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Rostocker Wissenschaftler gibt Tipps für Umgang mit Kindern in Corona-Zeiten

Rostocker Wissenschaftler gibt Tipps für Umgang mit Kindern in Corona-Zeiten
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Bastian Schwennigcke ist Historiker und Kommunikationswissenschaftler an der Uni Rostock. Der 38-Jährige forscht am Institut für Erziehungswissenschaften unter anderem zum Kinderschutz. Im OZ-Gespräch sagt der Hansestädter, wie wir in der momentan angespannten Corona-Situation gut mit unseren Kindern umgehen und was bei Konflikten in der Familie helfen kann.

Worüber lachen Sie heute?

Bei uns gibt es ein abendliches Ritual. Nach dem Abendbrot schalte ich Musik ein und wir tanzen zusammen in der Küche, meine beiden kleinen Kinder, meine Frau und ich. Dabei lachen wir viel und ich habe das Gefühl, man schüttelt sich dabei auch ein paar Sorgen und Nöte des Alltags aus den Kleidern.

Die Situation ist nicht einfach: Zurzeit gehen die Schüler mindestens einmal pro Woche in die Schule, zu Hause ist dann wieder Homeschooling angesagt. Auch viele Kindergarten-Kinder müssen noch zu Hause betreut werden. Das ist doch Mist – oder?

Ich weiß, was Sie meinen. Ich selbst habe eine zweijährige Tochter und einen siebenjährigen Erstklässler. Einfach ist die derzeitige Lage nicht, für niemanden, nicht für Eltern, Pädagogen und auch nicht für Kinder.

Wie kommen wir da alle heil durch?

Es ist eine Binsen-Weisheit: Familien brauchen einen festen Rhythmus. Auch wenn das gerade jetzt mehr als schwierig ist, erst recht, wenn in den Familien durch Homeoffice, Homeschooling und Betreuung der Kleinsten viel parallel läuft. Die Teillösungen bei Beschulung und Kindergarten können da nur ein Zwischenschritt sein.

Und der Rhythmus gibt auch Kindern Halt?

Selbstverständlich. Aber angesichts der Herausforderungen in diesen Tagen ist es genauso wichtig, nicht zu perfekt sein zu wollen. Denn das schafft zusätzlichen Stress. Wenn zum Beispiel die Aufgaben für die Schule nicht bis zum Ende bewältigt werden, sollte man das Lernen nicht so sehr ausdehnen, so dass für anderes kein Raum mehr bleibt. Eltern müssen als Laienlehrer fungieren, nebenbei arbeiten gehen oder im Homeoffice sitzen, Kleinkinder beschäftigen, größere Kinder besänftigen, Mittagessen kochen – da ist es schwer, die Tage zu entzerren. Ein gewisser Rhythmus hilft, eine feste, sich wiederholende Einteilung der Zeit zu erreichen. Helfen kann ebenso, auch die kleinen Erfolge zu feiern.

Es gibt in Familien auch Nervereien, unter anderem weil Kinder nur wenige soziale Kontakte in den vergangenen zwei Monaten hatten. Wie löst man solche Momente auf?

Man kann sich vielleicht einen kleinen Werkzeugkoffer packen, für mich sind da auf jeden Fall diese vier Helfer drin: scheitern dürfen, Nachsicht üben, miteinander reden, Freiräume schaffen. Scheitern gehört immer dazu. Konflikte und Frust sollten wir nicht einfach ausblenden. Von daher ist es völlig okay, wenn es im Alltag rumpelt. Nachsicht hilft, sich und anderen Fehler, aber auch das Anderssein zuzugestehen. Menschen finden unterschiedliche Wege, mit der aktuellen Situation umzugehen, das passt auch in einer Familie nicht immer zusammen. Reden hilft gerade dann, wenn nach einem Gewitter wieder Ruhe eingezogen ist, dann kann man einander zeigen, dass man überfordert war, keine gute Lösungen mehr gefunden hat. Auch Kinder finden es toll, wenn Erwachsene Fehler eingestehen. Und es kann so etwas wie Augenhöhe zwischen den Familienmitgliedern entstehen. Freiräume sind gerade jetzt noch wichtiger denn je. Rückzugsorte und Zeiten ohne Verpflichtungen sind wichtig, um Abstand zu gewinnen. Manchem hilft ein gutes Buch, anderen Sport oder der regelmäßige Spaziergang und vieles mehr.

