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In drei Tagen zur Millionärin? MADS-Autorin Tara lässt sich auf Insta für ein Schneeballsystem anwerben

In drei Tagen zur Millionärin? MADS-Autorin Tara lässt sich auf Insta für ein Schneeballsystem anwerben
Foto: Unsplash/Sharon McCutcheon

Männer in dicken Autos, die mit Geldscheinen um sich werfen: In den sozialen Medien werben viele dubiose Online-„Akademien“ damit, dass Teilnehmende ihrer Seminare in kürzester Zeit reich werden. MADS-Autorin Tara hat sich ein solches Schneeballsystem genauer angesehen.


„Sei niemals zufrieden, du bist nicht der Durchschnitt“, sagt unser Dozent. Mit ordentlich Nachdruck, er schreit schon fast. Mit hundert anderen Teilnehmenden sitze ich in einem Zoom-Meeting einer Online-„Akademie“. Alle hier wollen den Weg in die finanzielle Unabhängigkeit finden. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft das Wort „Mindset“ mittlerweile gefallen ist. Wahrscheinlich ungefähr so oft, wie ich mich frage, was ich in diesem sektenähnlichen Zoom-Meeting suche.

MADS-Autorin Tara Yakar. Foto: privat

Alles begann mit einer Instagram-Direktnachricht, in der man mich fragte, ob ich nicht auch gerne im Internet Geld verdienen möchte. Aus Recherchegründen ließ ich mich auf die Anfrage ein, und ein paar Nachrichten später fand ich mich in einem Telefonat mit meinem Anwerber wieder. Direkt fiel mir auf, dass die Person unnatürlich oft meinen Namen benutzte und sich sehr für mein Leben zu interessieren schien. Ein gutes Mittel, um Vertrauen und Sympathie aufzubauen – wer freut sich nicht über Interesse an der eigenen Person?

Schneeballsystem: Anwerben für teure Seminare

Ich hörte mir also einiges an über Trading und darüber, wie ich mich damit finanziell unabhängig machen könnte. Das und viel mehr sollte ich mithilfe von Seminaren und Videos für etwas mehr als 200 Dollar pro Monat erlernen können. Bei einer Akademie, die noch nicht einmal ein richtiges Impressum aufweisen konnte. „Technische Probleme“ sollen angeblich die Ursache dafür gewesen sein. Dass mein Anwerber angeblich auch keine Provision bekäme und alles nur aus „gutem Herze“ tue, minderte meine Skepsis nicht. Eine kurze Google-Suche später stellte sich heraus, dass ich es doch wie erwartet mit einem Schneeballsystem zu tun habe. Wirbt man beispielsweise zwölf Leute an, die aktiv monatlich in die Akademie zahlen, erhält der Anwerber dafür 600 Dollar monatlich – nach oben sind keine Grenzen gesetzt.

Dass man beim angeblich schnellen Geld im Internet lieber vorsichtig sein sollte, empfiehlt auch Roland Ullrich, Experte für Trading und Finanzpsychologie mit einschlägiger Berufserfahrung bei den größten Investment-Banken der Welt. „Solche Networker sind hochmanipulativ. Wenn wir ein Video von einer Person im Luxus-Urlaub unter Palmen mit Sportwagen sehen, dann suggeriert das Erfolg und Reichtum im Leben. Das löst ungewollt die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin im Gehirn aus. Wir wollen mehr von diesen schönen Bildern und Gefühlen, der Verstand ist erstmal abgeschaltet. Und wir wollen unbedingt dazugehören. So werden gezielt die Sehnsüchte der Menschen angesprochen und ausgenutzt“, erklärt Ullrich.

80 bis 90 Prozent der Trader scheitern

Unterschwellig wird also versprochen, dass sich mit Trading einfach und schnell Geld verdienen ließe. Dass Trading, also der kurzfristige Börsenhandel, ein hochriskantes und knallhartes Geschäft ist, wird bei solchen Schneeballsystemen gerne verschwiegen. Alle Statistiken belegen, dass die Mehrheit der Trader – je nach Lesart 80 bis 90 Prozent – kein Geld an der Börse verdient und scheitert. Die meisten Broker (Börsenmakler) sind mittlerweile sogar gesetzlich dazu verpflichtet, Warnhinweise zu geben, die sich dann im Kleingedruckten finden. Ullrich sagt: Schon der Goldrausch im 19. Jahrhundert habe gezeigt, wer an der Gier der Menschen nach Reichtum verdient. Was damals die Schaufelverkäufer waren, seien heute die Anbieter der Plattformen und Trading-Software.

