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Zurück zur Wehrpflicht? – Für Soldatin Vanessa (18) und Abiturient Finn (18) der falsche Weg

Zurück zur Wehrpflicht? – Für Soldatin Vanessa (18) und Abiturient Finn (18) der falsche Weg
Foto: Frank May/dpa

Die Wehrbeauftragte Eva Högl schlägt eine Rückkehr zur Wehrpflicht vor. Was das für sie bedeuten würde, erklären Vanessa (18) und Finn (18): Vanessa ging mit 17 Jahren zur Bundeswehr, Finn kann sich einen Wehrdienst nicht vorstellen.


„Meine Entscheidung habe ich nie bereut“

Vanessa (18) ging mit 17 Jahren zur Bundeswehr

Als ich mich mit 17 dafür entschied, einen Freiwilligenwehrdienst zu machen, erntete ich von meinen Freunden erst mal Skepsis. Viele interessierten sich nicht für die Bundeswehr und tatsächlich war ich auch die Einzige von uns, die ihr Gap Year dort verbringen wollte. Während meine Freunde ins Ausland gingen, ging es für mich in die Kaserne. Meine Entscheidung habe ich nie bereut.

Die ersten drei Monate verbrachte ich in der Grundausbildung. Ich lernte, zu marschieren, mich zu tarnen und musste vor allem ziemlich viel stehen und warten. Vorher hätte ich mir nicht vorstellen können, wie schwierig das ist. An sogenannten Geländetagen übten wir verschiedene Bewegungsarten und mussten dabei einen etwa 20 Kilo schweren Rucksack tragen. Natürlich gehörte auch eine zweiwöchige Schießausbildung dazu. Das war etwas ganz Neues für mich. Wer hat in Deutschland schließlich schon mal eine Waffe in der Hand?

„Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee wäre, die Wehrpflicht wieder einzuführen.“

Vanessa (18), Wehrdienstleistende

In diesen drei Monaten bin ich ziemlich über mich und meine Grenzen hinausgewachsen. Ich gewann nicht nur an Disziplin und Durchhaltevermögen, sondern lernte auch, wie wichtig Rücksichtnahme und Kameradschaft ist. Meine restlichen sieben Monate beim Sanitätsdienst leiste ich nun in einem Bundeswehrkrankenhaus in Berlin ab. Um 5 Uhr morgens aufzustehen ist für mich mittlerweile kein Problem mehr.

So gut mir die Zeit hier beim Bund gefallen hat – ich weiß nicht, ob es eine gute Idee wäre, die Wehrpflicht in ihrer damaligen Form wieder einzuführen. Ich fand es gerade so toll, dass ich mich freiwillig für diesen Dienst entschieden hatte. Und es beruhigte mich, dass ich ihn notfalls noch bis zum sechsten Monat hätte abbrechen können. Der Vorschlag der Wehrbeauftragten Eva Högl ist meiner Meinung nach der falsche Ansatz. Wenn die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte, dann auf jeden Fall auch für Frauen. Es sind viel zu wenige Frauen bei der Bundeswehr – und genau das sollte meiner Meinung nach gefördert werden. Außerdem bezweifle ich, dass man mit der Maßnahme rechten Tendenzen entgegenwirken könnte. Sicherlich hätte man ein bisschen mehr Vielfalt in den Gruppen. Einige würden die Bundeswehr durch den Wehrdienst kennenlernen und letzten Endes auch dort bleiben wollen, aber das eigentliche Problem bekämpft das ganz bestimmt nicht.

Schon besser gefällt mir die Idee von Annegret Kramp-Karrenbauer, die den neuen Freiwilligenwehrdienst „Dein Jahr für Deutschland“ einführen will. Dort erhalten junge Menschen eine sechsmonatige Grundausbildung und verbringen weitere sechs Monate bei der Reserve. Man sollte für solche Freiwilligendienste mehr werben. In meinem Umfeld habe ich das Jahr schon allen ans Herz gelegt und meine Freunde finden es mittlerweile cool, was ich ihnen erzählt habe. Ich möchte Jura studieren und kann deshalb nicht beim Bund bleiben – trotzdem nehme ich aus dieser Zeit viel mit.

