Select Page

Advertisement

Das denkt Marteria über Hannover

Das denkt Marteria über Hannover
Foto:  Paul Ripke

MADS hat den Rapper Marteria zum Interview getroffen – und er erzählt über Heimat und warum er sich manchmal wie ein Alien fühlt.

Hey Marten, du machst ja nicht nur leidenschaftlich gern und erfolgreich Musik, sondern reist auch viel. Du hast schon 60 Länder gesehen. Wo fährst du am liebsten hin?

Afrika als Kontinent ist immer sehr beeindruckend für mich gewesen, gerade die ganzen schwarzafrikanischen Länder wie Uganda oder Angola. Da gibt es Leute, die sich sehr viel mit Musik beschäftigen, die krasse Instrumente spielen, und das findet man natürlich so musiknerdmäßig einfach total geil. Ich komme aus dem Hip-Hop, und Musik mit viel Rhythmus finde ich einfach mega! Das erobert jetzt ja auch gerade die ganze westliche Popwelt, dieses ganze Afrotrap-Zeug. Das basiert ja alles irgendwie auf afrikanischer Musik.

Bist du denn lieber zu Hause oder unterwegs?

Das ist schwierig. Ich bin eigentlich total gerne zu Hause, also da, wo ich mich wohlfühle. Bei den Tieren und in meinem schönen Haus, da wo das Meer ist. Aber ich hab’ auch einen ganz krassen Drang wegzufahren. Ich geh jetzt aber nicht in den Robinson Club nach Miami, sondern versuche coole Menschen und Kulturen kennenzulernen. Durchs Angeln kommt man auch in Länder mit ganz viel Natur wie Alaska oder Kanada. Ich finde, man kann besser mitreden, wenn man die Dinge gesehen hat, als wenn man alles nachplappert, was man so hört. Reisen ist auf ganz vielen Ebenen was ziemlich Geiles.

Was ist Heimat für dich?

Heimat ist da, wo ich herkomme. Das ist auch der einzige Patriotismus, der für mich klargeht. Klingt doof, aber jetzt auch grade bei den Olympischen Winterspielen vor ein paar Wochen hat jeder für sein Land mitgefiebert, das ist auch irgendwie total geil. Seine Heimatstadt verteidigt man überall – meistens wegen irgendeinem Scheiß, irgendeinem Stadttor, was man schön findet, oder irgendeinem Fußballverein, der da spielt. Ich bin totaler Lokalpatriot. Ich liebe meine Heimatstadt Rostock. Ich glaube, das liegt eigentlich auch gar nicht so an der Stadt, sondern daran, wie die Menschen sind. Und hier ist halt das Meer, und wir wollen, dass alle anderen neidisch sind, dass sie kein Meer haben. Wie Leute, die mitten in den Bergen leben und das voll geil abfeiern. Oder zum Beispiel Hannover, wo es am meisten … wie nennt man das denn, wenn man so krass justiert wird? Chiropraktoren!

Was du an Hannover kennst, sind Menschen, die sich um eine schiefe Wirbelsäule kümmern?

Ja, Hannover hat die meisten in ganz Deutschland davon. Weil so viele Amis da sind. Oh Mann, bin ich bescheuert grade. Also jeder hat da irgendwie so sein Ding.

Also ihr habt das Meer und wir haben „Chiropraktoren„?

Ja, Hannover hat eine große Anzahl an Chiropraktoren. Es gibt zum Beispiel in ganz Berlin nur zwei. Als es mir das letzte Mal schlecht ging, hat mich ein Ami in Hannover wieder gut hinbekommen. Es gibt irgendwie allein in Hannover sieben oder so. Das fand ich auf jeden Fall sehr beeindruckend!

Dein Album „Roswell“ gleicht einem Alien-Konzeptalbum – du bezeichnest dich in einem Lied sogar selbst als Alien. Wofür steht diese Metapher?

