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Warum diese junge Frau heute noch Bäuerin werden will

Warum diese junge Frau heute noch Bäuerin werden will
Foto:  Von Ditfurth

Mit 19 Jahren weiß Anneke Dusche schon, dass sie den Hof ihrer Eltern übernimmt und Landwirtin werden will. Ein Besuch auf dem Familienbetrieb. 


Zielstrebig klettert Anneke Dusche in den Traktor, greift zum Schaltknüppel und manövriert den Fünf-Tonnen-Traktor mit Anhänger aus der Scheune. Strohballen umladen steht auf dem Programm. Für die 19-Jährige ist das so alltäglich wie für andere das morgendliche Computerhochfahren im Büro. Denn Anneke macht eine Ausbildung zur Landwirtin. Unter der Woche arbeitet sie seit knapp anderthalb Jahren auf verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben. Im ersten Jahr war sie in einem Ackerbaubetrieb, gerade arbeitet sie bei einem Milchbauern in Kleinburgwedel. Einmal die Woche fährt sie zur Justus-von-Liebig-Berufsschule in Ahlem – dort ist sie eins von sieben Mädchen, die anderen 43 Mitschüler sind Jungs. Am Wochenende hilft sie zu Hause auf dem elterlichen Ackerbau-Betrieb in Isernhagen K.B. aus. Freizeit oder Zeit für Hobbys bleibt da nicht, aber das stört Anneke nicht.

Berufswunsch: Landwirtin

Dass Anneke Landwirtin werden wollte, stand für sie früh fest: Schon im Grundschulalter kletterte sie wie selbstverständlich mit ihrem Papa Henning auf den Trecker. Obwohl ihre Oma schimpfte: „Mensch, Henning, pass doch auf dein Mädchen auf.“ Vom Gymnasium in Altwarmbüchen wechselte sie in der 9. Klasse zur Hildesheimer Michelsenschule – wegen des landwirtschaftlichen Schwerpunkts. Dort standen neben Mathe und Deutsch auch Agrar und BWL auf dem Stundenplan. 2016 machte sie dort Abitur.
Seit der Oberstufe steht für sie fest, dass sie einmal den Familienbetrieb, der seit acht Generationen besteht, übernehmen wird. Ihre zwei jüngeren Schwestern sind sich noch nicht sicher, was sie später einmal machen möchten – auf dem elterlichen Hof werden sie aber eher nicht arbeiten. Im Sommer ist Anneke fertig mit ihrer Ausbildung und möchte nach Kiel ziehen, um dort Agrarwissenschaft zu studieren. Dass sie durch ihren Beruf wenig Zeit für Freunde hat, ist nicht so schlimm: „Meine engen Freunde kommen auch aus dem landwirtschaftlichen Bereich und verstehen das.“

Nicht nur Hofarbeit: Wenn Anneke von ihrem Ausbildungsbetrieb nach Hause kommt, heißt es lernen für die nächsten Prüfungen. Foto: von Ditfurth

Viel Land, viel Verantwortung

Damit der 230 Hektar große Betrieb noch viele weitere Jahre erhalten bleiben kann, plant sie, den Betrieb eines Tages auszubauen. Immer weniger Leute wollen im landwirtschaftlichen Bereich arbeiten. Innerhalb der vergangenen vier Jahre ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe um rund 3,4 Prozent zurückgegangen – laut des Statistischen Bundesamtes rund 10  000 Bauernhöfe. Ein Grund dafür ist, dass der Fokus im Lebenmitteleinzelhandel eher auf der Menge, als auf der Qualität liegt. „Wer als Lieferant die Preise der großen Lebensmittelketten nicht akzeptiert, wird zumeist gnadenlos ausgelistet“, sagt Gabi von der Brelie, Pressesprecherin des Landvolks Niedersachsen.

Und die Globalisierung trägt stark dazu bei, denn Landwirte aus Ländern wie Rumänien oder Polen können die Waren noch günstiger anbieten und produzieren. „Alle wollen regionale Lebensmittel, aber dafür kein Geld ausgeben. Das funktioniert einfach nicht“, sagt Anneke. Noch führt ihr Vater Henning den Familienbetrieb, nach dem Studium soll sich das aber ändern. Nur mit dem Ackerbau wird der Hof nicht auf Dauer überleben können. Aber Anneke weiß genau, was sie will: Im Studium hofft sie Anregungen zu bekommen, mit denen sie den Betrieb um einen zweiten Betriebszweig erweitern kann. Bisher baut die Familie Raps, Weizen, Gerste und Roggen an. Sie kann sich aber auch vorstellen, später mit Kühen, Pferden oder Rindern auf dem Hof zu arbeiten.

