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Warum es ignorant ist, von „Rückkehr zur Normalität“ zu sprechen

Warum es ignorant ist, von „Rückkehr zur Normalität“ zu sprechen
Foto: Unsplash/ @Ryoji Iwata

Biergärten, Restaurants und manche Bürogebäude öffnen nun wieder – das als „Rückkehr zur Normalität“ zu bezeichnen, ist ignorant und respektlos gegenüber weniger gut situierten Menschen, findet MADS-Autorin Jacky.


Normalität hat viele Gesichter – dem sollten wir uns bewusst sein, findet Autorin Jacky.

Restaurants und Biergärten öffnen wieder, Bürogebäude füllen sich langsam, auch Shoppen ist wieder möglich – und zwar nicht nur im Supermarkt. Was in Politik und Medien nun plakativ für die Rückkehr zur Normalität steht, vermittelt ein selektiertes, ja sogar ziemlich ignorantes Bild. Denn routinemäßige Restaurantbesuche und die Arbeit vom Schreibtisch entsprechen nur der Lebensrealität einer privilegierten Gruppe unserer Gesellschaft. Für viele ist das schlichtweg keine Normalität – und das wird es auch nach Corona nicht sein.

Normalität hat viele Gesichter

Klar, im Home Office zu arbeiten, keine hübsch angerichteten Mahlzeiten im Lieblingslokal zu verzehren und auch sonst wenigen Freizeitaktivitäten nachgehen zu können ist ohne Frage belastend. Gleichzeitig, und dem sollten sich viel mehr Menschen bewusst sein, ist es ein Luxusproblem. Denn das Vermissen von Lifestyle, Reisen und dem schönen Büro dürfte gegenüber dem, was etwa Krankenpfleger, Mitarbeiter der Müllabfuhr und andere im Niedriglohnsektor Arbeitende derzeit erleben, kaum eine Klage wert sein.

Das ist es auch, was die gerade weit verbreitete Definition von Normalität so respektlos macht. Sie ist exklusiv und nur gut situierten Menschen vorbehalten. Wem nun vor Empörung fast der gravierte Kugelschreiber vom höhenverstellbaren Schreibtisch gefallen wäre – nun, der kann sich jetzt eine Kerze mit „Normalitätsduft“ nach Pub, Festival oder Kino kaufen. Der Preis von umgerechnet 50 Euro zeigt, für welch gut verdienende Gruppe Normalität ziemlich vergnüglich riecht. Natürlich ist es nicht verwerflich, Barbesuche und Konzerte die eigene Normalität nennen zu können – so lange man erkennt, dass dies nicht für jeden gleichermaßen gilt.

Nach Corona: Eine neue Normalität

Die so beruhigend klingende Bezeichnung der Rückkehrs zur Normalität ist auch falsch, weil Normalität eben nicht mehr „alles wie bisher“ und „weiter so“ bedeutet. Die Pandemie zwingt uns automatisch, gesellschaftlich anerkannte Standards zu hinterfragen.

Zum Beispiel, ob wir uns nicht mehr als je zuvor zu Fuß und mit dem Fahrrad bewegen sollten. Ob im Schulsystem nicht stärker auf sozial schwächer Gestellte geachtet werden muss. Oder ob wir ständiges Händeschütteln nicht irgendwann als „so 2020“ in die Geschichtsbücher verbannen, weil es nicht unbedingt hygienisch ist.

Nach Corona, und da sind sich viele einig, wird es eine neue Definition von „normal“ geben. Es ist gut und notwendig, dass wir darüber sprechen. Wir sollten dabei aber anerkennen, dass auch die neue Normalität sehr vielschichtig sein wird – genauso wie unsere Gesellschaft. Deshalb sollten wir auch fehlende Normalität nicht pauschalisieren. Besonders nicht, wenn es um die Normalität einiger Privilegierter geht. Das wäre ziemlich ignorant gegenüber den meisten von uns.

Von Jacqueline Hadasch

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Über den Autor/die Autorin:

Jacqueline Hadasch

Jacqueline (24) studiert BWL. Das passende Klischee bedient sie aber wenig. Sie schreibt gern über Nachhaltigkeit und geschichtliche Themen und hat eine Vorliebe für Kaffee.

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