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Jugendliche in MV zur Corona-Impfung: „Lieber Nebenwirkungen statt Unfreiheit“

Jugendliche in MV zur Corona-Impfung: „Lieber Nebenwirkungen statt Unfreiheit“
Foto: Christian Rödel

Dauernd wird über das Impfen von Jugendlichen geredet. Doch was denken eigentlich die Teenager selbst über die Corona-Impfung? Wir haben uns im Land umgehört und mit einigen gesprochen.

Im Vorfeld gab es viele Diskussionen. Schließlich gab die Ständige Impfkommission (Stiko) am 16. August für Deutschland eine Covid-19-Impfempfehlung für Zwölf- bis 17-Jährige. Doch was denken Jugendliche in Mecklenburg-Vorpommern über die Impfung, die ihnen empfohlen wird? Einige junge Leute aus Stralsund, Rostock, Dassow und Satow geben hier Auskunft.

Der 15-jährige Fiete Götz von der Regionalen Schule in Satow sagt: „Ich treffe gern viele Leute, und wenn ich mit Freunden zusammen bin, dann können nicht die Abstandsregeln eingehalten werden.“ Manche machen eine kleine Party oder umarmen sich bei Begrüßungen. „Deshalb bin ich dafür, dass sich junge Leute impfen lassen.“ Im Freundeskreis hat er darüber diskutiert. „Wir sind uns alle einig, dass die Impfung wichtig ist“, sagt der Teenager aus der 10. Klasse. Er kennt die Skepsis gegenüber den Impfstoffen aus dem unmittelbaren Umfeld. „Ich versuche, meine Sicht der Dinge anderen näherzubringen und sage, dass die Nebenwirkungen teilweise nicht so gefährlich sind, wie manche annehmen“, sagt der junge Mann, der vielleicht Soldat werden möchte.

„Homeschooling ist keine richtige Schule“

Merle Schwart (14) von der Rostocker Michaelschule sagt: „Ich bin für eine Impfung, damit wir nicht wieder Homeschooling haben.“ Einen Piks habe sie schon erhalten. „Ich möchte dadurch auch meine Familie schützen.“ Ihr Klassenkamerad Jannis Kober (14) meint: „Ich verstehe die Unsicherheit der Nicht-Impfer, ihre Skepsis gegenüber den relativ schnell entwickelten Impfstoffen.“ Auch er hat die erste Impfung hinter sich. „Weil Homeschooling keine richtige Schule ist.“

Seine Mitschülerin Jenna Witthuhn (14) macht deutlich, dass sie gegen einen Impfzwang ist. „Es wären mehr Leute gegen das Impfen, wenn sie es tun müssten und nicht selbst entscheiden dürften“, sagt die Neuntklässlerin, die entweder Jura oder Grafisches Design studieren möchte und bald ihre zweite Impfung erhält. Die vielleicht angehende Medizinerin Merle verweist auf die Grundrechte: „Man darf die Impfung nicht vorschreiben, auch wenn sie richtig ist; das muss jeder selbst entscheiden.“ Ihr „Kollege“ Luka Tausch (13), der Wissenschaftler als Berufswunsch angibt, berichtet, dass er sich impfen lässt, sobald er 14 Jahre alt ist. „Ich habe mit meiner Hausärztin darüber gesprochen – lieber lasse ich mich impfen als an Covid-19 zu erkranken.“

Abiturient Fiete Quaschner vom Stralsunder Schulzentrum am Sund.

Abiturient Fiete Quaschner vom Stralsunder Schulzentrum am Sund. Quelle: Christian Rödel

Mehr Vorteile als Nachteile

Die Gymnasiasten Cornelius Elfers (17), Jona Kadach (17) und Fiete Quaschner (17) vom Schulzentrum am Sund sind bereits zwei Mal geimpft. „Ich hatte zwar etwas Sorge vor Nebenwirkungen, aber auch bei nicht vollständiger Immunisierung ist ein Krankheitsverlauf bei einer Infektion durch die Impfung nicht so schwer“, berichtet Cornelius von seiner Entscheidung für die Impfung. Fiete macht es kurz: „Die Impfung hat mehr Vorteile als Nachteile.“ Er schätzt, dass in seiner Klasse gut 40 Prozent schon geimpft sind. Jona versteht Impf-Skeptiker, aber „ich erzähle ihnen dann von meinen Erfahrungen mit der Impfung“. Außerdem vertraue sie den Empfehlungen der Stiko. Vor der Impfung habe sie sich die Informationen aus dem Internet gezogen und die Info-Zettel des Impfzentrums gelesen. „Generell gab es im Freundeskreis wenig Diskussionen, weil das Umfeld die Impfung positiv sieht“, sagt Jona, die Soziale Arbeit studieren möchte, stellvertretend für ihre Klassenkameraden.

