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Netflix-Film „Bird Box“: Hört auf, Psychiatrie-Patienten zu dämonisieren!

Netflix-Film „Bird Box“: Hört auf, Psychiatrie-Patienten zu dämonisieren!
Foto:  Netflix

Es grüßen die marodierenden Irren: Der Netflix-Rekordfilm „Bird Box“ spielt mit Klischees, die abgegriffen und asozial sind – und stigmatisiert einmal mehr Menschen mit psychischen Störungen. Ein Kommentar.


45 Millionen Nutzer haben die Netflix-Produktion „Bird Box“ in den ersten sieben Tagen gesehen – für den Streaminganbieter ist das Rekord. Der Hype um den Film mit Sandra Bullock in der Hauptrolle ist nicht unbegründet. Die Prämisse ist spannend und unkonventionell: Mysteriöse Wesen tauchen auf der Erde auf. Wer sie anschaut, sieht in ihnen seine schlimmsten Ängste und begeht augenblicklich Suizid.

Das Problem ist nur, dass der Film sich zwischen reichlich Action-Kino nur sehr wenig Zeit nimmt, um die eigentliche Geschichte zu erzählen. Das führt zu reihenweise verkürzten „Ach ja, und“-Momenten: Ach ja, und dieser Typ ist immer grimmig. Ach ja, und das große Thema ist eigentlich Mutterschaft. Ach ja, und Psychiatrie-Patienten finden die Wesen wunderschön und zwingen alle anderen zum Hinsehen – also in den Suizid. Warum eigentlich? Keine Ahnung, keine Zeit für Erklärungen.

Psychiatrie-Patienten als Gruselwesen

Die Monster in „Bird Box“ können den Menschen selbst nichts anhaben, wenn man sie nicht ansieht. Es muss also ein uraltes Klischee herhalten: die Irren aus der Psychiatrie, boshaft und bekloppt. Das ist nicht nur abgegriffen, sondern vor allem auch asozial. Denn es nährt die Sichtweise, dass psychisch kranke Menschen grundverschieden vom Rest der Gesellschaft seien und außerdem gefährlich. Dabei sind beide Annahmen falsch.

Die allermeisten Psychiatrie-Patienten sind eben nicht unberechenbar. Die häufigsten psychischen Erkrankungen sind Depressionen und Angststörungen – zwei Dinge, die eher dazu führen, dass man sich unterlegen fühlt und zurückzieht statt wahllos Fremde anzugreifen. Sie sind auch keine Randgruppenerscheinung: Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation erkrankt jeder vierte Mensch im Laufe seines Lebens an einer mentalen Störung und wäre mit professioneller Hilfe gut beraten. Psychische Krankheiten sind durchaus in der Mitte der Gesellschaft vertreten – und das waren sie auch schon immer. Niemand muss pauschal Angst vor Psychiatrie-Patienten haben.

Klischees wie in „Bird Box“ sind angesichts dessen nicht bloß diskriminierend, sondern auch gefährlich. Es schadet jenen Menschen, die Hilfe bitter nötig hätten und sie auch bekommen würden, aber wegen der Stigmatisierung gar nicht erst danach fragen. Denn niemand wird gerne als gemeingefährlicher Bekloppter angesehen – oder als böses Gruselwesen in einem Horrorfilm.

Was für eine Verschwendung

Doch was „Bird Box“ in dieser Hinsicht erst so richtig enttäuschend macht, ist das verschenkte Potenzial zu einer grandiosen Metapher. Schließlich könnten die Monster im Film in vielerlei Hinsicht psychische Störungen verkörpern. Menschen begehen Suizid, obwohl es vorher keine offensichtlichen Anzeichen dafür gegeben hat, so wie man auch im echten Leben häufig meint, dass es niemand kommen sah. Die Wesen selbst bleiben im Film unsichtbar und nehmen für jeden Menschen eine individuelle Form an, die sich aus dem intimsten Leiden der Person speist, fast genauso wie bei einer Depression. Die Menschen setzen sich allesamt Augenbinden auf, um die bösen Wesen nicht sehen zu müssen – ein treffendes Sinnbild für Stigmatisierung und Tabuisierung.

Das alles hätte Stoff für einen großartigen Film mit intelligenten Metaphern sein können – wären da nicht die marodierenden Irren. Was für eine Verschwendung.

Von Joss Doebler


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1 Kommentar

  1. Avatar

    Die „Zombies“ in Bird Box symbolisieren keine Psychiatriepatienten, Depressiven oder Leute mit Angststörungen, sondern Kriminelle und andere abgrundtief bösartige Leute, denen aufgrund ihres niederträchtigen Charakters das böse Unbekannte aus der Luft nichts anhaben kann.

    Hört euch mal diese Hintergrundanalyse von Gunnar Kaiser über diesen Film an, er meint die Blindensiedlung am Ende symbolisiert unsere heutige Gesellschaft. Eine, die sich eine fröhliche Scheinwelt aufgebaut hat, in der alle lächeln und wo die Kinder unbeschwert miteinander spielen – weil ihre Bewohner Angst davor haben einer furchtbaren Wahrheit ins Gesicht zu sehen, da man sonst daran kaputtgehen würden: https://www.youtube.com/watch?v=BB9VYRzMiZM

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