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Wo bleiben die feministischen Männer?

Wo bleiben die feministischen Männer?
Foto: Christian Charisius/dpa

Die #MeToo-Debatte zeigt: Wir brauchen neue Rollenbilder. Wenn sich wirklich etwas ändern soll, braucht es viel Einsatz, weibliche Solidarität – und Männer, die sich ebenfalls für Frauenrechte einsetzen. Ein Gastbeitrag von Jagoda Marinić.


MeToo, das ist ein einfacher Hashtag. Doch hinter diesem Hashtag verbirgt sich eine der größten und wichtigsten Frauenbewegungen der Welt. Die britische Schauspielerin Emma Thompson äußerte in einem Interview, wie glücklich sie sich schätze, dieses Stadium der Frauenbewegung miterleben zu dürfen. Eine so kraftvolle Bewegung ist eine große Chance für Frauen. Doch auch für die Männer. Beide könnten sich neu erfinden.

In Deutschland leben wir zwar in Zeiten von #MeToo, doch droht die Wucht der Bewegung an uns vorbeizugehen. Es sind, abgesehen von Dieter Wedel, kaum Namen gefallen. Eine der wenigen bekannten Frauen, die in Deutschland vorgelebt hat, was #MeToo erreichen kann, ist die Moderatorin Charlotte Roche.

Jagoda Marinić

Jagoda Marinić Quelle: Dorothee Piroelle/S. Fischer Verlag

Sie war, nachdem sie im „Spiegel“ von den Übergriffen berichtet hatte, im November bei Markus Lanz eingeladen und bot, was wir bisher kaum erlebt hatten: Trotz Einschüchterungen erzählt sie da, wie ein mächtiger Mann sexuell übergriffig wurde. Sie erzählt von ihrer Ohnmacht, von ihrer beruflichen Abhängigkeit.

Solidarität ist in Deutschland noch ausbaufähig

Der mächtige Mann ist WDR-Filmchef Gebhard Henke. Henke hatte zunächst gegen Roche geklagt. Doch als sich sieben weitere Frauen meldeten, die Henke beschuldigen, zog er, einen Tag vor der Gerichtsverhandlung, seine Klage gegen Roche zurück. Irritierend an dem gesamten Vorfall: Zu Beginn der Vorwürfe hatten 20 Künstlerinnen wie etwa Iris Berben sich zu einem offenen Brief „pro Henke“ zusammengeschlossen.

Einen solchen Akt der weiblichen Entsolidarisierung gegen eine Frau gab es weder in den USA noch in Frankreich. Dieser Vorfall zeigt: #MeToo ist ohne Mut auf Seiten der Medien und weibliche Solidaritätnicht denkbar. Diese Solidarität ist in Deutschland noch ausbaufähig.

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Der Mut von Charlotte Roche ist leider nicht der Normalfall. In den USAging eine berühmte Frau nach der anderen an die Öffentlichkeit. Jede nannte den Namen des Täters. 200 Männer verloren ihre Führungspositionen – und wurden durch Frauen ersetzt.

Armut ist ein Frauenthema

#MeToo bietet unter anderem die Chance, sexuellen Missbrauch am Arbeitsplatz zu bekämpfen. Es geht nicht um Flirtvorgaben oder erotische Anziehung – es geht um mächtige Männer, die übergriffig werden. Insbesondere Frauen in prekären Lebensverhältnissen sind solchen Vorgesetzten oft hilflos ausgeliefert. Hollywoods Frauen haben #MeToo zwar weltberühmt gemacht, doch dahinter steckt eine zehn Jahre alte Bewegung, die vor allem schwarze Frauen in sozial schwachen Milieus schützen sollte.

Auch bei uns ist Armut ein Frauenthema – wie soll eine alleinerziehende Mutter sich gegen einen übergriffigen Chef wehren, ohne die Konsequenzen zu fürchten? Auch hier gibt es Feministinnen, die Frauen angreifen und von der Autonomie der Frau sprechen, statt auch über soziale Milieus und Abhängigkeiten zu reden. Nicht jede Frau hat eine Jugendstilwohnung geerbt und kann den Job über Nacht an den Nagel hängen.

Wenn wir in Deutschland #MeToo schon verschlafen, dann sollten wir die Chance nutzen, um die Fragen des Feminismus neu aufzurollen. Warum stockt der Fortschritt in Deutschland? Weshalb fehlt weibliche Solidarität? Warum bilden wir oft das Schlusslicht in internationalen Vergleichsstudien?

Pro-Quote-Treffen allein unter Frauen werden nicht ausreichen

„Schluss mit dem Gender-Gaga!“, rufen die Gegner der Gleichstellung immer selbstbewusster. Im Kampf gegen den Backlash und gegen die Rückkehr der autoritären Herrscher wird jetzt gern die Quote gefordert. Doch das wird nicht reichen, so wenig wie Debatten über das Binnen-I und gendergerechte Sprache.

Was es jetzt braucht, sind starke Frauen, die unsere Gesellschaft mitgestalten. Und die Männer, die längst so weit sind, Feministen zu sein. Noch mehr Pro-Quote-Treffen allein unter Frauen werden nicht ausreichen. Wo sind die mächtigen Männer im Kampf um Gleichstellung?

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Wo junge, progressive Frauen wie Alexandria Ocasio-Cortez und viele andere Neue im Kongress, die Trump nun das Leben schwer machen? Diese Frauen sind Vertreterinnen von Minderheiten, und sie sind entschlossen, den Wandel einzuleiten. Sie kamen nicht durch Quoten an die Macht, sondern weil sie Teil eines Umbruchs sind.

Feminismus leben, der auch Männer mitnimmt

Ich nenne solche Frauen Sheroes. Ich habe ein Buch zum Thema Sheroes geschrieben, weil ich mir wünsche, dass Frauen sich zurück in die Arena begeben und das Gespräch mit Männern suchen. Sheroesgehen nicht gegen Männer vor, sie gehen vor allem ihren Weg. So weisen sie Machtmänner in ihre Schranken. Sie knöpfen sich jene vor, die gerne die Zeit zurückdrehen würden – und setzen sich gleichzeitig für soziale Gerechtigkeit ein: Weil es oft Männer sind, deren Körper der Kapitalismus auszubeuten weiß.

Alte weiße Männer wie Trump oder Bezos sind auch deshalb reich und mächtig, weil andere alte weiße Männer ihre Arbeitskraft zu billig verkaufen mussten. Sheroes sehen diese komplexen Zusammenhänge, sie machen es sich nicht leicht mit ihren Feindbildern. Sie schützen auch den alten weißen Mann, wenn er ausgebeutet wird. Und sie verbünden sich mit Männern, wenn sie reif genug sind, Feministen zu sein.

Wir brauchen auch in Deutschland diese Kultur der neuen Rollenbilder. Es braucht Frauen, die einen Feminismus leben, der auch Männer mitnimmt, denn die größte emanzipatorische Bewegung wird ohne Männer keine Erfolge feiern. Es wird sich nichts ändern, wenn nicht auch Männer Sheroes werden. In Sheroes steckt auch Heroes, der Mann kann sich ebenfalls für gleiche Rechte einsetzen. Es ist höchste Zeit für Sheroes. Für Menschen mit Mut für den Wandel, ganz gleich ob Mann oder Frau.

Zur Person: Die Autorin und Publizistin Jagoda Marinić wurde mit Romanen bekannt. Sie schreibt Kolumnen für die „SZ“, „taz“ und die „New York Times“. Ihr neues Buch „Sheroes“ (128 Seiten, 12 Euro) ist bei S. Fischer erschienen.

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Von Jagoda Marinić

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