Gegen Impfzwang

Abiturientin Jona Kadach vom Stralsunder Schulzentrum am Sund.

Abiturientin Jona Kadach vom Stralsunder Schulzentrum am Sund. Quelle: Christian Rödel

Ziemlich ähnliche Ansichten haben die Schüler bei der Frage, ob Ungeimpfte anders behandelt werden sollten als Geimpfte. Fiete aus Satow sagt, dass Ungeimpfte ein höheres Risiko hätten, bei einer Infektion schwer zu erkranken. „Geimpfte haben einfach mehr Schutz.“ Dass Ungeimpfte ab dem 11. Oktober ihre Tests selbst bezahlen müssen, finde er in Ordnung. „Die Leute haben bis dahin genug Zeit, sich impfen zu lassen.“ Einen Zwang zum Impfen lehne er aber auch ab, weil dann das Vertrauen in den Staat erschüttert werde. Cornelius aus Stralsund betont, dass jeder die Entscheidung selbst abwägen müsse. „Einen stumpfen Zwang lehne ich ab“, meint der Abiturient, der Politikwissenschaft und Geschichte studieren wird. Sein Mitschüler Fiete möchte, dass Ungeimpfte nicht anders als behandelt werden sollen als Geimpfte. „Aber dass Ungeimpfte ihre Tests selbst zahlen sollen, ist sinnvoll.“

Freiheit und Gesundheit – beides gleich wichtig

Gleichheit herrscht ebenso der Frage, ob Gesundheit oder Freiheit wichtiger seien. Fiete aus Satow meint, dass Gesundheit einen sehr wichtigen Stellenwert hat, damit wir nach der Impfung wieder richtig frei sein können und uns wie vor der Pandemie ausleben können. „Wir sind zwar immer noch frei, aber ich fühle mich eingeschränkt.“ Cornelius aus Stralsund sagt: „Ja, Gesundheit ist wichtig, Freiheit ebenso. Denn ohne Freiheit lohnt es sich nicht, gesund zu sein.“

Tom Schroeter aus der 10. Klasse der Regionalen Schule in Dassow.

Tom Schroeter aus der 10. Klasse der Regionalen Schule in Dassow. Quelle: privat

Tom Schroeter geht in die 10. Klasse der Regionalen Schule in Dassow. Er wurde bereits zwei Mal gegen Corona geimpft. „Die jungen Leute wollen ihre Freiheiten haben, wollen sich in großen Gruppen treffen – das geht am besten, wenn alle geimpft sind“, sagt der 16-Jährige. Seine Eltern hätten ihm die Entscheidung überlassen. „Ich wollte unbedingt diese Impfung.“ Im Vorfeld habe er sich gerade zu seinem Impfstoff informiert. „Ich habe auch mit Freunden darüber diskutiert und natürlich hatten wir Zweifel und Skepsis“, sagt Tom. Aber die Sorge vor Nebenwirkungen war nicht so groß wie der Drang nach Freiheit. „Lieber Nebenwirkungen statt Unfreiheit“, so sein Fazit.

INFO:

Stiko unter Druck?

Seit dem 16. August dieses Jahres empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die Covid-19-Impfung für Kinder und Jugendliche. „Die sehr seltenen, bevorzugt bei jungen männlichen Geimpften im Zusammenhang mit der Impfung beobachteten Herzmuskelentzündungen müssen als Impfnebenwirkungen gewertet werden.“ So steht es auf der Homepage der Stiko. Die Kommission beruft sich vor allem auf das amerikanische Impfprogramm und dessen Überwachungsdaten von 10 Millionen geimpften Kindern und Jugendlichen. „Nach sorgfältiger Bewertung dieser neuen wissenschaftlichen Beobachtungen und Daten kommt die Stiko zu der Einschätzung, dass nach gegenwärtigem Wissenstand die Vorteile der Impfung gegenüber dem Risiko von sehr seltenen Impfnebenwirkungen überwiegen.“

Kritiker, wie Olivia Mitscherlich-Schönherr von der Hochschule für Philosophie in München, weisen darauf hin, dass die Empfehlung für das Impfen unter dem Druck der Politik zustande kam. Vor zwei Monaten hatte die Stiko noch die Impfung für Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen empfohlen. Jetzt wollte die Stiko mit der Impfempfehlung „versuchen, der Politik ein bisschen entgegenzukommen“, sagte ein Kommissionsmitglied, der Berliner Kinder- und Jugendarzt Martin Terhardt, am 12. August im Sender RBB.

In MV sind bislang 17 Prozent der 12- bis 17-Jährigen mindestens einmal geimpft, knapp 60 Prozent der 18- bis 59-Jährigen und 85 Prozent der über 60-Jährigen. Knapp 58 Prozent aller Einwohner von MV wurden bislang vollständig geimpft. (Quelle: RKI)

Von Klaus Amberger

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