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Anna Kassautzki (27) aus Greifswald von der SPD: „Meckern reicht nicht“

Anna Kassautzki (27) aus Greifswald von der SPD: „Meckern reicht nicht“
Foto: Laura Schirrmeister

Die Greifswalder Studentin Anna Kassautzki engagiert sich seit sieben Jahren in der SPD. Ihr Interesse für Politik wurde unter anderem durch einen Angriff von rechten Schlägern geweckt. Die 27-Jährige ist Teil einer OZ-Serie über junge Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern.

„Ich fühle mich hier unfassbar gut“, sagt Anna Kassautzki. Seitdem die 27-Jährige vor fast drei Jahren vom anderen Ende Deutschlands nach Greifswald zog, möchte sie nicht wieder weg vom Ryck. Die junge Frau studiert in der Hansestadt Politikwissenschaft, nachdem sie sich an der Uni Passau (Bayern) in die Staatswissenschaften vertieft hatte.

Anna Kassautzki ist Mitglied der SPD, seit sieben Jahren. Sie stammt aus Heidelberg, wuchs in einem 800-Seelen-Ort in Hessen auf und redet geradeaus, so dass ihre links-sozialdemokratisch-feministische Färbung sichtbar wird. Sie schätzt Manuela Schwesig, sie ist beeindruckt von dem 2020 verstorbenen Sozialdemokraten Rüdiger Veit, der „sich nie verbogen hat“. Sie mag auch Gregor Gysi von den Linken und Norbert Lammert von der CDU. „Die beiden zeigen, dass man einander wertschätzen kann, obwohl man nicht in der gleichen Partei ist.“

Ihre entscheidende Politisierung im Jugendalter erfolgte durch Probleme mit Rechten in ihrer Heimat, als ein Jugendcamp von Neo-Nazis überfallen wurde. „Das können wir jungen Leute doch nicht so unwidersprochen stehen lassen, dachte ich damals, und bildete eine Ortsgruppe der Antifaschistischen Bildungsinitiative e.V. in meiner Region, mit Bildung und ohne Gewalt gegen Nazis“, erzählt sie.

„Ich möchte mitmischen.“

Warum musste es aber später die SPD sein? „Ausschlaggebend war, dass uns die SPD als Jugendparlament im Kreistag ernst genommen hat.“ Vieles finde sie bei den Sozis zwar nicht perfekt. „Aber meckern reicht nicht – ich möchte mitmischen.“ Mit einer Partei im Rücken könne sie mehr bewirken, etwa um demokratische Entwicklungen voranzutreiben.

Anna Kassautzki lebt in einer WG. „Dadurch habe ich in der jetzigen Corona-Situation ein paar echte Kontakte, ansonsten nur digital – ich bin da sehr strikt.“ Zu ihren politischen Schwerpunkten gehören vor allem Innen-, Umwelt- und Gleichstellungspolitik.

„Soziale Medien spielen für politische Arbeit eine große Rolle“, sagt sie. Man komme mit ihrer Hilfe schnell an Infos, sie bieten Möglichkeiten des Austausches, für die Weiterbildung und man könne Standpunkte setzen.

Soll man mit Rechten reden?

„Man muss mit rechten Leuten reden, aber ihnen keine Plattform bieten“, erläutert die Studentin. „Man braucht allerdings bei Diskussionen eine gemeinsame Basis, einen humanistischen Grundkonsens: Jedes Menschenleben ist gleich viel wert. Mit überzeugten Nazis kann ich so eine Basis nicht finden und dann ist bei mir eine rote Linie erreicht.“

Ihre größte Sorge: Man kann die Probleme nicht isoliert voneinander betrachten. Der Kampf gegen Rechts, gegen das Postfaktische, gegen die Spaltung der Gesellschaft, gegen das Misstrauen. „An manchen Stellen hat die Gesellschaft den Dialog verlassen“, registriert sie. „Der aggressive, toxische Grundton bei Online-Debatten ist zum Teil schon in den Alltag gesickert.“

Demokratiebildung ist ihr wichtig

Deshalb plädiert sie für mehr Demokratiebildung in den Schulen. Zum Beispiel seien Diskussionen über Rassismus vonnöten, wie er wirkt und wie man ihm begegnet. „Kritisches Hinterfragen kann fächerübergreifend trainiert werden – die Schüler brauchen Medienkompetenz, um echte von gefälschten Fakten unterscheiden zu können.“ Die Corona-Krise mache deutlich, wie wichtig es ist, sich online auf dem Laufenden zu halten und den kritischen Blick nicht zu verlieren.

„Der Staat muss die Grundversorgung sicherstellen“, sagt die Sozialdemokratin. Die Energie- und Wasserversorgung etwa sollte in staatlicher Obhut liegen. „Auch die digitale Infrastruktur oder der Wohnraum sollte nicht nur dem freien Markt überlassen werden.“

Kandidatin für den Bundestag

Anna Kassautzki, die gern fotografiert und Fahrrad fährt, bewirbt sich gerade um die Kandidatur für den Bundestag. „Ich hoffe auf eine linke Mehrheit bei der Wahl im September.“ Rot-Rot-Grün fände sie gut. „Wir brauchen eine progressive Politik für die Bewältigung der Klimakrise, den digitalen Wandel und die Veränderungen in der Arbeitswelt.“

Doch jetzt hofft sie, dass bald ihre Greifswalder Stammkneipe „Ravic“ wieder öffnet. „Am Tresen oder beim Rauchen komme ich immer mit Menschen in Gespräch, die andere Ansichten und Meinungen ins Gespräch bringen.“ Die Gespräche sind dann geradeaus, sozialdemokratisch – und mit ihrem eigenen ironischen Humor ausgestattet. An ihrem rechten Oberarm steht in Arabisch tätowiert: „Ente süß-sauer“. Warum Arabisch? „Weil ich diese Sprache lernen möchte“, sagt die Linkshänderin.

INFO:

Rund 61 Jahre – so alt sind durchschnittlich die Mitglieder CDU in Deutschland, in der SPD sind es 60 Jahre, in der AfD 51 Jahre, in der Linken 55, in der FDP 51, bei den Grünen 48 Jahre.

 In MV gibt es knapp 5000 Christdemokraten, im Schnitt sind sie 58 Jahre alt. Die Grünen zählen hierzulande gut 1050 Mitglieder. Im Schnitt sind sie knapp 46 Jahre alt. SPD: knapp 3000 Mitglieder, Durchschnittsalter 55. FDP: fast 700 Mitglieder, Durchschnittsalter 52. Die Linke: mehr als 3200 Mitglieder bei einem durchschnittlichen Alter von etwas mehr als 67 Jahren. Die AfD: rund 800 Mitglieder, im Schnitt haben sie ein Alter von Ende 40.

An dieser Stelle stellt MADS junge Mitglieder der Parteien vor.

Bereits erschienen sind:

Niklas Ziemann (20) vom Darß bei der CDU: „Extreme sind nichts für mich“

„Ich bin links-grün versifft“: Was Sebastian Hüller (20) aus Teterow zu den Grünen treibt


„Sahra Wagenknecht ist interessant“: Nico Jahnke (23) von der AfD aus Strasburg

Von Klaus Amberger

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