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Als Azubi ins Ausland? Klar – Erasmus ist nicht nur etwas für Studenten

Als Azubi ins Ausland? Klar – Erasmus ist nicht nur etwas für Studenten
Foto: Unsplash.com/ Simon Rae

Erasmus ist nur etwas für Studenten, die im Ausland ein oder mehrere Semester abfeiern wollen? Nö. Hinter Erasmus+, dem „EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport“, verstecken sich viele verschiedene Programme, die nicht nur Studenten fördern, sondern auch Lehrer, Jugendliche – und Auszubildende. Diese vier Azubis erzählen, wie ihr Auslandsaufenthalt war:


Als Erzieherin in Norwegen

​Frühstück vorbereiten, Zähne putzen, wickeln, spielen, gemeinsam schlafen und kochen – sowie jeden Mittwoch einen Ausflug in die Museen Oslos oder die norwegische Natur. So sah der Arbeitsalltag von Marie Brisgies während ihres sechsmonatigen Praktikums im deutschen Kindergarten in Oslo aus. Doch hinter der schönen, skandinavischen Fassade versteckte sich noch viel mehr. Denn neben den üblichen Aufgaben als Praktikantin im Anerkennungsjahr, welches sich in Nordrhein-Westfalen an die zweijährige schulische Ausbildung zur Erzieherin anschließt, musste sich die 22-Jährige aus Höxter außerdem ein WG-Zimmer, die Anreise und ein unterstützendes Erasmus-Stipendium organisieren. Dazu kamen die Planung eines eigenen Projekts, ein Portfolio, Elterngespräche und Teamsitzungen, die auch ihre Mitschüler stemmen mussten.

Marie Brisgies arbeitete als Erzieherin in Oslo. Foto: Privat

„Das war echt viel Arbeit, weil ich die Erste meiner Schule war, die für ein halbes Jahr mit Erasmus ins Ausland gegangen ist.“

Marie Brisgies

Auf die Idee ist sie jedoch nicht von selbst gekommen: Ihre Lehrer haben die Kooperation mit Oslo begonnen, Marie musste sich bewerben, doch der Rest war Pionierarbeit in Eigenregie. Der große Organisationsaufwand hat sich gelohnt: Nicht nur für die Schüler, die nach Marie nun regelmäßig nach Oslo geschickt werden, sondern auch für sie selbst. „Jedes Bundesland hat andere Ansätze, in Österreich sowie in Norwegen gibt es unterschiedliche Erziehungskonzepte, sodass bei uns alle Welten aufeinandergeprallt sind.

Skandinavier offen und familiärer

Deshalb waren alle viel offener, wir haben uns gegenseitig angehört – und einen Kompromiss gefunden“, erklärt sie. Doch auch privat hat Marie Norwegen näher kennengelernt. „In Norwegen herrscht ein großes Miteinander. Neue werden häufig nach Hause eingeladen, sogar von den Familien der Kinder, gesiezt wird nur der König: Alles ist familiärer als in Deutschland.“


Als Flugzeugelektroniker in Spanien

​Ein bisschen besorgt war Henry Bonesteel (19) schon, als er in den Flieger nach Spanien stieg. Klappt das mit der Unterkunft? Verstehe ich meine Kollegen überhaupt, obwohl ich kein Spanisch spreche? Von Ende Januar bis Anfang März hat der angehende Fluggeräteelektroniker ein Erasmus-Praktikum in Madrid beim CAE Flight Training Services gemacht. Seine Sorgen stellten sich schnell als unbegründet heraus: Mit der Airbnb-Wohnung gab es keine Probleme und bei der Arbeit wurde hauptsächlich englisch gesprochen. Normalerweise arbeitet Henry in Bückeburg bei der Bundeswehr. Dort wartet er alle elektronischen Komponenten im Flugzeug und sorgt etwa für eine störungsfreie Funk-Kommunikation. Besonders die Arbeit an den Militärluftfahrzeugen begeistert ihn: „Da hat man schon viel Verantwortung und muss sehr präzise arbeiten“ sagt er. „Nicht jeder darf daran arbeiten“.