Roland Ullrich ist Experte für Trading und Finanzpsychologie. Foto: privat

„Allein, dass man Anlegern Renditeversprechen macht, ist unseriös. Die Börse ist komplex und zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar. Kursbewegungen sind in der kurzen Frist zufallsbedingt und nicht prognostizierbar”, klärt Ullrich entgegen der Versprechungen gewisser „Unternehmer“ auf. An der Börse gibt es nur Wahrscheinlichkeiten. Das widerspreche unseren in der Evolution erlernten Denk- und Verhaltensweisen, da der Mensch von Natur aus nach Regelmäßigkeiten suche, die Vorhersagen zulassen. Dem entspricht das grundlegende menschliche Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. Genau das bieten die meisten Naturgesetze, an die wir uns im Laufe der Evolution bestmöglich angepasst haben. Überlebt haben diejenigen, die treffsichere Annahmen über das, was als nächstes passiert, machen konnten.

Börse: Kurzfristige Prognose kaum möglich

Beispielsweise lässt sich das Wetter kurzfristig gut prognostizieren, langfristig allerdings kaum. An der Börse ist es genau umgekehrt. Auf kurze Zeit sind Prognosen unmöglich, allerdings wissen wir, dass die Börse langfristig steigt, solange es Wirtschaftswachstum und Fortschritt gibt. Deshalb sind langfristig orientierte Anleger in der Regel deutlich erfolgreicher als kurzfristig orientierte Trader.

Vor allem der Umgang mit Verlusten, die im Trading an der Tagesordnung sind, sei eine große Herausforderung für die menschliche Psyche, sagt der Finanzpsychologe. Sobald Emotionen wie zum Angst und Gier im Spiel sind, reagiere der Mensch sehr irrational und mache Fehler. Als Trader habe man nur dann eine Chance, wenn man nach Handelsregeln und einer erprobten Strategie agiere. Selbstmanagement, eiserne Disziplin und ein gutes Regelwerk seien Voraussetzungen für den Trading-Erfolg, sagt Ullrich. Somit sei es ein Handwerk, das jeder erlenen könne – allerdings nicht über Erklärvideos von Online-Akademien, überteuerte Newsletter und Abos, die zweistellige Renditen pro Woche garantieren.

Investieren für junge Leute – wie funktioniert es wirklich?

Viele Jugendliche machen sich aufgrund der problematischen Rentensituation immer mehr Gedanken über ihre Altersvorsorge. Gepaart mit dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe seien daher viele junge Erwachsene besonders anfällig, sich von unseriösen Schneeballsystemen das Geld aus der Tasche ziehen zu lassen, warnt Finanzexperte Roland Ullrich.

Generell gilt, je höher die Rendite (Gewinn aus dem investierten Kapital) sein soll, desto höher ist das Risiko. Sinnvoller sei es laut dem Experten, erst mal einen Betrag im fünfstelligen Bereich zusammenzusparen und danach regelbasiert und risikobewusst zu investieren. Oder über Aktiensparpläne regelmäßig an der Börse zu investieren. Doch wie schafft man es, überhaupt erst mal eine solche Summe anzusparen? Der Experte empfiehlt, nach dem Start ins Berufsleben den Lebensstil aus dem Studium oder der Ausbildung fortzuführen und somit jeden Monat etwas zur Seite zu legen. Investiert man das zurückgelegte Geld dann langfristig an der Börse, ist die Wahrscheinlichkeit, finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen, deutlich höher. Schließlich ist der langfristige Trend an den Weltbörsen seit mehr als 100 Jahren trotz aller zwischenzeitlichen Einbrüche aufwärts gerichtet.

Erfolgreiches Investieren ist also auch für junge Menschen nicht unmöglich – allerdings auch nur dann, wenn sie einen gutbezahlten Job oder Ersparnisse und zudem viel Geduld haben.

Von Tara Yakar


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Über den Autor/die Autorin:

MADS-Team

Unter diesem Namen sammeln wir Beiträge von Gastautorinnen und -autoren, Autorenkollektiven oder freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei MADS. Die Namen des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin stehen unter dem einzelnen Beitrag.

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