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Karneval als Leistungssport: So hart ist die fünfte Jahreszeit für Tanzmariechen

Karneval als Leistungssport: So hart ist die fünfte Jahreszeit für Tanzmariechen
Foto:  Moritz Frankenberg

Büttenreden und Bützje? Davon bekommt Alyssa N’Diaye rund um Rosenmontag nichts mit – als Tanzmariechen treibt sie Leistungssport.


Noch ein letztes Mal zuppelt sich Alyssa ihre bestickte Weste zurecht. Alles sitzt. Auch der Hut auf ihren schwarz gelockten Haaren ist sicher mit Haarnadeln fixiert. Probeweise gleitet sie in den Spagat und geht im Kopf noch einmal ihre zweieinhalb- minütige Tanzmariechen-Choreografie durch, während sie neben der Bühne der Kölner Lanxess-Arena auf ihren Auftritt vor etwa 15 000 Menschen wartet.

Wer nicht gerade aus einer Karneval-Hochburg wie Köln, Mainz oder Düsseldorf kommt, kann mit dem bunten Treiben im Februar und März nur wenig anfangen: Am Rosenmontag kommen viele verkleidet zur Schule, beschwipste Clowns verteilen auf der Straße Bützje, also Küsschen, und im Fernsehen laufen ewig lange Karnevalssitzungen mit Büttenreden. Für Alyssa N’Diaye hat die fünfte Jahreszeit ein komplett anderes Gesicht: Sie bedeutet vor allem hartes, langes Training.

Karneval im Trainingsanzug

Die 14-Jährige ist Tanzmariechen in der Karnevalsgesellschaft Lindener Narren aus Hannover – und damit eine der wichtigsten Figuren im Karneval. „Mariechen“ ist ein kölscher Begriff für Mädchen in einer Tanzgruppe. Das Tanzmariechen, auch Funkenmariechen genannt, hat seinen Ursprung in den sogenannten Marketenderinnen, die früher mit Soldaten umherzogen, sie versorgten und für sie tanzten.

Die Kleidung der Tanzmariechen ist noch heute an die Uniformen des 18. Jahrhunderts angelehnt: eine Perücke mit Dreispitz, Uniformjacke, kurzer Rock mit Rüschenhöschen und Strumpfhose.

Alyssa hüpft wie ein Flummi von einer Bühnenecke der Arena in die andere. Sie turnt Überschläge und Flick-Flacks, das Publikum begleitet sie klatschend. Zum Abschluss ihrer Choreo springt sie in den Spagat.

Ihr breites Lächeln verrutscht während der zweieinhalb Minuten kein einziges Mal. Wie ein munteres Stehauf-Mädchen wirkt die 14-Jährige mit den langen, grazilen Beinen. Winkend marschiert sie von der Bühne, auf der gerade die deutsche Meisterschaft der Funkenmariechen ausgetragen wird.

Hinter der lächelnden Maskerade und den federleicht wirkenden Überschlägen stecken unzählige Übungsstunden. Seit sie fünf Jahre alt ist, trainiert Alyssa N’Diaye als Tanzmariechen. „Sie hatte keine Wahl“, erklärt ihre Mutter schmunzelnd. Sie war selbst Tanzmariechen und brachte ihre Tochter in die Tanzsportabteilung der Lindener Narren.

„Das bisschen Hüpfen“

Früher als andere hat Alyssa zwar nicht begonnen – doch normalerweise starten die Kleinsten in der Show- und der Gardegruppe, die als Vorstufe zum Tanzmariechen gelten. In der Showgruppe haben die Aufführungen immer ein spezielles Thema.

Alyssa spielt in diesem Jahr einen Clown. „Aus der Garde wähle ich dann die Mädchen aus, die durch ihren besonderen Ausdruck, ihre Gelenkigkeit und ihr Können hervorstechen“, erklärt ihre Trainerin Martina. Die bekommen dann Sondertraining.

Während sich Gleichaltrige nach der Schule mit Freunden treffen, steht Alyssa in der Sporthalle: Drei Mal pro Woche übt sie bis zu fünf Stunden lang Handstand, Radschlag ohne Hände und – lächeln. Ihre Sportart beschreibt sie als einen Mix aus rhythmischer Sportgymnastik, Ballett und Bodenturnen.

