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72 Stunden lang Eltern auf Probe

72 Stunden lang Eltern auf Probe
Foto: Dirk Schneider

Vier Tage und drei Nächte drehte sich das Leben von acht Jugendlichen um Säuglinge. Der Alltag mit den Baby-Simulatoren war für die Schüler teils anstrengend, teils heiter – ob in der Nacht oder an der Supermarktkasse.

Emmely und Isahar sitzen übernächtigt im Klassenzimmer. Melissa habe die halbe Nacht geweint, erzählen die 15- und 16-jährigen Test-Mütter ihren Mitschülern, die verständnisvoll nicken. Acht Jugendliche der Gemeinschaftsschule Grömitz haben sich an dem Projekt „Eltern-Probezeit“ beteiligt.

Alle haben ähnliche Erfahrungen mit ihren lebensechten Baby-Simulatoren gemacht, um die sie sich vier Tage und drei Nächte intensiv kümmern mussten. Die „Real-Care-Babys“ seien mit drei Kilogramm Gewicht und 50 Zentimetern Größe echten Neugeboren nachempfunden, erläutert die Projektleiterin Daniela Le Grand. Eine Vielzahl von Sensoren und Lautsprechern sorgten für die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, wobei die niedlichen Säuglingsfiguren den technischen Hintergrund schnell vergessen ließen.

Crash-Kurs Säuglingspflege

„Das Geschrei wirkt echt und kann auf Dauer echt nerven, aber das Schmatzen beim Trinken ist einfach nur süß“, schwärmt Lisa, die gemeinsam mit Mitschülerin Marie ihr Baby einfach nach den ersten Silben ihrer Vornamen benannt hat: Mali. Diese Namensgebung sei die erste Stufe, um eine Bindung zu den Babypuppen aufzubauen, erklärt Le Grand. Am ersten Tag hatten die jungen Eltern, zwei davon als Paare und vier als Alleinerziehende, einen Crash-Kurs in Sachen Säuglingspflege bekommen. Dazu zählten beispielsweise das behutsame Aufnehmen, Beruhigen und in den Schlaf wiegen, Füttern mit dem Fläschchen einschließlich des Bäuerchen-Klopfens sowie natürlich das Säubern und Anlegen einer frischen Windel. Je nach gewähltem Schwierigkeitsgrad mussten in den 72 Betreuungsstunden, die zwischen der Einweisung und dem Erfahrungsaustausch lagen, bis zu 88 Pflegemaßnahmen zeitnah und richtig ausgeführt werden, sagt Le Grand.

Beim Füttern mit dem Fläschchen achtet Sina darauf, dass das Köpfchen des Baby-Simulators gut abgestützt ist und alle Sensoren miteinander ve

Beim Füttern mit dem Fläschchen achtet Sina darauf, dass das Köpfchen des Baby-Simulators gut abgestützt ist und alle Sensoren miteinander verbunden sind. Foto: Dirk Schneider

Beim Füttern mit dem Fläschchen achtet Sina darauf, dass das Köpfchen des Baby-Simulators gut abgestützt ist und alle Sensoren miteinander verbunden sind. Quelle: Dirk Schneider

Computer schaltet von Weinen auf Schnarchen um

Eine einzelne Maßnahme wie das Stillen oder Beruhigen kann laut Le Grand eine halbe Stunde in Anspruch nehmen – bis der Baby-Computer, der das Ganze auch aufzeichnet, von Weinen auf Lachen oder von Schreien auf Schnarchen umschaltet. „Man ist eigentlich die ganze Zeit mit dem Kind beschäftigt“, sagt Isahar. Und nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule und bei Ausflügen habe der Baby-Simulator die volle Aufmerksamkeit gefordert. „Wir mussten einmal unterwegs die Windeln wechseln und haben das auf einem Handtuch auf einer Sitzbank gemacht“, berichtet Emmely, während Lisa (13) von schrägen Blicken berichtet, die sie beim Einkaufen bekommen habe, als das Kind an der Kasse geweint habe und dann im Wickelraum gewindelt werden musste.

Auch in Bussen erlebten die Schüler unterschiedliche Reaktionen. Während ein Fahrer Isahar, die mit Kinderwagen an einer Haltestelle stand, laut ihrer Aussage ignorierte und weiterfuhr – „ich musste zwei Stunden auf den nächsten Bus warten“ –, berichtet Zeynab (16), dass ihr sogar ältere Menschen einen Sitzplatz freigemacht und angeboten hätten.

Jorden und Sina wickeln ihre Baby-Simulatoren namens Tempelton und Iva mit frischen Windeln

Jorden und Sina wickeln ihre Baby-Simulatoren namens Tempelton und Iva mit frischen Windeln. Foto: Dirk Schneider

Jorden und Sina wickeln ihre Baby-Simulatoren namens Tempelton und Iva mit frischen Windeln. Quelle: Dirk Schneider

„Am Anfang habe ich mir das alles ganz anders vorgestellt“, sagt Jorden. Der einzige Junge in dem Projekt hat sich gut in die Rolle als Probevater eingearbeitet. „Es ist gar nicht so abschreckend wie ich dachte, es macht auch Spaß Verantwortung zu übernehmen.“ Nach Schulabschluss, Berufsausbildung und einigen Jahren im Job könnte er sich vorstellen, eine Familie zu gründen. „Mit 40 oder so“, sagt der 16-Jährige lachend.

Unterricht über Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft

Für Daniela Le Grand ist es wichtig, dass sich die Jugendlichen möglichst wirklichkeitsnah mit dem Thema künftiger Elternschaft auseinandersetzen und diese Ergebnisse auch im Gespräch an die Mitschüler weitergeben. So habe man in den ergänzenden 16 Unterrichtsstunden über Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft diskutiert, habe in Geschäften die Kosten für Babybekleidung, Nahrung oder Windeln erfragt und verschiedene Hilfsangebote des Familienzentrums Neustadt vorgestellt. Dessen Träger ist der Kinderschutzbund Ostholstein, der das Projekt im Rahmen der „Frühen Hilfen“ pro Jahr kreisweit an etwa 20 Schulen durchführt.

Baby ade, Abschied tut weh

Baby ade, Abschied tut weh. Zum Abschluss der Eltern-Probezeit machen Lisa und Zeynab noch ein Selfie von sich mit den Babypuppen Nick und Amir. Foto: Dirk Schneider

Von Dirk Schneider

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