Henry Bonesteel arbeitete in Madrid an Flugsimulatoren. Foto: Privat

In Madrid kümmert er sich weder um Militär- noch um Urlaubsflieger, sondern um Flugsimulatoren – und zwar nachts. Denn Henry fängt erst um 22 Uhr an zu arbeiten, Schichtende ist um 6 Uhr.  „Am Anfang habe ich eigentlich den ganzen Tag geschlafen“, sagt er. „Da war nicht viel mit Freizeitgestaltung“. Nach anderthalb Wochen hat er sich an die Arbeitszeiten gewöhnt, dann erkundigt er auch mal tagsüber mit Kollegen Madrid, geht in Museen und Restaurants. In Spanien sei die Arbeit etwas entspannter. „Die haben nicht so einen Dampf bei der Arbeit – und schaffen trotzdem viel“, sagt er. 


Große Verantwortung in Nizza

​Als Jana Lange nach nur drei Monaten Praktikum in einem Hotel im französischen Nizza das erste Mal allein hinter der Rezeptionstheke stand, musste die 25-Jährige erst einmal schlucken. „Wir hatten schließlich nicht nur Urlauber, die englisch sprachen, zu Gast. Sondern auch französische Berufsreisende.

Ein halbes Jahr in Nizza: Jana Lange wird Eventmanagerin. Foto: Privat

Grenzen überschreiten

Das war schon eine Herausforderung, alles auf französisch abzuwickeln“, erklärt die mittlerweile ausgebildete Assistentin im Tourismus- und Eventmanagement. Nachdem sie zwei Jahre in der Sabine-Blindow-Schule in Hannover gelernt hatte, stand das Praxisjahr an. In dem Jahr sollen die Auszubildenden berufliche Erfahrung sammeln und mindestens ein halbes Jahr im Ausland verbringen, dessen Sprache sie nicht als Muttersprache beherrscht. Janas Wahl fiel auf Frankreich. Viel Organisationsaufwand hatte sie nicht: Zwar musste sie sich selbst um einen Praktikumsplatz kümmern, doch konnte sie auf die Erfahrungen ihrer Vorgänger zurückgreifen und nach konkreten Unternehmen sowie Tipps fragen.

„Ich konnte sogar meine Vorgänger ansprechen und nach ihren Erfahrungen fragen.“

Jana Lange

Das WG-Zimmer organisierte ihr Praktikumsunternehmen, den Papierkram und den Antrag auf das Erasmus-Stipendium von 2500 Euro erledigte sie gemeinsam mit der Erasmus-Beauftragten der Schule. Auf die Arbeit vor Ort konnte sie jedoch niemand vorbereiten. „In Frankreich habe ich gelernt, wo meine Grenzen sind und wie ich sie überschreiten kann“, erklärt sie. Zwar ist der Hotel-Betrieb in jedem Land stressig. Doch die Franzosen behandeln Praktikanten noch einmal anders: „In Deutschland ist die Praktikantin in der Rangordnung ganz unten. Die Franzosen geben dir dagegen viel mehr Verantwortung. So durfte ich selbst entscheiden, wie ich mit Beschwerden umgehe und nach drei Monaten allein an der Rezeption stehen.“ Das sei nicht nur herausfordernd, sondern auch lehrreich gewesen. Genau so, wie ein Praktikum sein sollte. 


Altenpflege in Irland

​Am besten gefällt Aleksandra Kleczkowska die Zeit mit den Bewohnern im Altenheim. „Ich mag es, für Menschen da zu sein“, sagt die angehende Altenpflegerin. Für die Bewohner da zu sein, ist nur nicht immer ganz leicht für die 25-Jährige. Denn in Deutschland herrscht Pflegenotstand. Es gibt zu wenig Personal und dann hapert es genau an dem, was Alexandra so schätzt: Der Zeit mit den Patienten.

