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Obdachlos in Wismar: „Es gibt Schlimmeres“

Obdachlos in Wismar: „Es gibt Schlimmeres“
Foto: Klaus Amberger

Ein paar Hundert Obdachlose soll es in MV geben, genaue Zahlen gibt es nicht. Zwei Betroffene, eine Frau und ein Mann, leben derzeit in der Notunterkunft für Obdachlose in Wismar.

Ruhig ist es in der Notunterkunft für Obdachlose am Mittag, sehr ruhig. „Zwischen 9 und 16 Uhr sollen die Bewohner nicht auf ihren Zimmern sein“, sagt die Leiterin des Hauses, Manuela Latchinian. Damit sie, meist sind es Männer, nicht den ganzen Tag auf dem Bett liegen. Also ist es jetzt ruhig im Haus – die Leute sind draußen, irgendwo. Sie dürfen aber auch im Gemeinschaftsraum sitzen.

Friedrich kommt fast zeitgleich mit Ulrike (Namen von der Redaktion geändert) zurück. Niemand käme bei beiden auf die Idee, dass sie hier untergekommen sind. Normal gekleidet, gepflegt, freundlich. Seit Oktober haben sie in der Notunterkunft des Diakonie-Werks im nördlichen Mecklenburg ein vorübergehendes Zuhause gefunden. Der 41-jährige staatlich geprüfte Sozialhelfer ohne Arbeit sagt: „Ich konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Pflege arbeiten.“ Dann habe vieles nicht geklappt und er stand ohne Bleibe da. Bei der 55-Jährigen mit den wachen Augen, die um Jahre jünger aussieht, gibt es andere Gründe, warum sie hier ist: „Ich bin psychisch angeschlagen, war chronisch erschöpft und habe nichts mehr auf die Reihe bekommen.“

Nicht nur einfache Mitbewohner

Die ersten Tage in der Unterkunft sind nicht einfach, berichtet Friedrich. „Die Privatsphäre ist sehr eingeschränkt“, erklärt Ulrike. Es gibt einen Gemeinschaftsraum, ein Gemeinschaftsbad, nicht jeder Bewohner ist unproblematisch. „Es gibt Alkoholiker, Männer, die Drogen einnehmen, Leute die mitunter schnell aggressiv werden können“, sagt Leiterin Latchinian. Manch Neuankömmling komme völlig, auch mit Urin und Kot verdreckt und müsse zunächst geduscht und eingekleidet werden. Ja, der Geruch sei im Haus manchmal deutlich.

Schnell weg hier

Ulrike erledigt tagsüber Behördengänge, geht zum Arzt oder besucht mal eine Freundin. Friedrich versucht, eine Wohnung zu bekommen. Die Ämter müssen zustimmen. Beide wollen schnell weg aus der Unterkunft, die Tag und Nacht von zehn Mitarbeitern betreut wird. Sie könnten zu ihren Familien ziehen? „Mit der habe ich nichts am Hut“, meint Friedrich. „Meine Kinder wohnen sehr beengt“, sagt Ulrike. „Aber Weihnachten bin ich bei meinem Sohn – ich bin ein Weihnachtsmensch.“

Statistik ist unzuverlässig

Bundesweit wird die Anzahl der wohnungslosen Menschen auf 237 000 geschätzt (Quelle: Statistica 2020). Doch genaue Zahlen gibt es kaum. In MV wird von einer dreistelligen Zahl im unteren Bereich ausgegangen. Es gibt bislang keine zuverlässigen Erfassungen in Deutschland.

Zu den Hauptursachen für Obdachlosigkeit, die alle sozialen Schichten treffen können, gehören Zwangsräumungen, sagt die Leiterin des Wismarer Hauses. „Für mich ist das ein total schöner Job“, sagt Manuela Latchinian. Erfolg ist, wenn Bewohner wieder eine Wohnung, womöglich gar Arbeit bekommen. „Denn hier werden sie nur aufbewahrt, Beratungen und Zuwendungen gehören nicht zu unseren Aufgaben – aber wir tun das trotzdem.“ Deshalb sei einer ihrer Wünsche, Alternativen zu Notunterkünften zu schaffen, wo die Betroffenen betreut und gefördert werden.

Nur engste Freunde wissen Bescheid

Für Friedrich ist die Notunterkunft „die krasseste Sache, die ich bisher erlebt habe“. Ulrike nickt und pflichtet ihm bei. „Aufgeben is’ nich’“, sagt sie. Er: „Es gibt Schlimmeres.“ Sie sagt: „Meine Familie und die besten Freundinnen wissen Bescheid, wo ich gerade lebe.“ Friedrich meint: „Nur eine Handvoll engster Freunde wissen, wo ich bin.“ Vielleicht haben beide im ersten Quartal des neuen Jahres wieder eigene Wohnungen. „Endlich wieder für sich sein, den eigenen Rhythmus leben“, sagt Ulrike.

Gemeinsame Mahlzeiten tun gut

Friedrich, der 1,93 Meter große Mann, möchte am liebsten in einer Werkstatt für Behinderte arbeiten. Wenn sie könnte, würde Ulrike mal in Dänemark Urlaub machen. Falls es Geld regnen würde, „ist mein Traum Australien“. Friedrich ist am liebsten an der Ostsee, „besonders gern am Niendorfer Strand“. Gibt es zurzeit positive Lichtblicke im Leben? „Es ist ein Glücksfall, dass es solche Notunterkünfte mit solchen Mitarbeitern wie in Wismar gibt“, sagt Ulrike. „Die gemeinsamen Mahlzeiten tun gut“, sagt Friedrich.

Hat die Leiterin der Einrichtung noch einen Weihnachtswunsch? „Wir brauchen Männer-Unterhosen, Masken, Handschuhe, Hygieneartikel.“ Und noch etwas: „Diese Menschen gehören nicht an den Rand, sondern in die Mitte der Gesellschaft.“

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Von Klaus Amberger

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