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Nachhaltigkeitsexpertin über Modeindustrie: „Es gibt keine Garantie für faire Herstellung“

Nachhaltigkeitsexpertin über Modeindustrie: „Es gibt keine Garantie für faire Herstellung“
Foto:  K M Asad/picture alliance/dpa

Der Billigmoderiese Shein erlebt 2021 einen immensen Hype. Eine Expertin erklärt, welche Probleme durch Fast-Fashion entstehen und worauf Kundinnen und Kunden achten können.


​Frau Professor Eigenstetter, welche Vorteile haben Kunden, die zertifizierte Kleidung kaufen?

Warum sollten sie Vorteile haben? (lacht) Nein, ernsthaft: Die Kleidung ist jetzt nicht gesünder oder so etwas. Das ist anders als im Ernährungsbereich, wo ein Bioapfel meist auch gesünder ist.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Qualität und der Zertifizierung? Hat nachhaltige Kleidung eine höhere Qualität?

Nein, ganz bestimmt nicht. Gutes Polyester hält quasi unendlich lange. Baumwolle nicht. Recycelte Baumwolle ist nachhaltiger als frisch erzeugte, hat aber kürzere Fasern und damit eine geringere Qualität. Auch biologische Baumwolle ist nicht per se von besserer Qualität, dafür sind Baumwollpflanzen viel zu divers. Besser ist immer Baumwolle mit langen Fasern, die kann man aber konventionell und biologisch erzeugen.

Foto: privat

Prof. Dr. Monika Eigenstetter lehrt Arbeitspsychologie und CSR-Management an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. CSR steht für Corporate Social Responsibility, also Verantwortung der Wirtschaft gegenüber der Gesellschaft. Sie leitet das hochschuleigene Forschungsinstitut A.U.G.E., das das „Kompetenzzentrum Textil und Bekleidung“ des Landes NRW als Wissensbasis entwickelt. Sie forscht sowohl mit öffentlichem Auftrag als auch für Unternehmen im Bereich Ethik und Nachhaltigkeit.

Was ist denn eigentlich das Problem bei günstiger Kleidung – wo ist der Haken bei Billigmarken?

Es ist derselbe Haken wie bei teureren Kleidungsstücken auch, weil man nie weiß, wie die hergestellt werden. Wenn ein Unternehmen nicht bereit ist, transparent zu machen, wo es seine Sachen herstellt, kann auch ein hochpreisiges Luxuslabel in derselben Fabrikhalle produzieren lassen wie ein Discounter. Die meisten Menschen haben keine richtige Vorstellung davon, wie viele Arbeitsschritte in einem Kleidungsstück stecken. Es wird nicht in einer Fabrik hergestellt, sondern in der ganzen Welt: Die Baumwolle wird vielleicht in Indien oder Usbekistan angebaut, dann wird es in der Türkei oder in Indonesien gesponnen, um weiterverarbeitet zu werden. Ich bin gerade an einem Projekt beteiligt, wo es um sogenannte Entkörnungsmaschinen von Baumwolle geht, der erste Arbeitsschritt nach dem Pflücken. In vielen Fabriken arbeitet man seit den Fünfzigerjahren mit den gleichen Geräten mit offenen Antrieben und einem hohen Unfallrisiko. Da werden etwa mit Chrom behandelte Lederrollen benutzt – den Abrieb zusammen mit dem Baumwollstaub atmen die Arbeiterinnen und Arbeiter ein, was zu schwersten Lungenerkrankungen führt. 

Dann ist ein hoher Preis kein Garant für eine nachhaltige und faire Herstellung?

Es gibt keine Garantie dafür. Viele Unternehmen kaufen selbst bei Agenturen ein und kennen ihre Zulieferer gar nicht. Inzwischen gibt es aber immer mehr Unternehmen, die ihre Zulieferer kennen und eigene Auditoren schicken, die sich die Fabrikationsstätten anschauen. Die versuchen dann herauszufinden: Wie sind die Arbeitsstandards? Das ist relativ unabhängig davon, wie teuer ein Produkt ist. Es gibt sowohl Discounter als auch hochpreisige Unternehmen, die sich um die Wertschöpfungskette kümmern.