Aleksandra Kleczkowska arbeitete im Simpson’s Hospital im Dundrum.

Ganz anders als in Irland: Im Rahmen des Erasmus-Programms hat Aleksandra für fünf Wochen im Simpson’s Hospital im irischen Dundrum, in der Nähe von Dublin, gearbeitet. Dort sind nicht nur die Stellen ausreichend besetzt, die ganze Arbeitsstruktur ist anders. Statt fünf Tage, arbeiten die Iren nur drei pro Woche. Dafür aber jeweils zwölf Stunden am Stück. „Das war am Anfang schon anstrengend“, sagt Aleksandra. „Um 12 Uhr kann ich in Deutschland schon fast wieder nach Hause gehen. In Irland habe ich da noch acht Stunden vor mir“.

Altenpflege in Irland flexibel und weniger anstrengend

Die lange Arbeitszeit sei aber flexibler organisiert und deswegen weniger anstrengend. Die Bewohner frühstücken – anders als in Deutschland – im Bett und werden erst danach angezogen und gewaschen. „Das ist viel weniger Stress für uns“ sagt sie. Generell seien die Iren deutlich entspannter als die Deutschen, findet Aleksandra. „Ich habe jetzt auch mehr Selbstvertrauen und bin gelassener geworden“, sagt sie. Das hilft ihr bei dem oft stressigen Alltag in Deutschland. Die 1350 Euro, die sie für das Praktikum von der Erasmus-Organisation bekommen hat, haben für eine Unterkunft in einer Gastfamilie und den Flug gereicht. Bei allem anderen musste sie draufzahlen. 


Das ist Erasmus+

  • Das Programm fördert Auszubildende, die einen Teil ihrer Ausbildungszeit oder ein Praktikum im Ausland absolvieren wollen.
  • Gefördert werden Aufenthalte von zwei Wochen bis zu zwölf Monaten, wobei jedoch nur ein Viertel der Ausbildungszeit im Ausland verbracht werden darf.
  • Zielländer sind neben 26 EU-Mitgliedsstaaten Island, Liechtenstein, Nordmazedonien, Norwegen, Serbien, die Türkei und das Vereinigte Königreich – zumindest noch.
  • 14,7 Milliarden Euro hat die EU seit 2014 bereitgestellt, um etwa vier Millionen Europäer bis 2020 fördern zu können.
  • Das Stipendium unterstützt Azubis bei den Reise-, Aufenthalts- und Organisationskosten, manchmal sogar bei Sprachkursen. Es werden, abhängig vom Zielland, Pauschalen berechnet. Außerdem bekommt man weiterhin seinen normalen Ausbildungslohn.
  • Man kann sich nicht direkt auf ein Erasmus+-Stipendium bewerben. Dies können nur Bildungseinrichtungen oder Organisationen, also berufliche Schulen, Unternehmen etc. Sollte deine Schule oder dein Unternehmen keine Kooperationen mit Auslandsbetrieben haben, kannst du dir entweder selbst einen Platz suchen (sofern es dein Ausbildungsbetrieb erlaubt) oder dich bei einem Pool-Projekt bewerben: Dies ist ein Pool von offenen Projektplätzen, auf die du dich bewerben kannst.
  • Weitere Informationen rund um das Thema findest du unter erasmusplus.de/erasmus/ oder machmehrausdeinerausbildung.de/dein-auslandspraktikum/

Von Sarah Seitz und Kira von der Brelie


Über den Autor/die Autorin:

MADS-Team

Unter diesem Namen sammeln wir Beiträge von Gastautoren, Autorenkollektiven oder freien Mitarbeiter bei MADS. Die Namen des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin stehen dann immer unter dem einzelnen Beitrag.

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