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Warum ich mein Heimatland nicht liebe

Warum ich mein Heimatland nicht liebe
Foto: Unsplash/ @Christian Wiediger

Wie viel Vaterlandsliebe ist gut für uns? Über diese Frage wird in Deutschland immer wieder gestritten. Ein verbaler Seitenhieb des CDU-Generalsekretärs Paul Ziemiak gegen den Bundesvorsitzenden der Grünen Robert Habeck hat die Diskussion neu entflammt. MADS-Autorin Nina ist sich sicher: Sie liebt ihr Heimatland nicht. Im Artikel erklärt sie, woran das liegt.


Ich liebe meine Familie und Freunde. Ich liebe gutes Essen und Urlaub am Meer. Mein Heimatland liebe ich allerdings nicht. Dass diese skeptische Einstellung gegenüber Patriotismus, Vaterlandsliebe und Nationalstolz bei vielen blankes Entsetzen auslöst, zeigte zuletzt ein verbaler Angriff des CDU-Genralsekretärs Paul Ziemiak auf den Bundesvorsitzenden der Grünen Robert Habeck.

„Jemand wie Habeck, der Vaterlandsliebe nicht kennt, sollte nie Verantwortung für dieses Land bekommen“, verkündete Ziemiak beim Deutschlandtag der Jungen Union in Saarbrücken. Damit bezieht er sich auf das 2010 veröffentlichte Buch „Patriotismus. Ein linkes Plädoyer“ des Grünen-Politikers Habeck, in dem dieser schreibt: „Patriotismus, Vaterlandsliebe also, fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht.“ Die Junge Union zeigte sich prompt von Ziemiaks aufgewärmten Seitenhieb begeistert, teilte das Zitat auf Twitter und löste eine Diskussion im Netz aus. Die Meinungen: wie zu erwarten gespalten.

Ich dagegen kann Habecks Aussage nur zustimmen: Wirkliche Vaterlandsliebe habe ich nie empfunden. Während meiner Kindheit liebte ich Deutschland nicht, weil ich gar nicht erst darüber nachdachte. Warum auch? Deutschland empfand ich nur als ein Fleckchen Erde in Europa, auf dem ich mit den Menschen, die ich liebte, wohnte. Später in der Uni fand ich dann noch bessere Gründe, mein Heimatland nicht zu lieben. Nicht, weil ich hier nicht gerne lebe. Sondern, weil ich in meinem Studiengang der Soziologie lernte, dass mit der Liebe zum Heimatland immer auch Ab- und Ausgrenzung einhergeht. Und ausgrenzen wollte und will ich niemanden. Weder meine Freunde, deren Eltern nach Deutschland eingewandert waren, noch die Menschen, denen ich im Urlaub in ihren Herkunftsländern begegnete.

Liebe allein auf dem Geburtsort und der Abstammung begründen? In meinen Augen nicht nur unverständlich – sondern auch gefährlich. Der zweite Weltkrieg und zuletzt das Attentat aus Halle beweisen, wie eng Heimatliebe und Nationalstolz mit Fremdenfeindlichkeit verknüpft sind. „Der Patriotismus in Deutschland ist so furchtbar, weil er so grundlos ist“, formulierte Max Horkheimer, Vertreter der Frankfurter Schule, 1959. „Nichts von Liebe ist darin, …, nichts als Machtgier und Aggression.“

Ich liebe Demokratie, Menschenrechte und das Ziel der Gleichberechtigung. Manche bezeichnen diese Liebe wohl als „Verfassungspatriotismus“. Doch bei dem Begriff Patriotismus wird mir mulmig – zum Kotzen, finde ich es, wie Habeck sagen würde. Ein Gefühl, für das ich mich ganz sicher nicht schäme.


Über den Autor/die Autorin:

Nina Hoffmann

Nina (22) studiert Soziologie und kennt somit alle Sprüche über eine Karriere als Taxifahrerin. Statt an ihren Fahrkünsten zu feilen, liest sie lieber Texte über Gender-Fragen und Emanzipation - oder noch besser: Die dazugehörigen Kommentare der Facebook-Nutzer/innen.

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