„Oft höre ich dumme Sprüche, so was wie ,Ach, das bisschen Hüpfen kann ich auch’. Aber wenn ich denen dann Videos zeige, werden sie still“, erklärt Alyssa und lächelt stolz. Sechs Mal in Folge ist sie Niedersachsenmeisterin geworden. „Für mich sind Karneval und karnevalistischer Tanzsport zwei völlig verschiedene Dinge.“ Lustige Verkleidungen und den zelebrierten Start um 11.11 Uhr kennt sie zwar – zu tun hat sie mit der Feierei aber nur, wenn sie bei Karnevalsveranstaltungen auftritt.

Keine Zeit für andere Hobbys

Im Gegensatz zu den meisten Karnevalsfans ist für Alyssa das ganze Jahr über Saison – da bleibt kaum Zeit für andere Hobbys. Nur in den Osterferien hat sie zwei Wochen frei. Nach dem Training schaue sie gerne Serien wie „Riverdale“ oder „Orange Is The New Black“ auf Netflix, erzählt sie bei einem Glas Saft. Und ihre Freundinnen? Denen zeige sie Videos von Auftritten, sie selbst haben aber andere Hobbys.

Alyssa lächelt scheu – und scheint gerade meilenweit von dem extrovertiert hüpfenden Mädchen entfernt zu sein. „Auf der Bühne ist das auch ein wenig wie schauspielern“, sagt sie. Schließlich gehört das breite Grinsen zum Tanzmariechen wie die Verkleidung zum Karneval.

Das klassische Kostüm ist an die Uniformen des 18. Jahrhunderts angelehnt. Foto: Rainer Droese

Beim Gespräch im Foyer des Fritz-Haake-Saals in Ricklingen wirkt sie wie ein schüchternes Mädchen, auf der Bühne ist sie das Gegenteil: Ihre Sprünge sind kraftvoll und genauso ausdrucksstark wie ihre Mimik.

„Ich nenne sie immer meine Rakete“, sagt Trainerin Martina und lacht. „Das macht die Musik und das Hüpfen. Da bekomme ich einfach gute Laune“, erklärt sich die Schülerin.

Ihr großer Traum ist es, im Halbfinale der Deutschen Meisterschaft auf dem Treppchen zu stehen. Das Hobby zum Beruf machen, wie ihr Vater, der ehemalige Fußballprofi Babacar N‘Diaye, lässt die Sportart jedoch nicht zu. Es gibt keine höheren Wettkämpfe als die nationale Meisterschaft. Dafür hat die 14-Jährige schon jetzt Alternativen parat: „Meeresbiologie finde ich spannend, oder Kriminaltechnik. Oder ich bleibe im Sport und werde Physiotherapeutin.“

Vier Fakten über Karneval, die du nicht wieder vergisst:

Auf Fleisch und Fett verzichteten die Menschen im Mittelalter während der Fastenzeit. Dank der Teilzeitvegetarier wurde aus „Carne vale“, auf Deutsch „Fleisch, lebe wohl“, der Begriff „Karneval“.

11.11. um 11.11 Uhr – kaum etwas kann man sich so gut merken wie den Karnevalsbeginn. Dass die Zahl Elf so eine große Rolle im Karneval spielt, geht unter anderem auf die Französische Revolution zurück. Es ist ein deutsches Akronym für die Ziele der Revolution „Egalité, Liberté, Fraternité“, also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

In Venedig und Rio de Janeiro sind die wohl spektakulärsten Karnevalfeste. In prachtvollen, historischen Masken gehen die Venezianer auf edle Bälle. Fast 90 000 Zuschauer feiern in Rio die größte Karnevalsparade der Welt.

„Alleh hopp!“ rufen die Saarländer Narren, die Kölner „Alaaf!“, und in Düsseldorf heißt es „Helau!“: Während in Venedig und Rio aufwendige Kostüme im Vordergrund stehen, geht es in Deutschland um Humor und Satire. Das ist oft auch recht politisch: Mit nackten, karikaturhaften Figuren kritisieren Narren auf den Rosenmontagsumzügen etwa die AfD oder die Merkel-Politik.

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Über den Autor/die Autorin:

Sarah Seitz

Sarah (22) studiert Politik und Germanistik auf Lehramt und kann sich herrlich über Fußball, Politik und die Welt im Allgemeinen aufregen. Besonders gern auf Papier.

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