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Warum Mai Thi Nguyen-Kim Chemie liebt

Warum Mai Thi Nguyen-Kim Chemie liebt
Foto:  Thomas Duffé

Mai Thi Nguyen-Kim sieht die Welt in Molekülen. Von der erzählt sie bei Youtube – und nun auch in ihrem Buch „Komisch, alles chemisch“. Ein Gespräch über Zahnpasta und langweilige Schulstunden.


Mai, dein Buch trägt den Untertitel „Handys, Kaffee, Emotionen – wie man mit Chemie wirklich alles erklären kann“. Die ganze Welt, nur mit Chemie? 

Ich sehe die Grenzen zwischen den Naturwissenschaften nicht so eng. Chemie überlappt sich stark mit Physik und Biologie. Und mit Naturwissenschaften allgemein kann man wirklich fast alles erklären. Außer vielleicht das Geheimnis einer guten Ehe. 

Wie reagierst du zum Beispiel, wenn dir eine Freundin stolz von ihrem neuen Gesichtswasser „ohne Chemie“ erzählt? 

„Ohne Chemie“ ergibt für mich keinen Sinn. Es gibt gar keine nicht-chemischen Stoffe auf der Welt: Alles besteht aus Molekülen und Atomen. Die Leute meinen damit etwas Natürliches, nichts Künstliches aus dem Labor. Das ist das nächste Missverständnis: Etwas aus dem Labor ist nicht automatisch giftig oder böse. Und etwas aus der Natur ist nicht automatisch gesund. Man kann im Labor biologisch abbaubares Plastik und lebenswichtige Medikamente herstellen. Die Natur ist auch nur eine Chemikerin: Sie kann lebenswichtige und tödliche Stoffe produzieren. Die Leute können nichts für ihre Vorstellung, sie werden einfach schlecht informiert. Ich versuche, das zu ändern. 

„Chemie ist der Schlüssel 
zu einer verborgenen Welt“

Wenn über Chemie in den Medien berichtet wird, sind es meist negative Schlagzeilen. 

Im Radio kam neulich die Meldung, dass die Bewohner um Heidelberg ihre Fenster geschlossen halten sollen. Die Begründung: „In einer Chemiefabrik hat es eine chemische Reaktion gegeben.“ Jeder assoziiert damit einen Unfall. Es ist typisch, dass nicht erwähnt wird, was für eine chemische Reaktion das war – oder ob sie ungewollt war. Dabei passieren ständig und überall chemische Reaktionen. Man traut den Menschen nicht mehr Chemie zu. Strukturformel  

So sieht die Strukturformel des Hormons Oxytocin aus.
Illustration: Claire Lenkova

Dabei kann Wissen über alltägliche Chemie von Vorteil sein, behauptest du in deinem Buch. 

Auf jeden Fall. Wer mehr weiß, wird auch seltener verarscht. Es hilft, sich mit Chemie auszukennen, denn unser Leben ist voll davon. Das fängt schon bei der Zahnpasta an: Wer weiß, was Fluorid in der Zahnpasta sucht, kauft bestimmt keine Marke, die mit Kariesschutz ohne Fluoride wirbt. 

Warum? 

Fluoride sind aus gutem Grund in der Zahnpasta: Zucker wird von Bakterien in unserem Mund in Säure umgewandelt. Da unser Zahnschmelz nicht säurebeständig ist, löst er sich dann auf – so entstehen Löcher. Fluorid-Ionen in der Zahnpasta verwandeln den Zahnschmelz in ein säurebeständiges Material. In kleinen Mengen ist Fluorid unbedenklich und ein wichtiger Anti-Kariesschutz. Die Medien beeinflussen dabei natürlich auch unsere Wahrnehmung: Eine Meldung, dass zu viel Fluorid schädlich für Ungeborene ist – und schon sind viele verunsichert. Die Unwissenheit der Leute spielt geschicktem Marketing in die Hände. 

Liegt dieses Unwissen auch am Chemieunterricht in der Schule? 

Das liegt total bei den Lehrern: Jeder Chemiestudent hatte diese eine Lehrkraft, die ihn dazu inspiriert hat, Chemie zu studieren. Wenn man langweiligen Unterricht hat, kommt man vielleicht nie auf den Trichter. Die Schule prägt die Einstellung zur Chemie sehr. 