Mit Alien sind Außenseiter gemeint. Ich bin jetzt ja nicht der Typ Außenseiter und irgendwie Cordhose und Nerdbrille oder so. Ich glaub’ aber, jeder Mensch kennt das Gefühl. Manchmal ist man irgendwie die coolste Sau der Welt und alles läuft super und manchmal kriegt man es nicht hin, morgens beim Bäcker drei Brötchen zu bestellen. Es geht nicht um irgendwelche kleinen grünen Außerirdischen, sondern es geht um das Gefühl, sich anders zu fühlen.

Anders fühlen sich auch die Flüchtlinge, die nach Europa kommen. Wie kann das eigentlich sein, dass es Menschen gibt, die anderen Menschen nicht zustehen wollen, hier eine neue Heimat zu finden?

Politik ist grad sehr, sehr nervig. Es wird halt alles immer rechter und rechter. Für mich gibt’s das nicht. Ich will keine Unterschiede machen zwischen irgendwelchen Religionen oder irgendwelchen Hautfarben oder so. Eigentlich als Sache ist Religion was Schönes, die Menschen früher zusammengehalten hat. Aber irgendwie hat es in der heutigen Zeit so einen komischen Touch. Da gibt’s ganz viele Sachen, die man noch mal neu justieren müsste – womit wir wieder bei Chiropraktorensind (lacht). Ich finde, das Allergeilste wär’, wenn alle Menschen miteinander schlafen würden und dann so’n Mixmensch rauskommen würde. Dann hätte man wenigstens den ganzen Rassismusscheiß vom Tisch.

Im Song „Tauchstation“ rappst du über dein Berliner Partyleben, 2015 hattest du Nierenversagen wegen exzessiven Drogenkonsums. Wie ist das passiert?

Es gibt Menschen, die haben einen selbstzerstörerischen Drang und genießen das auch. Das hatte ich wahrscheinlich auch. Ich bin nicht der Typ für drei Bier. Es gibt auch das Alter dafür, dass man das irgendwie abfeiert. Man kann gar nicht mehr, aber geht trotzdem noch auf die nächste Party.

Was ist jetzt anders?

Das hat mir wirklich ganz schön viel kaputt gemacht, obwohl ich die Zeit nie eintauschen würde. Aber wenn ich die ganze Zeit mega stoned und besoffen von Stadt zu Stadt tingeln würde, würd’ ich ja alles vergessen. So nehme ich alles viel bewusster wahr und kann dankbarer sein. Das klingt immer ein bisschen cheesy, aber das ist was sehr Wichtiges. Also, dass man weiß, dass es was Besonderes ist, dass man von sowas wie Musik leben kann und die Menschen glücklich macht mit irgendwelchen Songs. Und wenn jetzt irgendjemand nicht mehr mit mir rumhängen will, weil ich keinen Wodka mehr mit ihm saufe, dann ist er einfach ein harter Idiot.

Wenn Marten abstinent ist – wie funktioniert dann dein kiffendes Alter Ego Marsimoto?

Also Kiffen ist ja total super. Von allen Sachen etwas, aber nicht zu viel (lacht). Ich muss immer real sein, also wenn Marsi jetzt nicht mehr kiffen würde, dann würd’s auch keinen Marsi mehr geben. Ist halt schön, dass man so’n kleines, grünes Männchen noch daneben hat, der einfach reingrätscht und verrückten, extrovertierten Hardcore-Jazz-Hip-Hop-Rock macht und der Gesellschaft ’nen harten Spiegel vorhält – was ich immer sehr gut finde. Ich bin Musiker, es geht mir darum geile Musik zu machen und geile Geschichten zu erzählen – und im besten Fall auch zu überleben.

Sponsoren:

Über den Autor/die Autorin:

MADS-Team

Unter diesem Namen sammeln wir Beiträge von Gastautoren, Autorenkollektiven oder freien Mitarbeiter bei MADS. Die Namen des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin stehen dann immer unter dem einzelnen Beitrag.

Poste einen Kommentar:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Send this to a friend