Und das reicht aus?

Na ja, das sind ja schon einmal eine ganze Menge Punkte, die im Alltag gar nicht so leicht umzusetzen sind, die ich jedenfalls immer wieder einüben muss. Es hilft darüber hinaus, sich nahen Netzwerken anzuvertrauen, anderen Eltern, Freunden oder Bekannten. Schnell wird man spüren, dass man nicht allein mit den derzeitigen Problemen dasteht und es anderen ähnlich ergeht. So kann man sich gegenseitig Mut machen. Nur meckern bringt uns ja nicht weiter – jeder erlebt jetzt Momente der Überforderung. Auf der anderen Seite sollte man auf den Sozialraum schauen: Wie geht es Nachbarn und Familien, braucht jemand Unterstützung, wem geht’s schlecht? Auch Elternvertretungen in Schulen und Kitas können eine Hilfe sein.

Lehrer fahren ebenso unter Volllast.

Natürlich. Ich weiß das, weil meine Frau Lehrerin ist und wir zwei kleine Kinder haben. Das ist unglaublich, was Lehrer, aber auch Kita-Pädagogen in dieser Phase leisten. Das Härteste für Lehrer ist, dass sie ihre Schüler lange nicht sehen konnten und jetzt nur kurz. Dadurch wissen sie nicht genau, wie es um den Nachwuchs bestellt ist, vereinzelt driften Kinder, wenn deren Eltern nicht auf E-Mails und anderes reagieren, ins Off ab. Nun sehen Lehrer ihre Schüler wenigstens für ein paar Stunden in der Woche, das ist gut, aber zu wenig. Hinzu kommt die unvollkommene digitale Infrastruktur, es fehlt an digitalen Ressourcen, wie Software-Lizenzen, Diensthandys, leistungsstarken Rechnern oder belastbaren Internetverbindungen.

Lehrer mit eigenen kleinen Kindern kommen oft nur sehr früh oder abends und nachts zum Arbeiten, weil der Nachwuchs tagsüber den Bedarf an Aufmerksamkeit einfordert. Lehrer können also gut nachempfinden, wie sich andere Eltern fühlen, die auf dem sprichwörtlichen Zahnfleisch gehen.

Müssten jetzt Kitas und Schulen sofort öffnen?

Ich möchte das nicht entscheiden. Fakt ist aber, dass es mehr als Mutter und Vater braucht, um für ein Kind zu sorgen. Kinder brauchen zusätzlich Freunde und andere Erwachsene, einfach mehrere Horizonte, um sich zu entwickeln. Und nachdenklich stimmt mich, dass gerade die Kleinsten, also die Grundschüler und die Krippen- und Kindergartenkinder erst so spät in die Pläne zur stufenweisen Öffnung von Einrichtungen einbezogen wurden. Andere Länder gehen genau den umgekehrten Weg und haben so gerade Familien mit kleinen Kindern frühzeitig entlastet.

Womit plagen sich Eltern derzeit am meisten?

Mit den Unsicherheiten auf allen Gebieten, zum Beispiel: Darf mein Kind in die Notbetreuung, was sagt mein Arbeitgeber, reichen die Finanzen für die kommenden Wochen, schafft mein Kind überhaupt seine Schulaufgaben, sollte ich vielleicht mal mit dem Klassenlehrer telefonieren, wie geht es den Großeltern, wann geht der reguläre Betrieb wieder los?

Halten Sie selbst noch gut durch?

Eine gute Frage. Die Belastungen wiegen von Woche zu Woche schwerer, das können sicher viele Familien bestätigen. Jede Entlastung hilft da schon. Aber ich glaube, wir müssen alle gemeinsam noch besser aufpassen, dass wir gerade denen, die sich vor den negativen Auswirkungen der Ausnahmesituation am schlechtesten schützen können, gerecht werden. Und da ist besonders bei den Kindern noch ordentlich Luft nach oben. Kinder haben aus gutem Grund verbriefte Rechte auf Schutz, Entwicklung und Bildung und es braucht die gesamte Gesellschaft, damit die Kinder auch zu ihrem Recht kommen, unter anderem zugängliche und arbeitsfähige Bildungseinrichtungen.

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Von Klaus Amberger

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