Zur Person: Die 31-jährige Mai Thi Nguyen-Kim ​will „Wissenschaft wie eine Seuche verbreiten“ – eine Seuche, die Spaß macht, wohlgemerkt. Schon während ihres Chemiestudiums in Mainz und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) stand Mai bei Science-Slams auf der Bühne und erklärte Komplexes in drei Minuten. Sie promovierte an der Harvard University und am Fraunhofer Institut für Angewandte Polymerforschung in Potsdam – und startete nebenbei ihren Youtube-Kanal The Secret Life of Scientists.

Den gibt es zwar noch immer, mehr Energie steckt Mai jedoch in ein neueres, bereits mit dem Grimme Online Award prämiertes Youtube-Projekt: Für funk, das Onlinejugendangebot von ARD und ZDF, steht sie im „maiLab“ vor der Kamera. 2018 erhielt sie als erste Youtuberin den Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus. Außerdem moderiert sie die Wissenssendung „Quarks“ im WDR. Um noch mehr Menschen für Chemie zu begeistern, hat Mai Alltagsphänomene und Vorurteile nun auch witzig aufgeschrieben: Ihr erstes Buch „Komisch, alles chemisch!“ ist soeben bei Droemer Knaur erschienen. Es kostet 17 Euro. 

Und wie kamst du darauf, Chemie zu studieren? 

Inspiriert hat mich vor allem mein Papa – der ist auch Chemiker. Er hat mir diesen Alltagsbezug von Anfang an veranschaulicht: Beim Einkauf in der Drogerie hat er mir manchmal ein Shampoo gezeigt und gesagt: „Diesen Inhaltsstoff haben wir entwickelt.“ Ich fand das faszinierend, Dinge im Alltag, über die man weiter nicht nachdenkt, zu hinterfragen. 

Was würdest du deinen Schülern als Chemielehrerin als Erstes beibringen? 

Ich würde mit dem Grundgedanken beginnen, dass alles auf dieser Welt aus Molekülen besteht. Man kann klein anfangen: Temperatur ist nichts anderes als die Bewegung von Teilchen. Der Kaffee in meiner Tasse ist heiß, weil sich die kleinen Teilchen darin ganz schnell bewegen. Jeder weiß, dass ein heißes Getränk irgendwann abkühlt – aber warum eigentlich? Dahinter liegt diese andere Welt – und durch die Chemie bekommt man einen Zugang zu ihr. Das Leben in Molekülen zu sehen ist der Kern der Chemie. 

Auf deinem Youtube-Kanal The Secret Life of Scientists versuchst du seit gut drei Jahren, die Menschen für Chemie zu begeistern – klappt das? 

Ja, sogar viel besser, als ich es mir erhofft hatte. Manche schreiben unter meine Youtube-Videos, dass ich sie dazu inspiriert habe, ein Studium oder eine Ausbildung anzufangen – voll abgefahren! Für mich ist das auch eine Bestätigung, dass ich kein Freak bin. Leute, die ich erreiche, sehen es wie ich: Chemie ist verdammt cool. 

Ein Atommodell.
Illustration: Claire Lenkova

… und „wunderschön“, wie du in deinem Buch schreibst. 

Es ist eine Schönheit, die man erst mit der Zeit erkennt. Chemie ist der Schlüssel zu einer verborgenen Welt. Dort sieht es etwa so aus: Ich bestehe aus Molekülen, die Luft um mich herum besteht aus Molekülen und in mir passieren gerade ganz viele chemische Reaktionen. 

Warum ist es dir wichtig, anderen Leuten Zugang zu dieser „verborgenen Welt“ zu verschaffen? 

Erstens, weil man so viel verpasst, wenn man diese Welt nicht kennt. Zweitens ist es ein wichtiges Allgemeinwissen: Du erfährst nicht nur, wie etwas funktioniert – sondern auch, warum wir das wissen. Die Chemie lehrt dich, sachlich, kritisch und offen für Neues zu sein. Und das hilft dir überall im Leben weiter.

Interview: Emilia Encke/MADS

Über den Autor/die Autorin:

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