Ist das Stroh trocken? Damit es nicht schimmelt, muss regelmäßig die Feuchtigkeit der großen Ballen gemessen werden. Foto: von Dithfurth

Solange das Wetter mitspielt

Dass das Leben als Landwirtin nicht immer einfach ist, hat Anneke in den vergangenen Monaten am eigenen Leib erfahren. Weil es so viel geregnet hat, konnten viele Bauern ihre Äcker im Herbst gar nicht bewirtschaften. Anneke lässt ihren Blick über die durchnässten Felder schweifen und erzählt: „Seit Juli hat es nicht aufgehört zu regnen. Es fühlte sich an, als würde es nie aufhören.“ Alles war nass und matschig und die Felder wurden einfach nicht trocken. Das hat nicht nur die Arbeit in den Erntemonaten erschwert, sondern sorgte auch dafür, dass die Bauern die neue Saat nicht aufs Feld bringen konnten. In der Scheune hinter ihr stapeln sich noch die übrig gebliebenen Saat­säcke auf Paletten. Als Landwirt muss man eben auch oft um seine Existenz kämpfen: „Wenn es drei Jahre hintereinander so regnet und man nicht vernünftig aussäen und ernten kann, braucht man schon gute finanzielle Rücklagen“, sagt Anneke.
Während andere in ihrem Alter ausziehen wollen, fühlt sich Anneke auf dem Familienbetrieb pudelwohl. Sie lächelt, wenn sie darüber redet, wie gern sie zu Hause ist: „Immer wenn ich auf den Hof fahre, bin ich schon so glücklich,“ sagt sie. Auf dem elterlichen Hof findet Anneke alles, was sie sich wünscht. Hinter dem Haus ist ein See, an dem sie mit ihren Freunden im Sommer picknickt. Im Stall neben dem Wohnhaus stehen die Pferde, mit denen sie ausreitet, wann immer sie Lust dazu hat.

Gratis-Trockner: Wenn es regnet, müssen die Pferde zwischen einstreuen und Stall ausmisten auch mal trocken gerieben werden. Foto: von Ditfurth

Ihre Abende verbringt Anneke gerne mit ihrer Familie: „Abends ist es einfach so gemütlich, wenn wir mit der Familie am Kamin sitzen. Wir verstehen uns auch alle so gut, und es ist immer sehr schön.“ Und wenn es ihr dann doch zu öde wird auf dem Sofa, fährt sie mit ihren Freunden nach Hannover oder Hildesheim, geht feiern oder essen. Dass es schwierig ist, einfach mal so in den Urlaub zu fahren, wenn die Tiere versorgt werden müssen oder gerade Ernteezeit ist, stört sie nicht. Gereist ist die Familie schon immer selten. „Für mich ist das Leben auf dem Hof Entspannung pur. Warum sollte ich noch in den Urlaub fahren?“, sagt Anneke.

Von Sophie Richter


Junge Landwirte in Niedersachsen

3900 Höfe pro Jahr ​mussten laut dem Landvolk Niedersachsen von 2010 bis 2016 schließen. Insgesamt gibt es noch rund 38 000 Bauernhöfe in Niedersachsen.

Die Gründe dafür sind vielfältig​meist handelt es sich um Familienentscheidungen. Teilweise werden die Betriebe nicht ausreichend modernisiert und angepasst oder die Kinder haben kein Interesse an der Landwirtschaft.

5800 Azubis lernen ​zurzeit in einem der 14 grünen Berufe von Landwirt bis zum Milchlaborant oder Gärtner – davon ist jeder dritte Landwirtschaftsazubi.

Um Nachwuchs kümmern sich ​das niedersächsische Landvolk und die Landwirtschaftskammer auf regionalen Bildungsmessen.

Zwischen 50 und 60 Stunden ​pro Woche arbeiten Landwirte im Durchschnitt.

Nur bei 32 Prozent der Höfe ​ist die Nachfolge gesichert. Dabei gilt laut einer Erhebung der Statistischen Monatshefte Niedersachsen von 2012: Je größer der Hof, desto höher die Übernahmebereitschaft.

Von Kira von der Brelie

Über den Autor/die Autorin:

MADS-Team

Unter diesem Namen sammeln wir Beiträge von Gastautoren, Autorenkollektiven oder freien Mitarbeiter bei MADS. Die Namen des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin stehen dann immer unter dem einzelnen Beitrag.

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