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Festivalmüll: Das kann man auf Festivals alles finden

Festivalmüll: Das kann man auf Festivals alles finden
Foto: Irving Villegas

Leere Zelte und Lebensmittel: Viele Besucher lassen ganze Camps einfach auf den Geländen zurück und verursachen Massen an Festivalmüll. Eine Fundgrube für MADS-Autorin Insa.


Erst wenige Stunden ist es her, dass die letzte Band gespielt hat. Ich stehe auf einem Schlachtfeld – dem Ferropolis-Gelände des Melt-Festivals in Sachsen-Anhalt. Wenn die meisten Leute schon im Auto nach Hause sitzen, ist die Zeit für Schatzsucher wie mich gekommen. Mit zwei Einkaufstüten in den Händen mache ich mich auf den Weg über den riesigen und verwüsteten Campingplatz und hin zum Festivalmüll.

Wacken, 2017 / Foto: Christophe Gateau/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++

Kaum zu glauben, dass hier vor wenigen Stunden noch Menschen gelebt haben – es sieht eher aus, als wäre hier für einen Hollywood-Blockbuster eine Zombie-Apokalypse gedreht worden.Vereinzelt sieht man auf dem verdörrten Rasen in den zerrissenen Zelten noch Menschen ausnüchtern. Überall liegt Festivalmüll. Ich wate durch ein Meer aus zerbrochenem Plastikbesteck,  Grillkohle, Kippenstummeln, Pfützen aus Grillsoße, Bier und Essensresten. Überall sehe ich zerbrochene Pavillons, überquellende Mülleimer und leere Bierdosen. Es ist einfach unglaublich, wie die Menschen den Campingplatz verlassen haben. Kaum jemand hat sein Zelt abgebaut. Es sieht aus, als wären die Leute hier vor etwas geflüchtet.

01.08.2019, Küstrin, Pol’and’Rock Festival. Foto: Gregor Fischer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Kampagne „Love your Tent“ ist auf Festivals aktiv

Die gleichen Beobachtungen wie ich, hat auch Richard Storey gemacht. Er ist Geschäftsführer der Initiative Love Your Tent, die international auf Festivals aktiv ist. „Etwa 80 Prozent der Camper lassen ihre Sachen zurück“, sagt Richard in einem Video der britischen Website. Love Your Tent ist eine Kampagne, die Menschen ermutigen möchte, ihre Zelte wiederzuverwenden, anstatt sie wegzuwerfen. Der Verein möchte den Campern und Veranstaltern zeigen, wie viel Müll durch die stehengelassenen Zelte verursacht wird.
„In den vergangenen sechs Jahren hat sich schon etwas verändert, aber die Leute müssen verstehen, dass das, was sie zurücklassen, nicht von wohltätigen Vereinen gebraucht werden kann“, sagt Richard. Am Ende kommt einfach der Bulldozer. 

Das Müllproblem stößt mittlerweile nicht nur bei einigen Festivalbesuchern und Vereinen auf Kritik, auch Veranstalter fordern ein Umdenken. Bei einem viertägigen Festival wie beispielsweise dem Hurricane in Niedersachsen entstehen durchschnittlich etwa sechs bis acht Kilogramm Sperr- und Hausmüll pro Kopf – und 88 000 Besucher gibt es. Diese Mengen sollen reduziert werden. Immer mehr Festivals organisieren sogenannte Green Camps, in denen man gemeinsam picknickt und Essen teilt.

CO² – Ausstoß wie Kleinstadt

Festivalmüll ist nicht das Einzige, das übrig bleibt. Nach Angaben von Green Music Initiative, einer Kooperation zur Förderung einer klimafreundlicheren Musikbranche, stößt ein Festival wie das Melt so viel CO2 aus, wie eine ganze Kleinstadt. In den vergangenen Jahren kümmerten sich die Veranstalter besonders darum, die Mobilität der Festivalbesucher grüner zu gestalten und kooperierten mit der Deutschen Bahn. „Die An- und Abreise von Fans ist immer der größte Brocken im CO2-Fußabdruck eines Festivals“, sagt Jacob Bilabel, Gründer der Green Music Initiative.  Gegen den Müll kommen die Veranstalter aber offenbar nicht an. Obwohl sie dem Festivalmüll den Kampf angesagt haben. Um der sinnlosen Verschwendung von noch verwertbaren Lebensmitteln entgegenzuwirken, ist auf dem Melt die Wittenberger Tafel präsent. In den vergangenen Jahren habe man dadurch etwa eine Tonne Lebensmittel vor der Mülltonne retten können.