In diesem Fall kontrollieren sich Anbieter selbst. Gibt es denn auch Kontrollen durch unabhängige Dritte?

Das kommt auf die Zertifikate beziehungsweise Siegel an. Viele von ihnen arbeiten mit unabhängigen Auditoren. Aber Korruption ist ein großes Thema in vielen Ländern dieser Welt. Insofern kann es für Unternehmen sicherer sein, die Prüfung selbst zu übernehmen. Man kann nicht sagen, dass die externen Auditoren immer die besten sind, sondern es braucht wahrscheinlich ein System aus beidem. Ich würde den Unternehmen nicht von vornherein unterstellen, dass sie böse sind. Die wollen auch nicht, dass Blut an ihren Produkten klebt. Schon allein aus Reputationsgründen.

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Sie haben jetzt schon mehrere Standards angesprochen. Was bedeuten die genau und woran erkennen Kunden sie?

Man kann unterscheiden zwischen Management und Produkt sowie sozial und ökologisch. „Oeko-Tex 100“ ist zum Beispiel ein ökologisches Produktlabel, das aussagt, dass so gut wie keine Schadstoffe mehr in dem Produkt sind. Aber es ist ein schwaches Zertifikat. Bei einem ökologischen Managementsystem geht es um die Governance-Struktur, die dafür sorgt, dass bestimmte Stoffe gar nicht erst in das Produkt hineinkommen und dass es entsprechende Kontrollmechanismen gibt. Da wird das ganze Unternehmen zertifiziert. Besonders spannend ist dabei der „Grüne Knopf“, weil er sowohl Produkt- als auch Unternehmensstandards sozial und ökologisch beinhaltet. Wenn ich mich als Konsumentin schnell orientieren möchte, kann die Website Siegelklarheit.de helfen. Dort gibt es Informationen dazu, welche Labels empfehlenswert sind und welche nicht.

Der chinesische Onlinehändler Shein hat in diesem Jahr einen rasanten Aufstieg erlebt – steht aber auch wegen mangelnder Qualität und Nachhaltigkeit sowie schlechter Arbeitsbedingungen in der Kritik. Das Fast-Fashion-Unternehmen verkauft einen Strick-Rock für 6 und ein Abendkleid für 10 Euro. Wie kann Mode zu diesem Preis zustande kommen?

Solche Preise finden sich auch bei einigen deutschen Anbietern.

Aber wie kann das funktionieren?

Das funktioniert, indem man ein Material nimmt, das kostengünstig erzeugt werden kann, etwa Polyester. Hinzu kommen natürlich die billigsten Löhne. Wenn die Produktion ganz wenig Energie braucht, ist es nicht ausgeschlossen, dass Fast-Fashion supereffizient erzeugt werden kann und damit vielleicht sogar noch nachhaltig sein könnte. Es gibt auch Geschäftsmodelle, die mit langen Vorlaufzeiten produzieren. Dann können Produktionslücken ausgenutzt werden. Das alles muss also theoretisch nicht dazu führen, dass Leute in sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten. Wahrscheinlicher ist es aber schon. 

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Worauf achten Sie persönlich beim Kauf von Kleidung?

Ich kaufe im Moment so gut wie keine Kleidung mehr, weil es einfach so viele negative Auswirkungen hat. Das Letzte, was ich mir gekauft habe, waren GOTS-zertifizierte Socken (Global Organic Textile Standard, Anm. d. Red.). Außerdem habe ich in letzter Zeit einiges an Kleidung geschenkt bekommen. Damit gehe ich zur Schneiderin und lasse es für mich umarbeiten. Es kostet leider tatsächlich mehr, alte Sachen umarbeiten zu lassen, als neue zu kaufen.


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Über den Autor/die Autorin:

Finn Bachmann

Finn (20) hat seit Kurzem sein Abitur in der Tasche. In seiner Freizeit ist er nicht nur bei der Feuerwehr, für MADS und die Hannoversche Allgemeine Zeitung schreibt er über Lokales, Internationales und was ihn sonst so bewegt.

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