Aufgezeichnet von Regina Seibel

„Ein fataler Rückschritt in alte Muster“

Finn (18) ist gegen eine Wehrpflicht

Um das vorab zu klären: Ich weiß, dass die Bundeswehr ein wichtiges Instrument unserer Demokratie ist. Dass wir ein handlungsfähiges Militär brauchen, liegt für mich auf der Hand, egal wie pazifistisch man eingestellt ist. Dass wir dafür eine allgemeine Wehrpflicht brauchen, wie es die Wehrbeauftragte Eva Högl fordert, ist falsch. Als 18-jähriger Junge hätte ich wohl schon eine Benachrichtigung vom Kreiswehrersatzamt bekommen, wenn es nach ihr ginge. Ob ich dem Aufruf einfach so gefolgt wäre? Wohl eher nicht.

Der Häufung rechter Tendenzen in den Reihen der Bundeswehr mit einer allgemeinen Wehrpflicht zu begegnen, wie es Högl fordert, lenkt vom eigentlichen Problem ab: So lange es anscheinend möglich ist, dass sich – wie zuletzt im Mai bekannt wurde – mehrere Kilogramm Sprengstoff und tausendfach Munition bei einem offenkundig rechtsgesinnten Elitesoldaten zu Hause ansammeln, ist jede Nachwuchsgewinnung ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn wenn das System Bundeswehr sich nicht dagegen wehrt, attraktiver Arbeitgeber für Uniformfetischisten und Wehrmachtsromantiker zu sein, kann kein Fußsoldat dieser Welt Rechtsextremismus verhindern.

Die Bundeswehr ist – wie der Name schon sagt – im Verwaltungsbereich des Bundes angesiedelt. Davon profitiert die Truppe in der Debatte um eine allgemeine Wehrpflicht ungemein. Sie ist nämlich nicht die einzige Institution, die auf Nachwuchs angewiesen ist. Als Feuerwehrmann kann ich diesen Prozess sogar aus nächster Nähe beobachten. In den Freiwilligen Feuerwehren, die in den allermeisten Gegenden Deutschlands in allen möglichen Notsituationen zur Hilfe eilen, spüren wir seit Jahren den Mitgliederverlust. Dabei ist unsere Aufgabe für ein sicheres Zusammenleben unerlässlich. Schon jetzt ist die Bundeswehr den Brandbekämpfern gegenüber bevorteilt – etwa durch das Recht, Meldedaten Jugendlicher zu verarbeiten, um ihnen Werbung für den Kriegsdienst zukommen zu lassen. Feuerwehren sind nämlich Sache der Kommunen.

Das Nachwuchsproblem des Bundes mit der brutalen Keule Wehrpflicht zu bekämpfen, während Feuerwehr, Katastrophenschutz, Sanitätsdienste und viele andere nicht einmal als ebenso systemrelevant erkannt werden, ist eine grobe Verzerrung der Situation. Und sie tritt das Engagement Tausender Freiwilliger in den Hilfsorganisationen mit Füßen. In unserem Grundgesetz heißt es, niemand dürfe zu einer Arbeit gezwungen werden, „außer im Rahmen einer (…) für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht“. Und doch soll die Wehrpflicht in der aktuellen Debatte nur für junge Männer gelten, nicht für ihre weiblichen Mitmenschen. Das wäre ein fataler Rückschritt in alte Denkmuster.

„Die Wehrpflicht tritt das Engagement Freiwilliger mit Füßen.“

Finn (18), Abiturient

Kurz gesagt übersieht der Versuch, das Rechtsproblem der Bundeswehr mit einer Wehrpflicht für Männer zu lösen, völlig, dass er nichts anderes tut, als Rassismus mit Sexismus zu bekämpfen. Eine Wehrpflicht, die nur „allgemein“ heißt und eigentlich „männlich“ ist – da mache ich sicher nicht mit.

Von Finn Bachmann


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1 Kommentar

  1. Avatar

    Wer den Sumpf austrocknen will darf nicht die Frösche fragen. Dass ein 18-jähriger gegen Wehrpflicht/Zivildienst ist liegt doch auf der Hand. Wer einen 6-jährigen fragt was es die nächsten 2 Jahre zum Abendessen geben soll muss damit rechnen dass die Entscheidung auf Eiscreme fällt. Damals fanden nahezu alle in dem Alter doof (knapp) ein Jahr Dienst zu leisten, was nichts daran ändert dass es in der überwiegenden Mehrheit förderlich für die individuelle persönliche Entwicklung war. Wer heute täglich mit Auszubildenden oder Studenten zu tun hat wünscht sich häufig, dass viele dieser ein Jahr länger hätten reifen können bevor sie in die Wildnis durften. Ein solches Pflichtjahr lehrt Demut und erweitert den Horizont. Wer sich dagegen ausspricht spricht sich auch grundsätzlich gegen Weiterbildung aus, unserer Gesellschaft ist dieser Missstand heute in allen Ecken anzumerken.

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