach, sieh an: Auch alle Waldorfschüler

Also, was jetzt: Sind Waldorfschüler verhuschte Bio-Eigenbrötlicher oder doch eher Karrieremonster? Gibt wohl beides. Hier eine Liste von Leuten, von denen du garantiert nicht wusstest, dass sie auf der Waldorfschule waren.

Heiner Lauterbach, Wotan Wilke Möhring, Jennifer Aniston, Sandra Bullock, Karoline Herfurth (alle Schauspieler), Barbara Becker (Ex-Frau von Boris Becker), Zoe Isabella Kravitz (Sängerin, Model, Tochter von Lenny Kravitz und Lisa Bonet), Michael Ende (Autor), Thomas Südhof (Mediziner, Nobelpreisgewinner 2013, war auf der Waldorfschule am Maschsee, ein Bruder wurde Eurythmielehrer), Ulrich Rothermund (Manager im Porno-Geschäft, Sohn von Beate Uhse), Robin van Persie (Fußball-Profi, Niederländer), Siegfried Dietrich („Spiritus Rector des deutschen Fund europäischen Frauenfußballs), Götz E. Rehn (Alnatura-Gründer und -Chef), Boris Palmer (Bürgermeister von Tübingen, der Grüne, der die Grünen auf die Palme bringt), Ise Bosch (Stifterin, unter anderem Pecunia – das Erbinnen-Netzwerk, Enkelin von Bosch-Gründer Robert Bosch), Karl-Otto Pöhl (früherer Bundesbank-Direktor), Jens Stoltenberg (NATO-Generalsekretär), Andreas Schleicher (Chef-Koordinator der Pisa-Studien)

Von Tim Klein und Volker Wiedersheim


Das ist alles anders auf einer Waldorfschule

Der Publizist Rudolf Steiner ist der Gründer der Waldordschule. Er war der Aufassung, dass es das wichtigste sei, das junge Menschen sich in dem weiterentwickeln in dem sie gut sind, und dass ihre Veranlagungen gefördert werden. Um 1920 plädierte er deshalb für eine alternative Pädagogik

Unter anderem ging er davon aus, dass die Seelenfähigkeit des Menschen in „Denken, Fühlen und Wollen“ aufgeteilt ist. Geist, Seele und Leib müssen demnach gleichberechtigt erzogen werden. So kommt es, dass neben Regelfächern, wie Deutsch, Mathe oder Englisch, auch Gartenbau, Kunstbetrachtung und handwerkliche Fächer auf dem Stundenplan stehen.

Intellektuelle, kreative, künstlerische, praktische und soziale Fähigkeiten stehen auf einer Ebene und sollen gleichmaßen gefördert werden. So fangen die „Waldis“ schon ab dem ersten Schuljahr an, zwei Fremdsprachen zu lernen. Sie haben Handarbeits- und Werkunterricht, studieren Theaterstücke ein, und auch Gartenbau und Eurythmie sind Bestandteil des Lehrplans. 

Auch der restliche Stundenplan unterscheidet sich von dem an staatlichen Schule. In Fächern wie Deutsch und Mathe werden Themen über einen Zeitraum behandelt aber verschwinden danach für eine Weile vom Stundenplan. Später werden sie wieder aufgegriffen. Das nennt sich Epochenunterricht.

Noch ein Unterschied: Das auch an Regelschulen umstrittene Sitzenbleiben ist an Waldorfschulen grundsätzlich nicht denkbar. Haupt- und Realschulabschlüsse sowie das Abi sind möglich.

Waldorfschulen werden als Ersatzschulen zu staatlichen Einrichtungen anerkannt und je nach Bundesland unterstützt. Die Eltern bezahlen den Beitrag zum Teil aus eigener Tasche. Im bundesweiten Durchschnitt liegt das Schulgeld bei rund 200 Euro im Monat, jedoch gibt es große Unterschiede von Schule zu Schule.

Von Insa Merkel


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