Festivalmüll: Tafel rettet Essen

Eine Tonne gerettete Lebensmittel – ein Witz, wenn ich mich auf der Müllhalde umblicke, die mal das Melt-Festival war. 25 000 Menschen haben hier vor allem Essen achtlos  zurückgelassen. Auf meinem Weg über das Feld finde ich volle Tüten mit Dosenravioli, Reiswaffeln, Äpfeln, Brot, Chips und andere verpackte Lebensmittel.

Ich will niemandem etwas klauen, aber die Lebensmittel kann ich nicht einfach liegen lassen. „Was passiert denn mit den ganzen Sachen“, rufe ich einem jungen Mann in Warnweste zu, der gerade vorbeigeht. „Müll“, antwortet er nüchtern. 

Ich packe ein, was ich tragen kann. Zu dem ganzen Essen kommt noch eine funktionierende Powerbank. Dann sehe ich Wasserkanister, volle Flaschen Mückenspray, einen Gaskocher, Luftpumpen und palettenweise Dosenbier. „So viel kann ich gar nicht tragen“, denke ich noch, als mein Blick auf eine Sackkarre fällt, die auf dem Boden liegt.

Neue, alte Campingausrüstung

Nur einige von Insas vielen Fundstücke / Foto: Irving Villegas

Am Ende habe ich eine komplette Campingausrüstung zusammengesucht: inklusive Zelt und Isomatte. Bei meiner Schatzsuche habe ich nebenbei sechs Säcke Pfandflaschen gesammelt, die ich im Supermarkt gegen 80 Euro eintausche. Für mein nächstes Festival muss ich keinen Cent ausgeben. 
Doch anstatt mich zu freuen, bin ich vor allem sauer. Sauer auf uns Festivalbesucher, die für drei Tage auf einem Feld in Sachsen die Sau rauslassen, in einer sorglosen Parallelwelt leben und sich am Ende nicht mal mehr dazu aufraffen können, ihren Müll wegzubringen.

Wie kann man Bier, Campingzeug und Dosen mit Sackkarren herschleppen, aber wenn man fertig ist mit dem Feiern, einfach gehen? Wer feiern kann, kann doch auch seinen Müll mitnehmen. Wahrscheinlich ist es nicht in Ordnung, sich an den Überbleibseln zu bedienen. Aber ganz ehrlich: Solange ihr euren Kram nicht mitnehmt, werdet ihr mich beim nächsten Festival in eurem alten Zelt campen sehen.

Insa Merkel, Emma Schell, Indra Madhok und Louisa Vietmeyer

So gehts umweltfreundlicher zum nächsten Festival 🌳

Finger weg vom Einweggeschirr: Anstelle von Plastikgeschirr oder Papptellern sollte der umweltbewusste Festivalbesucher lieber zu Brotboxen und Geschirr aus Holz, Edelstahl oder Mehrwegplastik greifen.

Nicht alleine fahren: Stichwort Fahrgemeinschaften. Du bist sicher nicht allein, Menschen aus deiner Nähe fahren auch zum Festival. Fahr doch einfach mit oder nimm gleich die Bahn oder einen Bus.

Keine Billigzelte: Anstatt immer wieder neue billige Zelte zu kaufen, die schnell kaputtgehen und am Ende einfach zum Festivalmüll gehören, solltest du lieber einmalig in ein gutes Zelt investieren. Sollte es mal kaputtgehen, kannst du es reparieren lassen. 

Gut gegen den Regen: Wer kennt es nicht: Man ist auf einem Festival und es schüttet aus Eimern. Also greift man schnell zu den billigen und dünnen Plastik-Regenponchos, die sogar oft auf dem Festivalgelände verkauft werden. Da ist eine gute Regenausrüstung, die nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch zehnmal cooler aussieht, eindeutig die bessere Variante. 

Glitzer im Gesicht: Ja, irgendwie gehört dieses Glitzerzeug zu Festivals dazu, aber Glitter besteht aus Plastik, beziehungsweise Mikroplastik, ist also superschlecht für die Umwelt. Suche im Internet nach biologisch abbaubarem Gesichtsglitzer. Konfetti kannst du übrigens aus Blättern selbst machen. Einfach Laub sammeln, lochen und schon gibt es keinen Grund, mit Plastik um dich zu werfen.

Waschbare Pads: Ein Tipp für alle, die gerne mal dick auftragen sind waschbare Abschminkpads. Achte darauf, einen Bogen um die herkömmlichen Wattepads zu machen. Oder nimm gleich einen Waschlappen mit.  

Isabelle Triechelt


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