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Lynn (19) probiert es aus: Deshalb lohnt sich der Selbstverteidigungskurs für Frauen

Lynn (19) probiert es aus: Deshalb lohnt sich der Selbstverteidigungskurs für Frauen
Foto: Lynn übt mit Roland Kabuß, sich zu verteidigen. Samantha Franson

Wie verteidigt man sich im Ernstfall? Und was bringt ein Selbstverteidigungskurs? MADS-Autorin Lynn (19) hat es ausprobiert.


Ich liege auf dem Boden. Der Mann packt mich am rechten Fuß – mit dem linken trete ich zu. Er beugt sich über mich, versucht mein Bein zu greifen. Um mich herum verschwimmt alles. Ich atme schnell und merke, wie ich panisch werde. Windend versuche ich, mich seinen greifenden Händen zu entziehen. Mein linkes Bein landet einen kräftigen Tritt gegen sein Knie, dann ist alles vorbei.

Üben für den Ernstfall

Ich habe es also doch geschafft, mich gegen den eigentlich stärkeren Mann zu wehren. Erleichtert atme ich aus und fühle mich stark. Und genau darum geht es. „Wer weiß, wie man sich wehrt und diese Stärke in sich fühlt, der strahlt es aus“, sagt mir Roland Kabuß, der eben noch nach meinen Füßen gegriffen hat. Ich lerne heute nämlich in seinem Unikurs für Frauen, wie ich mich selbst verteidigen kann. „So ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Frauen Opfer eines sexuellen Übergriffs werden”, versichert mir Kursleiter Kabuß.

Quelle: unsplash.com /@hinbong

Er richtet sich auf und schließt damit die Übung ab. Dann nimmt er seine Schienbeinschoner und seinen Helm ab. Die trägt der Trainer, damit sich die Teilnehmerinnen bei einer Übung mit aller Kraft – eben genau wie in einem Ernstfall – verteidigen können.

Mit Tritten die Schwachstelle treffen

Ich setze mich auf und bin noch immer aufgewühlt. „Das hast du schon gut gemacht, du hättest bloß mehr auf den Kopf zielen müssen”, sagt Kabuß zu mir und wendet sich dann der Gruppe zu. „Das war eine Übung zur Verteidigung. Wenn man auf dem Rücken liegt und der Täter versucht näher zu kommen, versuchst du mit Tritten die Schwachstellen zu treffen”. Acht junge Frauen stehen in einem Kreis um mich herum und sind nur aus einem Grund hier – sie wollen sich im Ernstfall verteidigen können. Doch noch viel wichtiger ist: Sie wollen gar nicht erst Opfer eines Übergriffs werden.

Quelle: unsplash.com/Paul Garaizar

Laut einer Europa-Studie hat jede dritte Frau seit ihrer Jugend schon körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Das sind etwa 62 Millionen Frauen. „Das bedeutet, dass wir alle in unserem direkten Umfeld betroffene Frauen kennen: Es kann die Freundin sein, die Kollegin, die Nachbarin oder die eigene Schwester“, heißt es dazu vonseiten der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Die Organisation kritisiert, dass die Bundesregierung keine aktuellen Zahlen zu Gewalt außerhalb von Beziehungen vorlegen kann.

Die letzte Dunkelfeldstudie liegt laut der Organisation 15 Jahre zurück. Eigentlich bin ich kein ängstlicher Mensch. Ich weiß, dass die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs auf mich statistisch gesehen gering ist – dennoch erwische ich mich gerade in der dunklen Jahreszeit dabei, dass mir auf dem Nachhauseweg oder in der Bahn manchmal mulmig wird. 

„Das wichtigste ist, sich groß zu machen“

Was kann ich also gegen dieses Gefühl tun? „Bei einem Selbstverteidigungskurs geht es hauptsächlich darum, Selbstbewusstsein aufzubauen. Und zu wissen, dass man sich wehren kann”, erklärt Kabuß. Sexualstraftäter suchen sich Opfer, die sie dominieren können. Weil sie selbst nicht dominant seien, würden sie sich unsicher wirkende Frauen aus. „Das wichtigste ist, sich groß zu machen. Signalisiere, dass du keine Angst hast und dich allen Situationen gewachsen fühlst”, sagt Kabuß. Er leitet schon seit mehr als 20 Jahren Selbstverteidigungskurse.

Hat einen Selbstverteidigungskurs ausprobiert: MADS-Autorin Lynn. Quelle: privat.

Den Kurs kann Kabuß ziemlich schnell zusammenfassen: „Wir haben zwei Ziele: Kopf und Genitalien“. Auf diese Punkte sollen die anderen Kursteilnehmerinnen und ich schlagen. „Es geht darum, Schmerzen zu verursachen. Nicht die Technik, sondern der Wille zählt”, sagt uns Trainer Kabuß mantraartig  immer wieder. Täter seien nicht auf den Kampf aus. Die höchste Priorität sei deshalb, selbstbewusst und selbstsicher aufzutreten.

Abschlussprüfung mit der Polizei

Auch Jessica Wischeropp nimmt an dem Kurs teil. „Verteidigung ist Kopfsache, mir hat der Kurs wirklich geholfen. Ich bin selbstbewusster geworden”, erzählt die 21-Jährige. Die Sonderpädagogik-Studentin fühlte sich draußen allein im Dunkeln nicht sicher. „Ich hatte ständig das Gefühl, verfolgt zu werden. Doch jetzt weiß ich, was ich im Ernstfall tun kann – und fühle mich gewappnet”. Kabuß erklärt uns während des Kurses sogar, dass man sich mit eigenen Mitteln Waffen bauen kann. Ein Schlüsselbund etwa, könne schon große Schmerzen beim Täter verursachen.

So sicher ich mir in der Turnhalle nach dem Selbstverteidigungskurs auch bin – der krasseste Test kommt am Schluss auf uns zu. Als Abschlussprüfung geht die Gruppe nach Draußen ins Dunkle.  Jede junge Frau muss einzeln an einer Straße entlang. Hinter irgendeiner Ecke wartet ein Polizist –und simuliert einen Angriff. Dann heißt es, sich mit allen Mitteln zu wehren, die wir im Selbstverteidigungskurs erarbeitet haben.

Von Lynn Pinders

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